Frieze - New York

Noch mehr Lärm

Mit Spannung wurde die zweite Ausgabe der New Yorker Frieze erwartet – würde New York neben der Armory Show eine weitere Kunstmesse vertragen? Dank versteckter Bar, einem riesigen Plastikhund und ausnahmsweise entspannten New Yorkern fällt die Antwort eindeutig aus.

Das Galerienviertel von Chelsea mag in diesen Tagen von Jeff Koons und seinen Ausstellungen beherrscht zu werden, auf Randall's Island regiert jedoch Paul McCarthy.

Die Messebesucher werden vor dem weißen Frieze-Zelt von einem gigantischen Ballon-Hund aus dem Hause McCarthy empfangen. Ein ebenso respektloser wie humorvoller Seitenhieb gegen Koons glänzende Ballon-Kreaturen und gegen den erfolgreichen New Yorker Kollegen, der wie kaum ein anderer den Erfolg am Kunstmarkt verkörpert. 950 000 Dollar kostet McCarthys Riesen-Tier. Bei Hauser & Wirth am Messestand konnte man dann eine handliche, kleine Version (für je 25 000 Dollar) in unterschiedlichen Farben erwerben – die 40 Exemplare waren am Nachtmittag ausverkauft.

Zum zweiten Mal führte die Londoner Frieze-Mannschaft der Konkurrenz von der Armory vor, dass man trotz des schwerlich zu erreichenden Standortes auf Randall's Island im East River eine große Messe veranstalten kann, die über den Charme einer Verkaufsbuden-Show hinausgeht. Rund 190 Galeristen, darunter viele New Yorker Kunsthändler, haben sich in dem lichtdurchfluteten Zelt ausgebreitet. Das Essen von handverlesenen Restaurants ist wieder überraschend gut. Die Künstler Matthew Day Jackson, Tina Girouard und Jonathan Horowitz übernehmen im Wechsel die Küche der FOOD-Kantine, eine Hommage an Gordon Matta-Clarks und Carol Goodens Restaurant aus den siebziger Jahren in SoHo. Der Vorteil an Randall's Island sei, dass die sonst gehetzten New Yorker nicht so einfach wieder von der Insel entkommen können, meinte der lokale Galerist Phil Grauer von der Canada Gallery, der in den ersten Stunden zwei großformatige Arbeiten von dem jungen amerikanischen Maler Michael Williams (für 35 000 Dollar) verkauft hatte.

Und so füllte sich das Zelt bis in die späten Abendstunden, als die Besucher wieder per Fähre oder Schulbus zurück nach Manhattan verfrachtet wurden. Das Sammler-Ehepaar Rubell schlenderte über die Messe. MoMA-Direktor Glenn Lowry schien bester Dinge zu sein. Hotelier André Balazs tauschte sich mit Jay Jopling von White Cube über das Haus eines Freundes aus. REM-Frontman Michael Stipe lief mit verspiegelter Sonnenbrille und Rucksack auf.

Waren die Verkäufe im Vorjahr für viele Galeristen eher mager ausgefallen, blickte man an diesem Frieze-Eröffnungstag in zufriedenere Gesichter. L&M Arts aus Los Angeles hatte bereits zwei Perlen-Bilder der in Südafrika lebenden Künstlerin Liza Lou mit Preisen von 85 000 bis 350 000 Dollar verkauft. Esther Schipper aus Berlin eines von Ugo Rondinones Miniatur-Pferden in Bronze (21 000 Euro). Judy Lybke von Eigen+Art vermeldete einen hervorragenden Einstieg mit Verkäufen von David Schnell (160 000 Dollar), Martin Eder (42 000), Neo Rauch und einer gigantischen Fliege von Birgit Brenner (35 000 Dollar). New York scheint zwei dicht aufeinander folgende Messen gut vertragen zu können. "Die Armory und die Frieze sind beide attraktiv für uns, weil es sich mit New York nun einmal um den wichtigsten Kunstmarkt der Welt handelt", meinte Jorg Grimm von der vor acht Jahre gegründeten Amsterdamer Grimm Galerie. Er hatte Skulpturen von Nick Van Woert dabei und eine Arbeit am ersten Tag verkauft. "Wenn einige Galerien mehrere Filialen in einer Stadt betreiben, macht es für uns Sinn, an zwei Messen in New York teilzunehmen."

Während einige Kunsthändler die Messe im ersten Jahr mit extravaganten Auftritten in eine amüsante Spielbude verwandelt hatten, läuft es dieses Jahr mit Ausnahmen konventioneller ab. Greengrassi und Andrew Kreps teilen sich ihren Stand für einen gelungenen Doppel-Auftritt von LA-Künstlerin Pae White und Fotograf Roe Ethridge. Die New Yorker CRG Gallery ließ den Betonmischer eines Lastwagens, den der brasilianische Künstler Alexandre da Cunha bemalt hatte, auf ihren Stand verfrachten. Marianne Vitale stellt im Rahmen des von Cecilia Alemani kuratierten Skulpturen-Projektes Teile einer verkohlten Scheune im Zelt auf, die so bedrohlich wie eine feuerbereite Rakete aussehen. Die politische LA-Künstlerin Andrea Bowers legt sich in einem öffentlichen Schreiben mit dem Frieze-Team an, das es erfolgreich umgeht, gewerkschaftlich organisierte Arbeiter einzusetzen, dabei Geld spart und dennoch deftige Eintrittsgelder mit einem Preis von 42 Dollar pro Tagesticket kassiert.

Messe-Neuzugang Marian Goodman präsentiert sich mit einer leeren weißen Box, in der ein junges Mädchen im Licht der Neonröhren eine der konstruierten Situationen von Tino Sehgal vorführt. Das blasse Mädchen mit den dürren Armen, die sie wie ein Roboter bewegt, spielt einen Manga-Charakter mit dem Namen AnnLee. "Der Künstler wollte, dass ich mir selbst gehöre", sagt das Kind und fragt: "Das ist großzügig, schätze ich?" Der ursprünglich aus Korea stammende Do Ho Suh hat bei Lehmann Maupin sein Berliner Apartment mit Polyester nachgebaut. Gavin Brown ließ einen Teil seines Standes mit flauschigen Decken des Norwegers Bjarne Melgaard füllen (Preis: 12 000 Dollar pro Decke). Bei aller Gemütlichkeit hielt sich Euphorie über die Messe bei Brown in Grenzen. Frieze hätte nicht viel mehr getan als die Kunstwelt mit noch mehr Lärm zu bereichern, so der New Yorker Galerist: "Und es ist bereits sehr laut."

An die 200 Messebesucher pro Tag werden das exklusive Gefühl haben, sich dem Rummel für einen Moment entziehen zu können. Die LA-Künstlerin Liz Glynn hat eine Undercover-Bar gebaut. Jeden Tag erhalten zufällig ausgewählte Gäste einen Umschlag mit Instruktionen, die sie zu dem geheimen Ort führen. Dort erwarten sie Barkeeper, die Geschichten von Franz Kafka und dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges erzählen – und all dem Kunstzauber zum Trotz Cocktails servieren.