Galerie Thomas - München

Wir haben eine goldene Zeit erlebt

Die Galerie Thomas in München feiert 50-jähriges Jubiläum.
Goldene Zeiten:Die Galerie Thomas

Graffiti-Ausstellung in der Maximilianstrasse 25, 1984

Walter Scheel und Henri Nannen stecken adrett in einem Anzug aus edlem Tuch nebst Krawatte, ihr Gegenüber Raimund Thomas trug das gewellte Haar dem Trend der Zeit entsprechend bis übers Ohr und den übergroßen Hemdkragen weit geöffnet.

Was für ein schöner Kontrast! Das Foto wurde 1979 auf der Westdeutschen Kunstmesse in Köln, dem Vorgänger der Art Cologne, aufgenommen. Wer sich die Eröffnungsfotos aus den frühen Jahren der Galerie Thomas anschaut, sieht zugleich ein Stück bundesrepublikanische Kunsthandelsgeschichte Revue passieren. Galerie Thomas feiert dieses Jahr großes Jubiläum, wird unglaubliche 50 Jahre alt. Und erst im Rückblick wird ganz bewusst, wie sehr der in München ansässige Kunsthändler mit seiner Familie die Geschicke etlicher auf dem Markt auftauchender Meisterstücke der Moderne wesentlich mit bestimmt hat. Neben den Vertretern des deutschen Expressionismus, der École de Paris, der internationalen Nachkriegsavantgarde (Yves Klein, Cy Twombly, Joseph Beuys, Gerhard Richter) machte sich Thomas auch für die Pop Art und Graffiti-Künstler wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat stark. Und in den achtziger Jahren etablierte sich die Galerie auch zu einer der besten deutschen Adressen für die Klassische Moderne.

1964 bezog man Räume in der damals noch nicht so einseitig von Mode-Flagshipstores besetzten Maximilianstraße. Bis heute residiert Thomas in der Hausnummer 25 und vertreibt von hier aus über zwei Stockwerke hinweg nicht wenige Trouvaillen der Kunst bis 1945. Die kleine Schwester der Galerie darf zum großen Jubiläum auch mitfeiern. Thomas Modern wird fünf Jahre alt und ist ihrer Vorgängerin zumindest in den räumlichen Ausdehnung auf 700 Quadratmetern quantitativ um einiges überlegen. Dass sich die in Nachbarschaft der Pinakothek der Moderne angesiedelte Dependance auch mit der Zeit kommerziell lohnen würde, war bei der Einweihung der auf Großformatiges abgestimmten Säle im Erdgeschoss des Palais der ehemaligen DZ Bank nicht unbedingt klar. Raimund Thomas erinnert sich an die Zeit der letzten größeren Kunstmarktkrise: "Als wir den Entschluss 2008 fassten, waren wir wirtschaftlich und emotional etwas angeschlagen. Es war so gesehen eine ziemlich mutige Entscheidung. Wir dachten allerdings, dass sich die Dinge wieder nach oben entwickeln könnten." Wie Recht er doch behalten sollte!

Unter dem etwas vollmundigen Titel "50 Jahre Durchblick" findet nun in beiden Münchner Galerien eine Jubiläumsausstellung statt. Zur metaphorischen Unterstreichung des Mottos wurde auf die Einladungskarte ein über Raimund Thomas' Porträt liegendes Augenpaar herausgestanzt. Dieser Kunstgriff nimmt sich vielleicht leicht albern aus, aber Raimund Thomas, Tochter Silke und sein Crew lieben die publikumsoffene Nähe zum Schalk. Und so bat man auch angestammte Kunden um ihre eigenhändig gestaltete, gemalte, gezeichnete, collagierte Glückwunschkarte zum Geburtstag. "Es sind unglaublich schöne, auch humorvolle Karten entstanden", sagt der Galerist. Weil sich aus gegebenen Kostengründen nicht eine museale Überblicksschau mit durchgängigen Spitzenwerken einrichten ließ, griff Thomas bei dem historischen Bilderbogen zu seiner Galerie auch auf zahlreiche Reproduktionen zurück. "Ich habe versucht aus dem Kunterbunten etwas optisch Erträgliches zu machen", sagt er seufzend.

Weitgehend vergessen ist heute die von Thomas 1987 mit großem Engagement eingerichtete private Kunsthalle A11 Art Forum im Münchner Lehel. Das sich über drei Jahre hinziehende Experiment war für die Galerie finanziell allerdings nicht auf Dauer tragbar, zumal die Krise damals härter denn je im Nachkriegskunsthandel zuschlug. Der seinerzeit in zeitgenössischen Dingen vollkommen verschlafenen Stadt München verhalf die kleine Kunsthalle aber tatsächlich zu einer neuen Sicht auf die aktuelle Szene, allen voran auf Künstler der documenta oder Venedig-Biennale. Heute ist Thomas von keiner der großen Messen mehr wegzudenken, tritt sowohl auf der Art Basel (Miami) wie in Maastricht mit immer gestalterisch durchkonjugierten Ständen auffallend in Erscheinung. Wie aber hat sich der Fokus innerhalb der letzten 50 Jahre verschoben? Raimund Thomas zieht sein individuelles Resümee. "Wir haben eine goldene Zeit in den sechziger und siebziger Jahren erlebt, weil zeitgenössische Kunst eine große Euphorie im breiten Publikum hervorgerufen hatte und zum Allgemeingut wurde." Und weiter: "Heute ist die zeitgenössische Kunst global sehr präsent, aber damit haben sich auch die Aufgaben stark in Richtung Kommunikation und Beweglichkeit verlagert. Meine Tochter und ich fühlen uns herausgefordert, die persönlichen Kontakte zu den Kunden wieder zu intensivieren." Vermutlich ist es dieses fast störrische Festhalten am direkten Austausch mit den Kunstklienten, das Thomas' nachhaltigen internationalen Erfolg garantiert.

50 Jahre Durchblick. Leben mit der Kunst

Jubiläumsausstellung Galerie Thomas und Thomas Modern, 13. September – 15. November 2014

http://www.galerie-thomas.de