Armory Show - New York

Totgeglaubte leben länger

Trotz aller Kritik, verunsicherter Galeristen und gescheiterter Verkaufsversuche behauptet sich die Armory Show als Messe der ersten Kategorie – noch.

Sobald es etwas umsonst gibt, freuen sich alle. Auch die betuchten Sammler, die sich zur diesjährigen Ausgabe der Armory zu den Piers am Hudson River aufmachen.

Und so rennen sie scharenweise mit Brillo-Pappboxen über die Messe. Der New Yorker Künstler Charles Lutz hat Warhols berühmte Kisten aus Pappe nachbauen lassen. Als Vorlage dienten ihm Boxen, die als Fälschungen erklärt worden waren. 200 der nachgemachten Fälschungen werden an jedem Messetag zu einem Turm am Pier 94 aufgebaut. Am Eröffnungstag soll es beim Kampf um die letzten Kartons fast zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Ansonsten verlief die Armory friedlich. In der Sektion für die Kunst der Moderne der Armory Show bewies man weniger Sinn für Humor: Charles Lutz´ Brillo-Boxen, ob nun in Würfelform oder ordentlich zusammengefaltet, durften nicht mit auf den zweiten Armory-Pier gebracht werden. Man wollte verhindern, dass kostbare Werke mit den billigen Pappen beschädigt werden könnten.

Der neue Messechef Noah Horowitz, der zuvor die wenig erfolgreiche VIP-Online-Messe leitete, hatte sich Mühe gegeben, die Verkaufsshow zu entrümpeln und weniger angepasst zu gestalten. So engagierte er die New Yorker Performance-Künstlerin Liz Magic Laser (art 10/2012) für ein Armory-Projekt. Was eine ebenso eigenartige Wahl war wie die Entscheidung, die Focus-Sektion den USA zu widmen und von einem Museumsdirektoren – Eric Shiner vom Andy Warhol Museum in Pittsburgh – organisieren zu lassen. Laser setzte Kunstjournalisten, Kritiker, Sammler und Kuratoren an einen Tisch und ließ sie vor laufender Kamera über die Armory und die Zukunft der Messe diskutieren. Ein delikates Thema. Schließlich klagen Galeristen und Sammler seit der Übernahme durch das Messe-Großunternehmen Merchandise Mart, dass die Verkaufsshow zu groß und zu schlecht organisiert ist – und den Charme einer Autobahnraststätte hat. Mit Ankunft der Konkurrenz-Messe Frieze aus London in 2012 stand schlagartig die Frage im Raum, ob die Armory überhaupt überleben wird. Die kanadische Verlegerin Louise Blouin (Art+Auction, Modern Painters) soll in Verhandlungen zur Übernahme der Armory gestanden haben, aber von dem Deal zurückgetreten sein.

Viele Kunsthändler zogen sich bereits von der Messe zurück. Die wichtigen US-Galerien findet man wie bereits im Vorjahr bei der Art Show, dem exklusiven Club der Art Dealers Association of America (ADAA) in der Park Avenue Armory. Den spannenden Mix aus internationalen Galerien auf der vor vier Jahren gestarteten Independent-Messe in Chelsea. Viele Teilnehmer der Armory waren angetreten, um der Verkaufsshow eine letzte Chance zu geben und Bilanz zu ziehen, ob sie in Zukunft lieber im Mai zur Frieze nach New York kommen oder sich New York zu Gunsten von Miami sparen sollten. Aber Totgeglaubte leben länger, wie Kerstin Wahala von der Galerie Eigen + Art so schön feststellte. "Würde ich es mit meinen Galerien in New York gern vermeiden, zusätzlich Messe-Standmieten zu zahlen?", fragte Marianne Boesky, die sowohl auf der Armory als auch auf der Art Show vertreten ist. "Sicherlich. Aber Messen lohnen sich. Die Leute stehen ganz einfach mehr unter Druck, Entscheidungen zu fällen als bei einem Galerie-Besuch."

Als entlarvende Selbstkritik zum Armoy-Betrieb läuft Liz Magic Lasers Film von der debattierenden Fokusgruppe auf einem der Stände. Auch sonst ging die Künstlerin, die dem Messerummel kritisch gegenüber steht, offenherzig mit der Armory um. T-Shirts, Taschen und Karten ließ sie mit Zahlen bedrucken, über die sonst kaum einer spricht: Dass ein durchschnittlicher Armory-Stand 24 000 Dollar kostet. Dass VIP-Besucher sich alles andere als auserwählt fühlen dürften – schließlich genießen weitere 12 365 Leute den gleichen gehobenen Status. Und dass das Einkommen der Besucher im Schnitt bei stattlichen 334 000 Dollar liegt. Die legten sie in manchen Fällen zaghaft, aber insgesamt überraschend motiviert an. Am Messestand von Kavi Gupta aus Chicago, der unter anderem einen Schneemann von Tony Tasset für 80 000 Dollar verkaufte, dominierten bereits in den ersten Stunden die roten Aufkleber – fast alles hatte einen Sammler gefunden. Ronald Feldmann Fine Arts widmete seinen Stand dem Westküsten-Künstler Terry Fox mit seinen Text- und Klangexperimenten. "Kein einfacher Künstler", so Eleanore Hopper. "Wir sind überrascht, wie positiv die Arbeiten aufgenommen werden." Ein Mobile mit Spruchbändern und Worten von John Cage hatte sich für 15 000 Dollar verkauft. Bei Eigen + Art fand in den ersten 30 Minuten eine Arbeit von Uwe Kowski für 50 000 Dollar einen Sammler. Ebenso die gefühlvollen Porträtmalereien von der amerikanischen Malerin Melora Kuhn mit Preisen von 6000 Dollar. Bei Eva Presenhuber verkaufte sich ein Masken-Paar von Ugo Rondinone für mehr als 200 000 Dollar. Und die Lower-East-Side-Galerie Eleven Rivington hatte Kerzenbilder des jungen New Yorker Künstlers TM Davy im Angebot. Alle 20 Arbeiten mit Preisen von bis zu 3500 Dollar waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Larry Gagosian stattete seinen Stand wie zur Kampfansage mit Camouflage-Bildern von Warhol aus. Im von Louise Blouin herausgegebenen Messe-Blatt schaltete seine Galerie eine ganzseitige Anzeige, auf der für Mai eine Chelsea-Show mit Arbeiten des abtrünnigen Künstlers Jeff Koons angekündigt wurde. Koons wird (ebenfalls im Mai) seine erste Ausstellung bei seinem neuen Galeristen David Zwirner ein paar Straßen weiter eröffnen.

Einige Galeristen bezogen sich auf das 100-jährige Jubiläum der Armory und vor allem auf Marcel Duchamp. Duchamp-Experte Francis Naumann re-installierte eine Ausstellung aus seiner Galerie mit Arbeiten, die von Duchamps Werk "Nude Descending a Staircase” beeinflusst wurden. Die Pierogi Gallery hängte zu Ehren von Duchamp ein Pissior von Andrew Ohanesian auf. Ansonsten plätscherte die Messe wenig aufregend vor sich hin. Am meisten lehnten sich die beiden norwegischen, in Bushwick arbeitenden Künstler Bjarne Melgaard (der als neuer Künstler bei Gavin Brown an Bord geht) and Sverre Bjertnes mit ihrer trashigen Hommage an Kunsthändlerin Mary Boone aus dem Fenster, die wie kaum eine andere Galeristin für die gierigen, goldenen achtziger Jahre steht. Hervorragende Kunst fand sich gleich neben Verkaufsware und modischem Schnickschnack. So wie die fantastischen Arbeiten von Alighiero e Boetti bei der Noire Galerie aus Turin neben nervtötenden Collagen von Luxusgütern und Hip-Hop-Trophäen von Rashaad Newsome bei Marlborough Chelsea. Collagen, Arbeiten, in denen Materialien übereinander geschichtet wurden und textlastige Werke mit schlauen Sprüchen waren bei auffällig vielen Messeständen im Angebot.

Auf der anderen Seite der Stadt waren bei der ADAA-Show insgesamt 72 Galerien vertreten – alles was vor allem in New York einen Namen hat. Das Gefühl von Gleichförmigkeit wie auf der Armory würde es bei der Art Show nicht geben, sagte Adam Sheffer von Cheim & Read. "Hier finden sich starke Einzelpositionen, eine Vielfahrt von Erlebnissen." Seine Galerie hat sich von der Armory verabschiedet, um sich für die Frieze und die Art Show zu entscheiden, wo der bald 77-jährige Jannis Kounellis den Stand mit einer Installation aus Stahlplatten, alten Nähmaschinen, Mauersteinen und Kohlen blockierte ("All or Nothing at All” für 500 000 Dollar). Die meisten Galerien entschieden sich für Soloshows. Fotografien von Degas´ Ballerina von Louise Lawler bei Metro Pictures waren am Eröffnungstag ausverkauft. Marian Goodman zeigte Tacita Dean, Michael Werner Aaron Curry. David Nolan die deutsche Künstlerin Jorinde Voigt.

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