Frieze - New York

Viel teures Zeugs

Wo Milliardäre einkaufen gehen: New-York-Korrespondetin Claudia Bodin berichtet von der Kunstmesse Frieze.

Marian Goodman, Grand Dame des New Yorker Kunstbetriebes, hat wieder allen die Show gestohlen.

Im vergangenen Jahr überließ die Kunsthändlerin ihren Messestand jungen Mädchen, die eine Performance von Tino Sehgal lieferten. Und auch in diesem Jahr verzichtete das Goodman-Team wieder auf einen Messestand und ließ Danh Vo ein Mobile aus mit goldener Farbe bemalten Pappen aufhängen. Die Pappen hatte der in Berlin lebende Künstler mit amerikanischen Flaggen und Coca-Cola-Zeichen besetzt. Danh Vos Vater malte die Geschichte von Aschenputtel in altdeutscher Schrift auf. Von weitem hatte die Arbeit hoch oben in dem schneeweißen Frieze-Zelt etwas Feierliches. Doch sobald man sich ihr näherte, sahen die US-Flaggen alles andere als stattlich aus. "Massive Black Hole in the Dark Heart of Our Milky Way" verkaufte sich gleich in den ersten Stunden an die japanische Sammlung Ishikawa für ihr Museum.

Zum dritten Mal hat die New Yorker Ausgabe der Londoner Frieze-Messe ihr Zelt auf Randall´s Island am East River aufgeschlagen. Wie in den Vorjahren erinnerte das trübe Nieselwetter an die Londoner Wurzeln. Doch ansonsten ist es dem Frieze-Team gelungen, in kürzester Zeit eine wahre New Yorker Messe zu etablieren. 30 Prozent der 190 Galerien aus insgesamt 29 Ländern, die sich auf einer Fläche von 23000 Quadratmetern ausbreiten, stammen aus New York. Viele der großen New Yorker Blue-Chip-Galerien sind vertreten. Darunter auch zum ersten Mal Barbara Gladstone, die einen der besten Messestände lieferte. Gezeigt werden mehr als 200 grotesk vulgäre Zeichnungen von Carroll Dunham (der Vater von Lena Dunham vom dem Fernsehhit ”Girls”), aus den Jahren von 1979 bis 2013, die sich zu Preisen von 5000 bis 10 000 Dollar verkauften. Am Nachmittag saß Gladstone, die Augen hinter einer großen Sonnenbrille versteckt, am Stand und checkte die Verkäufe.

Zu denen war ansonsten das mittlerweile Messeübliche zu vermelden. Die Großen wie David Zwirner (mit Arbeiten von seinem Neuzugang und Gagosian-Abgang Yayoi Kusama und Werken von Donald Judd) und Gagosian mit neuen Bildern von Ed Ruscha und einer eigenen Zeitung, die gratis auslag, meldeten den Ausverkauf. Was in Zeiten der Superlative niemand mehr großartig aufregt. Viele Galerien wie Hauser & Wirth mit einem gelungenen Auftritt, der die Großkaliber Paul McCarthy, Louise Bourgeois und Rita Ackermann vereinte, oder Thaddaeus Ropac, der bereits im Vorwege eine tonnenschwere Bronze-Skulptur von Georg Baselitz für 1,8 Milllionen Dollar und in den ersten Stunden ein Bild von Robert Longo (für 375 000 Dollar) verkauft hatte, melden gute bis hervorragende Geschäfte. Andere klagten über schleppende Verkäufe.

Einige Galerien gaben lang vergessenen Künstlern ihren wohl verdienten Auftritt. David Kordansky aus Los Angeles zeigte drei großformatige, an Batik-Arbeiten erinnernde Gemälde des inzwischen 80-jährigen Sam Gilliam. Eines ging an das Metropolitan Museum of Art. Susane Vielmetter hatte den 71-jährigen Künstler Charles Gaines mitgebracht, der mit seinen Baum- und mathematischen Studien (zu Preisen von 8000 bis 60 000 Dollar) den Messestand füllte. Die britische Galerie Anthony Wilkinson präsentierte die Video- und Performance-Pionierin Joan Jonas, die Amerika 2015 auf der Biennale in Venedig vertreten wird. Und im Rahmen der Frieze Projects wurde das Hotel-Projekt von Allen Ruppersberg von 1971 wieder neu aufgelegt. Für 375 Dollar konnten ausgewählte Messegäste im Jesus Room oder im Hochzeits-Zimmer absteigen und die Nacht auf Randell´s Island im Zelt verbringen.

Während sich Sammler, Museumsleute, Prominente wie Leonardo DiCaprio und Uma Thurman, Künstler wie Dana Schutz, Nicole Eisenman und Tracey Emin und Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg (der eine Keramik-Skulptur von Linda Benglis bei Cheim & Read kaufte), am Preview-Tag durch die Gänge schoben, war die Messe am zweiten Tag mäßig besucht. 16 Nebenmessen mit 400 teilnehmenden Galerien haben sich an den Frieze-Termin gehängt und sorgen für Konkurrenz. Schließlich funktioniert das Datum während der New Yorker Frühlingsauktionen bestens, weil Sammler aus aller Welt in der Stadt zu Gast sind. Die Qualität der Arbeiten auf der Frieze ist beeindruckend. Das Licht im Zelt stimmt. Die Kunsthändler haben genügend Platz, um sich auszubreiten. Die Kojen sind flexibel gestaltet. Das weiße Zelt ist einer der wenigen Messe-Orte, wo die Kunst wirklich gut aussieht. Aber insgesamt ist die Messe zu groß, so dass man sich von der Masse der angebotenen Ware erschlagen fühlt. ”Wer sich wie wir an einem Ende des Zeltes befindet, verliert 50 Prozent der Besucher”, schätzte Oliver Miro von Victoria Miro aus London, der trotzdem gute Geschäfte machte.

”Die Stimmung ist hervorragend, die Besucher wirken enthusiastisch”, meinte die New Yorker Kunsthändlerin Jane Cohan. Auch als lokale Galeristin muss sie bei einer New Yorker Verkaufsshow präsent sein. Weil viele der angereisten Sammler das kompakte Shopping-Erlebnis inzwischen gegenüber dem Galeriebesuch bevorzugen. Cohan hatte bereits am ersten Tag zwei Editionen der ”Fossil Necklaces” aus Urzeitperlen von der Schottin Katie Paterson für je 60 000 Dollar verkauft. ”Die Leute wollen ein Erlebnis und gezielt, ohne Ablenkung einkaufen. Und wenn sie im Anschluss ihre Freunde zum Essen treffen, geht es um die Frage: Und, was hast Du gekauft?”, sagte auch Nadia Gerazouni von The Breeder aus Athen, die mit Arbeiten von griechischen Künstlern wie Antonis Donef einen sehr guten Messestand bot. Gerazouni hatte sich wie viele andere internationale Galerien gegen die Armory-Messe im März und für Frieze entschieden. ”New York ist wichtig für uns. Die Frieze wirkt jünger”, befand auch Liza Essers von der Goodman Gallery aus Johannesburg, die südafrikanische Künstler wie den Fotografen Mikhael Subotzky mitgebracht hatte. ”Von den Geschäften abgesehen, ist New York als historischer Kunst-Standort wichtig und obendrein das intellektuelle Zentrum der USA”, sagte die Hamburger Galeristin Karin Guenther.

Erstaunlich bleibt, wie es dem Frieze-Team gelingt, trotz Fauxpas den Ruf der coolen, engagierten Messe zu behalten. Endlich haben sich die Londoner, die in den Vorjahren zum Entsetzen einiger Künstler nicht mit den Teams der Unions arbeiteten, mit den Gewerkschaften geeinigt. Zum Ärger vieler Besucher, die extra mit der Fähre oder dem Bus anreisten und einen stolzen Preis von 43 Dollar Eintritt gezahlt hatten, war ein Talk mit den Pussy-Riot-Mitgliedern ausverkauft. Sogar ein alles anderes als cooler Massenmarkt-Sponsor wie der Bekleidungshersteller Gap, der die diesjährige Lounge ausstattete und T-Shirts (mit Kunst natürlich – von Alex Katz, Yoko Ono oder Richard Phillips) verkaufte, richtete keinen Image-Schaden an.

Messen seien ein Übel, das sich nicht mehr wegleugnen lässt, meinte der New Yorker Maler Eric Fischl. ”Es ist die neue Realität. Und es ist viel teurer Kram zu sehen”, befand Fischl, der vor Ort war, um für seine neue Serie Fotos zu schießen. Ein Bild aus der Serie war zum Preis von 650 000 Dollar bei Victoria Miro zu sehen, wo Fischl im Herbst eine Ausstellung mit weiteren Werken, die Szenen von Kunstmessen zeigen, eröffnen wird. Bereits einen Tag nach der Preview rollte der Pariser Kunsthändler Emmanuel Perrotin das Telefon gestresst am Ohr mit seinem Koffer durch Chelsea. Viele der Galeristen reisten weiter zur nächsten Messe nach Hongkong. ”Es ist zu viel, es ist kaum zu schaffen”, meinte ein europäischer Kunsthändler. ”Aber es läuft einfach zu gut, um aufzuhören.”

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