Michael Neff - Interview

Es wird auch vor der Eingangstür gekehrt

Lange betreute Michael Neff die VIPs des Berliner Gallery Weekends mit gebotener Nonchalance. Zum zehnjährigen Jubiläum des Weekends gab der gebürtige Frankfurter nun im Mai seinen Abschied bekannt. Dass der Kunstberater und Ex-Galerist dafür bei dem Auktionshaus Villa Grisebach als "Creative Director" anheuert, wurde erst unlängst bekannt.

Was für eine Überraschung, Herr Neff! Als Creative Director werden Sie künftig das Auktionshaus Villa Grisebach betreuen. Als Sie beim letzten Gallery Weekend ihren Abschied als Leiter der VIP-Relations bekannt gaben, konnte man zwar ahnen, dass nach zehn Jahren Impresario-Tätigkeit etwas Neues ansteht, aber nicht unbedingt dies.

Das eine hat gar nichts mit dem anderen zu tun. Ich wollte aus Zeitgründen schon letztes Jahr beim Gallery Weekend aufhören, konnte nur keinen geeigneten Nachfolger finden. Und dann übernahm Maike Cruse letztes Jahr die Berliner Herbstschau "abc", wo sie sehr erfolgreich war und ich ihr auch geholfen habe. Und ich bat sie damals schon: "Es wäre toll, wenn du auch das Gallery Weekend übernehmen würdest." Das war der Deal! Ich kenne Maike schon seit einer Ewigkeit, seit ihrer Tätigkeit bei der Art Basel. Die Villa Grisebach wiederum bohrt schon seit zirka einem Jahr an mir herum.

Creative Director, was bedeutet das denn genau?

Ich kämpfe an allen Stellen im Haus und helfe dem Haus ins 21. Jahrhundert

Martin Klosterfelde hat seine Berliner Galerie geschlossen und ist zum Auktionshaus Philipps gewechselt. Sie gehen nun zur Villa Grisebach. Was ist eigentlich los?

Ich gehe ja nicht zur Villa Grisebach, das ist ein Missverständnis. Ich bin nicht angestellt, sondern das ist ein Beratungsmandat, so wie ich auch sechs andere Familien aus Deutschland bei ihrer Sammeltätigkeit berate. Martin Klosterfelde hat sich bei seinem Wechsel vielleicht etwas ungeschickt verhalten, geäußert und hat dann auch eins auf den Kopf gekriegt. Ich persönlich würde jetzt auch nicht unbedingt eine Aufgabe bei Lempertz übernehmen. Aber wie bei Grisebach seit den achtziger Jahren mit dem deutschen Expressionismus umgegangen wird, interessiert mich sehr. Ich schätze den Geschäftsführer Bernd Schulz, und ich bin ein enger Freund von Florian Illies. Weil ich in der Villa Grisebach schon selbst viel gekauft und vermittelt habe, bin ich dem Haus seit längerem verbunden. Der Schwerpunkt liegt auf deutscher Malerei – ein Bereich, den ich auch bei den von mir beratenen Sammlern propagiere – wir kaufen keinen Jeff Koons oder Multiples oder so ein Zeugs. Ich möchte die Leute auf ihr Umfeld konzentrieren. Das heißt, ich versuche Sammlungen aufzubauen, die sinnvoll und spannend sind, und nicht so einen Chichi-Mist enthalten.

Wer verbirgt sich denn hinter den anderen sechs Familien, die sie beraten?

Das kann ich Ihnen doch nicht verraten, es sind auf auf jeden Fall sechs größere Privatsammlungen: Eine Familie kommt etwa aus der deutschen Wirtschaft, eine andere lebt in London.

Es heißt, dass der zeitgenössische Bereich bei der Villa Grisebach ausgebaut werden soll. Hat das auch mit Ihnen zu tun?

Klar, da schaue ich dann natürlich extrem drauf, weil das auch mein Fachgebiet, meine Generation, meine Zeit ist. Aber eigentlich geht es mir um das ganze Haus, die Leute dort und die Stellung am Kunstmarkt. Man sieht ja, was in den Auktionen in London und New York abgeht, das hat mit Deutschland so gut wie gar nichts mehr zu tun. Deutsche Auktionshäuser sind davon total abgekoppelt. Diese Entwicklungen muss man intern auch verstehen, erkennen und auch damit umgehen. Als Außenstehender kann man oft besser helfen, als wenn man mitten im Unternehmen steckt.

Villa Grisebach ist immerhin eines der wichtigsten deutschen Auktionshäuser. Was fehlt denn dort?

Es geht weniger darum, was fehlt, sondern was man tun muss. Die Frage lautet: Ist es für ein deutsches Auktionshaus unbedingt wichtig, dass eine Bruce-Nauman-Grafik oder ein Magritte-Lithografie eingeliefert wird? Das glaube ich gar nicht mehr, heute sind Spezifizierungen entscheidender. Das mag sich jetzt vielleicht etwas doof anhören: Man sollte sich darauf konzentrieren, was man kann. Und der Schwerpunkt der Villa Grisebach liegt auf deutschem Expressionismus und Nachkriegskunst der Moderne. Das muss man wieder klarer strukturieren. Der Einlieferer oder Verkäufer muss wieder Vertrauen zur deutschen Basis gewinnen und sich nicht überlegen, ob er den frühen Baselitz auch nach London bringen kann – was vielfach geschehen ist. Diese Entwicklung ist eine Folge der Globalisierung, sie ist auch in jedem normalen Haushalt zugange.

Herausragende Gemälde von Kippenberger landen heute auch nicht mehr in deutschen Auktionshäusern.

Nein, schon lange nicht mehr! Auch keine von Anselm Kiefer, Zeichnungen und Grafiken hingegen findet man.

Quantität macht heute häufig den Erfolg von Auktionshäusern aus.

Stimmt, am Schluss stimmen in der Regel die Zahlen, aber die eigentliche Qualität und Intention wird durch die Masse überdeckt. Wenn aus den diversen Auktionshäusern das Portfolio mit den Katalogen kommt, fürchtet man sich fast. Das gilt mittlerweile für alle Häuser. Ich habe dieses Frühjahr so unfassbar viel wie noch nie bekommen: Christie's und Sotheby's versandten regelrechte Totschläger. Absurd!

Bei der Frühjahrsauktion der Villa Grisebach war dieses Jahr Günther Förg stark vertreten. Hat das mit ihnen zu tun? Sie sind auch für den Förg-Nachlass zuständig.

Nein, überhaupt nicht! Das ist reiner Zufall. Ich habe das Büro von Günther schon seit Mitte der Neunziger geleitet, insofern war es relativ klar, dass ich auch den Nachlass betreuen werde.

Welche Herausforderung stellt sich an so einen Nachlass? Zwei Jahre vor seinem Tod hatte Günther Förg bei der New Yorker Galerie Greene Naftali nach längerer Pause eine große Ausstellung in New York. Wie lässt sich dieser Nachlass-Bereich mit dem Kunsthandel verbinden?

Das sind für mich zwei getrennte Dinge. Mich interessieren Unternehmen, Sammlungen oder Institutionen, die ein wenig heruntergerockt sind. Es macht mir wahnsinnig Spaß, solche Räderwerke wieder zu bewegen und zu lenken. So war es mit der Messe ART Frankfurt, so war es mit dem Gallery Weekend ,und so mache ich es nun auch mit der Villa. Der Nachlass Förg ist eher etwas Privates, weil ich so lange mit Günther zusammengearbeitet habe. Er war ein enger Kumpel von mir. Ich bin als Nachlassverwalter quasi der Schnittpunkt zwischen dem Werk von Förg, den Galerien und dem Kunstmarkt. Ich helfe auch, Museumsausstellungen vorzubereiten, die ersten Anfragen zu Förg laufen hier bereits. Das hat mit dem Auktionshaus gar nichts zu tun. Ich habe ständig Nachfragen zu Förg auf dem Tisch: Was ist das für eine Arbeit? Woher kommt sie? Je präziser man eine Auskunft erteilen kann, umso besser lässt sich die Arbeit dann platzieren.

Förg hat infolge seiner Krankheit die letzten Jahre nichts mehr produziert. Um so stärker ist jetzt die Nachfrage.

Die Preise sind in dem letzten Jahr enorm gestiegen, sie haben sich verdreifacht. Auch auf dem Secondary Market bei den Auktionen sind die Preise sechsstellig und noch höher geworden, sofern es sich nicht gerade um eine schwache Arbeit handelt. Wenn man nun sieht, wie Förgs Galerien seine Arbeiten in großen Privatsammlungen oder auch wieder wie früher in Museen platzieren, so ist alles auf dem richtigen Weg. Bedingt durch seinen Schlaganfall, war ich schon vorher eine Art Nachlassverwalter. Wir haben uns von alten Galerien getrennt, wir haben alles neu strukturiert. Die große New Yorker Galerie Greene Naftali hat Förg einen enormen Aufschwung verliehen, das war ein richtiges Comeback in Amerika. Das hat alles gepasst und kam alles zur richtigen Zeit.

Die Villa Grisebach kaprizierte sich zuletzt stark auf das 19. Jahrhundert. Wird dieser Sektor weiter ausgebaut?

Sie sind jedenfalls sehr erfolgreich damit. Aber ob dieser von Florian Illies allein betreute Bereich weiter ausgebaut werden soll, weiß ich nicht.

Rosemarie Gropp hat in der "Faz" zu ihrem neuen Neuzugang bei Villa Grisebach geschrieben: "dezente Eleganz paart sich mit extravaganter Eleganz". Unschwer zuzuordnen, welcher Stil der ihre ist...

(Lacht) ja, da habe ich mich auch gewundert, wie Bernd Schulz auf einmal extravagant geworden sein soll. Spaß beiseite: Was heißt schon extravagant! Fragen Sie mal meine Mutter, sie würde diese Zuschreibung für ihren Sohn überhaupt nicht verstehen. Ich bin für sie der gleiche Rotzlöffel wie seinerzeit auf der Schule.

Wird durch Sie bei der Villa Grisebach auch die VIP-Betreuung verstärkt?

Nein, als erstes habe ich vor ein paar Wochen den Geschirrspüler in der Villa Grisebach aus- und wieder eingeräumt. Ich mache das auch gerne. Wenn ich mich mit einem Ort identifiziere, wird auch der Besen in die Hand genommen und vor der Eingangstür gekehrt.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet