Art Cologne 2011

Der Traum vom Fliegen

In den angenehm luftig gestalteten Hallen der Art Cologne kann man wie gewohnt von der klassischen Moderne zur Gegenwartskunst flanieren. Im Fokus steht dieses Jahr neben einem expressionistischen Sommernachtstraum von Ernst Ludwig Kirchner und einem mit Brokat überzogenen Schwein von Wim Delvoye auch die erste öffentlich gezeigte Bronzeskulptur von Neo Rauch. Der Aufschwung der bedeutendsten deutschen Kunstmesse scheint sich fortzusetzen.
Freundlicheres Gesicht:Art Cologne: Der Traum vom Fliegen

Ort des Geschehens: die Messe in Köln

In den letzten drei Jahren hat Daniel Hug der Art Cologne ein freundlicheres Gesicht gegeben. Geradezu programmatisch wirkt da der im Eingangsbereich aufgebaute Skulpturenpark mit Werken des belgischen Künstlers Panamarenko. Ein halbes Dutzend schräger Flugobjekte machen sich zum Start bereit und geben dem menschlichen Traum vom Fliegen eine zauberhafte Do-it-Yourself-Gestalt.

Kräftigen Aufwind hat zuletzt ja auch die älteste Kunstmesse der Welt verspürt. Nach den ersten Eindrücken spricht viel dafür, dass es auch in der 45. Ausgabe dabei bleibt. In seiner Eröffnungsrede konnte Hug mehrere renommierte Rückkehrer begrüßen. Christian Nagel ist wieder daheim, Hauser & Wirth suchen auf der Art Cologne die Nähe zu deutschen Sammlern und Institutionen, und Sprüth Magers zeigen neben einem Querschnitt durch ihr prominentes Angebot einen überlebensgroßen, von Robert Therrien angerichteten Stapel schmutziges Kochgeschirr im Open Space. Insgesamt sind in diesem Jahr rund 200 Galerien aus 22 Ländern nach Köln gereist.

Auch Michael Werner war der Art Cologne vorübergehend untreu. Allerdings unterstützte er Daniel Hugs Neuanfang als einer der Ersten und bekommt nun den vom Bundesverband Deutscher Galerien und Editionen (BVDG) sowie der Kölnmesse vergebenen Art Cologne-Preis verliehen. Originell fiel die Begründung für die durchaus umstrittene Entscheidung aus: Man wollte, so BVDG-Vorsitzender Klaus Gerrit Friese, auch mal jemanden auszeichnen, der nicht das "rein Gute" verkörpere. Der Geehrte hat zum ersten Mal Werke von Ernst Wilhelm Nay dabei, ein weiterer Schwerpunkt sind alte und neue Arbeiten von Sigmar Polke. "Ohne Titel (Linsenbild)", eine Mischung aus Rillen- und Rastertechnik, zeigt den im letzten Jahr verstorbenen Polke noch einmal auf der Höhe seiner Kunst.

In den beiden angenehm luftig gestalteten Hallen der Art Cologne kann man wie gewohnt von der klassischen Moderne zur Gegenwartskunst flanieren. Das teuerste Werk der Messe findet sich dabei traditionell im Segment der klassischen Moderne. Mit 3,5 Millionen schlägt Ernst Ludwig Kirchners glänzende "Scene aus dem Sommernachtstraum" bei Henze & Ketterer zu Buche, unter den deutschen Gegenwartskünstlern hat Neo Rauch die Nase vorn. Der Stand von Eigen + Art, in Basel noch abgelehnt, war am Eröffnungstag erwartungsgemäß umlagert. Als besondere Attraktion präsentiert Gerd Harry Lybke die erste öffentlich gezeigte große Bronze Neo Rauchs. Die 600 000 Euro teure "Nachhut" kommt frisch aus dem Atelier und wird von einem Fabelwesen aus Mensch und Tier gebildet, das Benzinkanister in beiden Händen hält und aussieht, als würde es seine Flügel schmerzlich vermissen. Von der Aufmerksamkeit profitiert David Schnell, dessen vorzügliche, ins Abstrakte changierende Naturbilder ebenfalls bei Eigen + Art zu sehen sind.

Stark sind erneut die rheinischen Größen der Nachkriegskunst vertreten. Gleich neun Galerien wetteifern mit Imi Knoebel um die Kundschaft, Hans Mayer zeigt Jürgen Klauke und mit zwei großformatigen Arbeiten von Ferdinand Kriwet die jüngste Wiederentdeckung aus der Region. Beck + Eggeling haben eine Heinz Mack-Installation mit einer "Teller-Skulptur" für 170 000 Euro als Kronjuwel eingerichtet. Gleich daneben findet sich mit Adriana Molders Tuscharbeiten auf Pauschpapier ein famoses Schnäppchen. Beck + Eggeling bieten das an Munch‘sche Schockzustände erinnernde Gesellschaftsbild "A Festa" für 9 100 Euro an.

Für das Poppig-Schrille im Etablierten erklärt sich vor allem die Guy Pieters Galerie zuständig. Ein von Wim Delvoye mit Brokat überzogenes Schwein dient ebenso als Blickfang wie ein farbenfroher Stuhl von Niki de Saint-Phalle; dazu kommen Graffiti von Keith Haring, ein Liebesgruß von Robert Indiana und ein Kontrabass, den der Objektkünstler Arman in kubistische Splitter zerlegt hat. Daneben wirkt der Open Space der jungen Künstler geradezu brav. Hier sticht vor allem Martin Städeli heraus. Er formt gespenstische Figuren, indem er Zeitungspapier so um ein Skelett aus Dachlatten drapiert, dass ihnen das Fleisch in Fetzen von den Knochen zu hängen scheint.