ARCO Madrid - Kunstmesse

Ohne Kokolores

Die Kunstmesse Arco startet durch, obwohl sich in Spanien Auswirkungen der Wirtschaftskrise noch bemerkbar machen. Doch der Kunstzirkus ist schon auf dem Boden der Tatsachen angekommen und meldet ordentliche Verkäufe.

Manchmal sind es feine Unterschiede, die entscheidende Zeichen setzen. Für die 30. Ausgabe der großen Madrider Kunstmesse Arco hat deren neuer Direktor Carlos Urroz beschlossen, auf den bisher üblichen Teppichboden in den Hallen zu verzichten. Das ist weniger eine Sparmaßnahme als ein kleiner programmatischer Hinweis: Es geht back to basics, zurück auf den Boden der Tatsachen.

Arco ist eine Kunstmesse, ein Markplatz – kein Festival zur kulturellen Bildung des breiten Publikums, als das die Veranstaltung jahrelang von vielen angesehen wurde. Was zählt, sind die Bilanzen der Händler. Stimmen die nicht, dann steht das Ereignis insgesamt auf dem Spiel, und mit dem Markt bricht auch aller möglicher kultureller Mehrwert weg.

Nach ein paar Jahren, in denen schwache Verkäufe und ein aufgeblähter Rahmen sehr ungünstig einher gingen, war es Arco für 2011 aufgegeben, sich zu reduzieren. Andernfalls – so wurde allgemein prophezeit – drohe der Kollaps. Direktor Carlos Urroz, Konsenskandidat nach dem Ausstieg der glücklosen Lourdes Fernandez, korrigierte nicht nur den Bodenbelag. Er dampfte die Messefläche von drei auf zwei Hallen ein, beschnitt das wuchernde Beiprogramm, reduzierte die Anzahl der teilnehmenden Galerien auf 197 (2006 waren es noch 290 gewesen) und sorgte zugleich für eine noch strengere Auswahl, so dass gewissermaßen alles unter dem unglamourösen Motto "Weniger ist mehr" stand.

Was blieb Urroz auch anderes übrig. Spanien zählt bekanntlich zu den Ländern, den die Krise noch immer in allen Knochen steckt. Da würde ein Auftritt mit Pauken und Trompeten sofort nach verzweifeltem Kulissenzauber aussehen. Im Grunde ist also dieses Jahr ein ungünstiger Zeitpunkt zum energischen Durchstarten. Und doch scheint die neue Nüchternheit der Messe sehr gut zu bekommen. Sie wirkt insgesamt kompakter, konzentrierter, mehr auf Draht. Unter den ausgestellten Werken findet sich merklich weniger dekoratives Füllmaterial als in anderen Jahren.Die Galeristen scheinen selbst entschlossen zu sein, mitzuziehen bei der Power-Diät.

Zum Messebeginn am Mittwochmorgen sagt die berühmte Madrider Galeristin Helga de Alvear, die der Messe im vergangenen Jahr demonstrativ ferngeblieben war, mit Entschiedenheit: "Die gesamte spanische Szene hilft mit, um Arco aus dem Dreck zu ziehen." Sie selbst als erste: Schon vor der offiziellen Messe-Eröffnung begab sie sich auf einen kleinen Beutezug bei den Kollegen und erwarb acht Werke für ihre immense persönliche Kunstsammlung. Gegen Ende des ersten Arco-Tages konnte sie dann am eigenen Stand bereits neun Verkäufe melden, darunter eine Fotoarbeit von Axel Hütte und Elmgreen & Dragsets Giacometti-Fortschreibung "L’homme qui ne marche pas" (für 55 000 Euro). "Ich bin glücklich", sagt sie mit zufriedenem Lächeln und hält Spanien trotz allem für einen benachteiligten Handelsplatz: "Hier müssen sie 18 Prozent Mehrwertsteuer auf Kunst zahlen, mehr als doppelt so viel wie in Deutschland oder Frankreich. So treibt man unsere eigenen Sammler zum Kaufen außer Landes."

Das Fehlen potentieller Sammler macht Arco schon seit langem zu schaffen. Lange glichen öffentliche Käufer, die neue Museen zu füllen hatten, das Manko aus. Deren Budget ist allerdings mittlerweile empfindlich geschrumpft. Deshalb hat sich die Messe – die nach wie vor 150 Sammlerpaare einfliegen lässt – das Programm First Collectors ausgedacht: Dem potentiellen Sammler-Nachwuchs mit Berührungsängsten in der Kunstmarkt-Arena wurde eine kostenlose Vorabberatung angeboten, gefolgt von einem individualisierten Dossier samt konkreter Kaufvorschläge je nach Geschmack. Eine sympathische Initiative, selbst wenn die diesjährige Resonanz – 17 Kunden – eher gering ausgefallen ist.

Klein gehalten ist diesmal auch der übliche Länderschwerpunkt. Aus dem Gastland Russland wurden nur acht Galerien eingeladen und eher unauffällig ins Kojenmosaik eingebettet. Das kleine Panorama, gesprenkelt von charakteristisch markigen Werken, macht im Ganzen keinen übermäßigen Eindruck, aber immerhin sorgte die Petersburger Galerie Marina Gisich gleich für einen der ersten Kaufräusche der Messe. Marina Alexeevas hübsche Schaukästen von je fünf Stück Auflage, in denen die Künstlerin Puppenstubenszenen aus "Gefängnis", "Badehaus" und "Parlament" mit holografischen Animationen mischt, sammelte rote Punkte im Fünf-Minuten-Takt. Die Galeristin, das erste Mal an einer großen internationalen Messe beteiligt, bekam entsprechend leuchtende Augen.

Alte Hasen, aber Neueinsteiger auf der Arco sind die beiden Berliner Galeristen Mehdi Chouakri sowie Gerd Harry Lybke von Eigen + Art. Chouakri bespielt seinen gesamten Stand mit 22 hoch abwechslungsreichen Werken von Hans-Peter Feldmann und hatte auch bereits nach wenigen Stunden unter anderem die teuerste (150 000 Euro) und die günstigste (800 Euro) der Arbeiten verkauft. Lybkes Verkaufsbilanz nach einem knappen Messetag belief sich auf einen Neo Rauch, einen Martin Eder, zwei Matthias Weischer sowie zwei David Schnell, bei Preisen zwischen 25 000 und 480 000 Euro. "Sieht gut aus", sagte Lybke und meinte damit sowohl die Messe als auch den eigenen Zwischenstand.

Das knappe Urteil taugt fast als vorläufiges Fazit für die diesjährige Arco. Manches Problem wird die Messe nicht über Nacht los: Es fehlen ein paar große internationale Namen auf der Galerienliste – und noch ein paar nationale Sammlergrößen, die sich großzügig an deren Ständen bedienen könnten. Aber Urroz hat die zerknautschte Veranstaltung insgesamt wieder ordentlich in Form gebracht. Weniger Kokolores – mehr Klasse und Kasse. Oder, in des Direktors eigenen Worten: "Mir ist es wichtiger, in aller Diskretion einen bedeutenden Sammler hier zu haben, als durch einen Blitzbesuch von Cristiano Ronaldo in alle Zeitungen zu kommen."

ARCO Madrid

Messegelände Madrid, bis 20. Februar

http://www.ifema.es/ferias/arco/default.html

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