Herbstauktionen - New York

Desaster unerwünscht

Während der Kuchen in Boom-Zeiten groß genug für zwei Auktionshäuser war, ging es in diesem Jahr bei den New Yorker Herbstauktionen darum, wer die wenigen Sahnestücke bekommt. Es würde nicht genügend gutes Material für Verkäufe bei Christie’s und Sotheby’s geben. Das war im Vorfeld schon klar, so der Christie’s-Experte Thomas Seydoux. Wer es aber nicht schafft, sich attraktive Arbeiten zu sichern, hat ein Problem. Diesmal traf es Christie’s.
Zu wenig Sahnestückchen:Christie’s mangelte es an attraktiven Angeboten

In Aktion: Auktionator Tobias Meyer bei Sotheby´s in New York

Wie eine Diät-Version wirkte der Auftakt mit Versteigerungen von Impressionisten und Moderner Kunst mit nur 40 Losen, die dem Haus insgesamt 65,6 Millionen Dollar einbrachten. "Tête de Femme", ein begehrliches Werk von Picasso, das seine Geliebte Dora Maar zeigt, fand keinen einzigen Interessenten, ebenso ein früher Mondrian.

Edgar Degas "Tänzerinnen" (von 1896) ging als das Top-Los des Abends für 10,7 Millionen Dollar an einen Sammler nach Asien. Auguste Rodins Skulptur "Le Baiser, moyen modele dit taile de la Porte" brachte mit 6,3 Millionen Dollar das Dreifache des Schätzpreises. Zu den Überraschungen zählte Tamara De Lempickas "Portrait du Marquis Sommi" (1925), das 4,3 Millionen Dollar erzielte. Camille Pissarros Paris-Impression "Le Quai Malaquais et l’institut" (1903) brachte den Erben des Verlagsgründers Samuel Fischer 2,1 Millionen Dollar (der Schätzpreis lag bei 1,5 bis 2,5 Millionen). Das Gemälde war von den Nazis konfisziert und 1940 in Wien versteigert worden, woraufhin es im Gewölbe einer Züricher Bank verschwand. Fischers Enkeltochter hatte Pissarros Werk ein letztes Mal als neunjähriges Mädchen gesehen, als die Familie aus Wien floh und ließ das Werk über Jahre lang suchen.

Im Vergleich zur Konkurrenz kam Sotheby’s Auftritt einem Triumph gleich."Der Markt ist sehr wohl am Leben", verkündete Chefauktionator Tobias Meyer. 56 Lose fuhren ein Gesamtergebnis von 181,7 Millionen Dollar ein – weit über dem unteren Schätzwerk von 115 Millionen. Das Absurde an der Veranstaltung war allerdings, dass sich der Erfolg vor allem aus der Finanzkrise begründete. Das Sotheby’s-Team hatte sich den Verkauf von 39 Arbeiten aus der Sammlung des niederländischen Finanziers Louis Reijtenbagh gesichert. Der bankrotte Geschäftsmann, der mit Börsenbetrüger Bernard Madoff verglichen wird, wurde von drei Banken verklagt und soll mit Kreditzahlungen in Verzug sein.

Der Nachlass von Merce Cunningham verkaufte sich gut

Fünf Werke – von Alberto Giacometti, André Derain, Kees van Dongen, Wassily Kandinsky und Pablo Picasso – schafften es bei Sotheby’s über die 10-Millionen-Dollar-Hürde. Sechs Bieter kämpften um die Giacometti-Skulptur "L’Homme Qui Chavire", die schließlich für 19,3 Millionen Dollar unter den Hammer kam. S.I. Newhouse Jr., der Besitzer des unter Druck geratenen Verlages Condé Nast, hatte die Arbeit verkauft. André Derains "Barques au port de Collioure" (1905) ging weit über dem oberen Schätzpreis von acht Millionen Dollar für den Rekord von 14 Millionen an den früher bei Christie’s arbeitenden Guy Bennett, der jetzt als Privathändler tätig ist. Den zweiten Rekord des Abends brachte eine Arbeit von Kees van Dongen ("Jeune Arabe", 1910) mit 13,8 Millionen Dollar. Kandinsky, dem das Guggenheim Museum eine große Ausstellung widmet, verkaufte sich hervorragend: "Krass und Mild (Dramatic and Mild)" von 1932 brachte 10,6 Millionen Dollar.

Mit Peter Doigs wunderschön dekorativem Öl-Wandbild "Reflection (What does your soul look like)" von 1996 erzielte Christie’s eine Woche später bei den Auktionen von zeitgenössischer Kunst mit 10,1 Millionen Dollar ein erstaunliches Ergebnis. Selbst die Veteranen-Berichtserstatterin Carol Vogel von der New York Times, die wie ein Habicht über die Auktionen wacht, kaute ihren Kaugummi einen Takt schneller. Die sechs Arbeiten aus dem Nachlass von Tanzlegende Merce Cunningham und seinem Lebensgefährten John Cage verkauften sich ebenfalls gut. Denn an jedem Stück hing eine persönliche Geschichte, die die beiden einflussreichen New Yorker Künstler mit den Meistern der Werke Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Philip Guston verband. Dass Cunningham erst diesen Sommer im Alter von 90 Jahren verstorben war, schien niemand als anstößig zu empfinden. Schließlich kommen die Dollars Cunninghams Stiftung zu Gute. Mit dem Geld sollen die Mitglieder seiner Tanztruppe bezahlt werden, die, so Cunninghams Wille, auf eine letzte, zwei Jahre andauernde, internationale Tournee gehen sollen.

Eine Arbeit von Robert Rauschenberg, die der Künstler als Friedensangebot für John Cage gemalt hatte, weil er ständig zu spät zu Cages Proben erschien, brachte 938 500 Dollar. Ein Werk aus Rauschenbergs Serie mit schwarzen Bildern ("No. 1" von 1951) erzielte 962 500 Dollar. Weil sein Loft von Bettwanzen befallen war und er bei Cage unterkommen konnte, gab Rauschenberg die Arbeit seinem Künstlerfreund als Dankeschön. Wie Rauschenberg war auch Jasper Johns über viele Jahre als künstlerischer Berater der Cunningham Dance Company tätig. Seine "Dancers on a Plane" waren einem Bieter 4,3 Millionen Dollar wert.

Christie’s fuhr ein Gesamtergebnis von 74 Millionen Dollar ein

Verleger Benedikt Taschen hatte zwei Arbeiten von Jeff Koons im Rennen. Der hölzerne Blumenstrauß ("Large Vase of Flowers") brachte 5,6 Millionen Dollar. Die frühe Staubsauger-Arbeit "New Shelton West/Dry 5- Gallon, New Hoover Convertible Doubledecker, with fluorescent lighting" ging für 3,1 Millionen Dollar weg. Eine Arbeit auf Papier von Jean-Michel Basquiat ("Untitled" von 1982) erzielte einen Rekord von 3,1 Millionen. Dafür fand der mit einem unteren Schätzpreis von neun Millionen Dollar angesetzte Basquiat "Brother Sausage" keinen Abnehmer.

Mit Warhols Werken aus der "Death-and-Disaster"-Serie hatte Christie’s in Zeiten der finanziellen Katastrophen ebenfalls kein Glück. "Tunafish Disaster" von 1963, das einen Zeitungsausschnitt mit Fotos von vier Hausfrauen zeigt, die an vergiftetem Thunfisch aus Dosen starben, wollte bei einem unteren Schätzwert von sechs Millionen Dollar niemand haben. Es sei ein Nischen-Werk, erklärte Amy Cappellazzo das Verkaufsproblem. "Nur ein kleiner Kreis von Sammlern interessiert sich überhaupt dafür." Die Arbeit stammt aus dem Besitz von Peter Brant, der sich mit Model Stephanie Seymour einen schmutzigen Scheidungskrieg liefert. Ein Bild aus Warhols berühmter "Most Wanted Men"-Serie ("Most Wanted Men No. 3, Ellis Ruiz B." von 1964), das immerhin den Katalog schmückte und einen gesuchten Mörder zeigt, wurde kurz vor der Auktion zurückgezogen. Trotz einiger Pleiten schaffte es Christie’s, 39 von 46 Losen zu verkaufen und dabei ein Gesamtergebnis von 74 Millionen Dollar einzufahren. Die neue Realität hat das Auktionshaus eindeutig eingeholt: Warhols "Green Car Crash (Green Burning Car I)" von 1963, das als eine der wichtigsten Arbeiten der Death-and-Disaster-Serie gilt, hatte im Mai 2007 bei Christie’s 71 Millionen Dollar gebracht.

Andy Warhol war der König des Abends

Doch bei Sotheby’s sah die Welt einen Abend später schon wieder rosiger aus: Sogar eine kleinere Version von Warhols "Tunafish Disaster" fand mit Jose Mugrabi, einem der größten Privatsammler der Welt, bei 1,2 Millionen Dollar einen Abnehmer. Andy Warhol war der König des Abends: Seine "200 One Dollar Bills" (1962), die das letzte Mal vor 23 Jahren bei einer Auktion aufgetaucht waren, gingen für sagenhafte 43,7 Millionen Dollar weg und trugen zu einem Gesamtergebnis von 134,4 Millionen Dollar bei.

Rekorde wurden für die Künstler Alice Neel, Germaine Richier, Jean Dubuffet und Juan Munoz, für eine Skulptur von Willem de Kooning ("Large Torso" für 5,6 Millionen Dollar), eine Neon-Arbeit von Bruce Nauman und eine Arbeit auf Papier von Jackson Pollock erzielt. Japser Johns "Grey Numbers" (1957) brachte 8,7 Millionen Dollar und Modedesigner Valentino schnappte sich für 5,4 Millionen Dollar eine Arbeit von David Hockney ("California Art Collector"). Wie schön, dass auch jemand außerhalb des Kunstzirkels von dem neuen Höhenrausch profitierte. Cathy Naso, die mit 17 Jahren als Rezeptionistin in Warhols Factory gejobbt hatte und für ihre Arbeit vom Meister ein Selbstporträt (von 1965) geschenkt bekam, darf sich über 6,1 Millionen Dollar freuen. Die New Yorkerin hatte das Bild mehr als 40 Jahre in einem Schrank aufbewahrt. "Ich glaube, ich träume", ließ Cathy Naso im Anschluss an die Auktion ausrichten. "Andy hat mich für 15 Minuten berühmt gemacht."

Zu schade, dass Sotheby’s seine hervorragenden Ergebnisse nicht in den Geschäftsbericht für das dritte Quartal einfließen lassen konnte. Das öffentlich gehandelte Unternehmen gab einen Verlust von 57,8 Millionen Dollar und geschäftliche Einbußen von 41 Prozent bekannt. Doch das Ende der schwierigen Zeiten, so das Sotheby’s-Team zuversichtlich, sei mit diesen Auktionen eingeläutet.