Art Basel 2014 - Bilanz

Manchmal wollen wir lieber mehr als weniger

Die Art Basel beeindruckte bei ihrer 45. Auflage einmal mehr mit der Qualität der Werke und dem Aufmarsch hochkarätiger Sammler, Investoren und Kuratoren.
Wild und seriös:Art Basel Königin des Messekarussels

Galerie Gavin Brownâs enterprise aus New York auf der Art Basel, MCH Messe Schweiz (Basel) AG

"Ganz schön wild", sagte Toni Stoss schmunzelnd. Der ehemalige Direktor des Museums der Moderne in Salzburg betrachtete am Stand von "Galerie 1900-2000" ein Selbstporträt von Claude Cahun. Die französische Schriftstellerin und Künstlerin mit dem bürgerlichen Namen Lucy Schwob steckt sich auf dem winzigen Blatt die Finger in die Vagina, während ihr Gesicht hinter einem Wirbel aus Haaren fast verschwindet.

Die Pariser Galerie bietet seit Jahren Gewähr dafür, dass die meist kleinformatige, aber freche Kunst von Dada und Surrealismus bis zu jüngsten Adaptionen an der Art Basel ihren Auftritt hat, auch wenn die Kunstmesse so seriös daherkommt, wie ein Schweizer Global Player es nur kann. Wild und unordentlich sind Beschreibungen, die dazu nicht passen wollen. Schließlich zeigte sich die Art Basel auch dieses Jahr wieder den rekordhohen 92 000 Besuchern als konkurrenzlose Nummer eins des Kunsthandels. Man weiß nicht, wie das bei all den vielen Messen geht, aber die 285 Händler, die vom Auswahlkomitee aus knapp 1000 Bewerbungen ausgesiebt wurden, haben wieder einmal Außergewöhnliches für diese Juni-Woche aufbewahrt.

Dass mancher damit an die Grenze des Möglichen geht, spricht Bruno Brunnet wohl für viele aus: "Wir sind keine der Großgalerien, wir müssen uns konzentrieren. Einmal weil wir das Personal nicht haben, dann aber vor allem wegen der Künstler, die Zeit haben müssen, um gute Arbeiten zu schaffen." Die drei Destinationen der Art Basel und dazu vielleicht noch zwei weitere Messen will der Chef von Contemporary Fine Arts aus Berlin in Zukunft bestreiten. "Mehr ist nicht sinnvoll", sagt er. Selbst die Frieze in London steht zur Disposition: "Da haben sich zu viele angehängt, die die Aufmerksamkeit von dem abziehen, worum es uns geht: der Kunst."

Die Art Basel fühlt sich solcher Wertschätzung verpflichtet. Sie weiß auch, dass sie den Galeristen für die horrenden Kosten etwas bieten muss: 100 000 Franken kostete einen Schweizer Händler alleine der Stand, der Aufwand für Transporte, Versicherungen und die allabendlichen Sammleressen kamen dazu. Das muss erst einmal erwirtschaftet werden. Wer so viel ausgibt, darf etwas erwarten. Vielleicht hat die Messeleitung deshalb dem Outfit der Messe ein Face Lifting verordnet: Aufräumen, Klarheit schaffen, lautete die Devise. Das wirkte sich einerseits in einer Reduktion, zugleich aber auch in einer Vergrößerung aus.

Nahezu halbiert auf 14 Galerien wurden die Art Statements, die einen Künstler mit einem spezifischen Projekt vorstellten. Der gesponserte Sektor für ganz junge Künstler war in den letzten neun Jahren in der Halle der Art Unlimited untergebracht und empfing die Besucher sozusagen als Vorspiel. Dieses Jahr ist er zu den Galerien für zeitgenössische Kunst in die zweite Etage der Rundhofhalle zurückgekehrt. "Wir wollten die Qualität dieses Bereichs stärken und die ganz jungen Positionen wieder näher ins Zentrum der Messe zurückbringen", sagte Marc Spiegler. Daraus darf man auch entnehmen, dass die Auswahl der letzten Jahre zu viele mittelmäßige Arbeiten berücksichtigen musste, um die Anzahl der Stände zu füllen. 2014 wurden Arbeiten ausgewählt, welche die gesellschaftliche Recherche mit künstlerischen Mitteln fortsetzen, wie man es seit ein paar Jahren in der Kunstszene beobachtet.

Am raffiniertesten war der Beitrag von Taiyo Onorato und Nico Krebs am Stand der Zürcher Galerie RaebervonStenglin. Die beiden Fotokünstler sind in ehemalige Sowjetrepubliken gereist und haben dort in Schwarzweiß-Aufnahmen den architektonischen Stand der Dinge festgehalten. Eines der alten Dekors wurde in eine verspiegelte Raumstruktur umgesetzt, in der ein Film die völlig werbefreie Neonbeleuchtung zentraler Gebäude in der turkmenischen Hauptstadt zeigt. Den Baloise Kunstpreis der Basler Versicherungen erhielt dann jedoch der in Frankfurt lebende Schwede John Skoog, Jahrgang 1985, für seine filmische Einkreisung eines Eigenbrötlers, der sein altes Bauernhaus in der leeren schwedischen Winterlandschaft in einen Bunker umgebaut hat, weil er sich vor einer sowjetischen Invasion fürchtete.

Ob das Niveau der Statements durch die Reduktion wirklich gestiegen ist, ließe sich eigentlich nur beurteilen, wenn man die abgewiesenen Projekte sähe. Neben den Künstlern und ihren Galerien, die eine bevorzugte Plattform nicht bespielen können, dürften vor allem die Basler Versicherungen zu den Verlierern der Reduktion zählen. Sie vergaben bisher stets zwei Preise und konnten diese an zwei Geschäfts-Standorten für gesellschaftliche Anlässe nutzen, bei denen sie den Museen in Wien und Hamburg Werke der Preisträger schenkten und eine Ausstellung finanzierten. Die Art Basel ist in ihrer neuen Position als globaler Brand wohl auch dabei, ihre Sponsoren neu zu überdenken. Wer sich an die Edelmarke andocken darf, muss einen deutlichen Mehrwert mitbringen. Globales Engagement dürfte von Vorteil sein, wie die Zigarrenmarke Davidoff zeigt. Sie engagiert sich an allen drei Standorten und hat ein eigenes Förderprogramm für junge Künstler aus der Karibik gestartet, wo ihre Tabake herkommen.

Eine Folge der Verlegung der Art Statements ist eine Vergrößerung der Art Unlimited. Dem Sektor fürs XXL-Format steht nun die ganze Halle 1 zur Verfügung, und der Kurator Gianni Jetzer machte Größe zu einer Devise seiner Präsentation der 78 Beiträge. Das geht wunderbar auf bei einem der faszinierendsten Werke dieser 45. Art Basel, Hanne Darbovens Installation "Kinder dieser Welt". Die vielteilige Arbeit umfasst neben den bekannten Schreibexerzitien der 2009 verstorbenen Künstlerin auch unzählige Spielsachen aus den Kinderstuben mehrerer Generationen, die Darboven gesammelt hat. Wer diese Fülle gesehen hat, kann eher als sonst ahnen, welche Reduktionsleistung die Künstlerin mit ihren Schreibarbeiten erbracht hat, welche Zähmung ihrer Phantasie auf dem Papier stattfand.

Weniger glücklich waren andere Großformate. Gleich zu Beginn der Ausstellung wirkten die Mobiles aus Jalousien von Haegue Yang wie eine Verlegenheit in einem unerklärlicherweise schwarzen Raumabschnitt. Bei der Hängearchitektur tendierte der Erfahrungs- und Erkenntnisfaktor ebenso gegen Null wie bei der Tuchbahn, die der junge Amerikaner Sam Falls hinter seinem Atelier in Los Angeles mit den Paletten der Nachbarfirma belegt und ein Jahr lang in der Sonne hatte bleichen lassen. Sie hing von hoch oben auf den Hallenboden herab. Größe muss nicht immer ein Vorteil sein. Die Wand mit Hamish Fultons Berg-Skyline aus Nepal und Text zu einer Wanderung erzählte nicht mehr als die Zeichnung, die ihr zugrunde liegt. Ob Dominic Raacke deshalb so skeptisch geschaut hat? Der ehemalige Outlaw aus dem inzwischen aufgelösten Berliner Tatort Gespann Ritter und Stark stand mit dunkler Sonnenbrille immer wieder an gut sichtbaren Positionen der Messe, als sollte er hier irgendwie noch etwas retten oder zumindest auf sich aufmerksam machen.

Die Auseinandersetzung mit dem Raum prägte auch verschiedene Positionen der Malerei, die trotz reichlich Skulptur auch dieses Jahr am stärksten vertreten war. Die Architektur scheint endlich zu beweisen, dass sie die Mutter aller Künste ist, wie noch ein Le Corbusier es seinen Bauherren aufzuzwingen suchte. Und zwar nicht, weil Architekten die besseren Argumente für sich hätten, sondern weil die Maler an der Eroberung des Raums interessiert sind. Angefangen hat damit vor einigen Jahren die Schweizerin Christine Streuli. Sie übertrug ihre Sujets auf die Wand und hängte Bilder darüber. Wie ein Zitat solcher frühen Arbeiten wirkt die Ecke aus Holzdekor, mit der sie einen Teil des Standes von Mark Müller bezogen hat.

In seiner vollen Blüte war das Konzept beim New Yorker Gavin Brown zu bewundern. Martin Creed hatte eine Außenwand mit bunten Rauten bemalt und kleine Bildformate darüber gehängt, die zeigten, wie verschieden man eine Leinwand mit gestischer Malerei füllen kann. Im Innern des Standes hingen dann Gemälde von Alex Katz und anderen Berühmtheiten auf dem "Serpentine Owl Wallpaper", das Sherrie Levine 2013 für die Londoner Institution entwickelt hatte. Buntes Herbstlaub am Boden erinnerte daran, dass die Kunst mitten im Baseler Sommer auch andere Jahreszeiten verkitschen kann. Das passte dann irgendwie zu den Besuchern, die vor einem verdrehten Kubus aus glänzendem Stahl von Anish Kapoor Selfies machten. So langsam wird es auch an der Art Basel lockerer.

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