Dieter Roth - New York

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Für die Eröffnung der museumswürdigen neuen Räume der Galerie Hauser & Wirth in New York hat Björn Roth Zuckerskulpturen und Atelierboden seines Vaters Dieter Roth aufgebaut. Die Ausstellung soll das Werk des Zerfallskünstlers in den USA bekannter machen.

"Wie eine Kathedrale fühlen sich die Räumlichkeiten an", sagt die Künstlerin Mary Heilmann über die neuen Ausstellungshallen ihrer Galerie Hauser & Wirth auf der 18th Street in Chelsea, Manhattan.

Eine Kathedrale für die Kunst, in der Dieter Roth in die Ewigkeit einzugehen scheint. Unermüdlich hatte er versucht, gegen den eigenen Zerfall anzuarbeiten. Die Galerie Hauser & Wirth widmet dem 1998 gestorbenen Hannoveraner Künstler, der in der Schweiz und in Island lebte, eine Ausstellung.

Die Hälfte der mehr als 100 ausgestellten Arbeiten stammt von der Dieter-Roth-Stiftung aus Hamburg. Sohn Björn, der mit seinem Vater 20 Jahre lang zusammengearbeitet hatte, betreute für die Galerie die Installation und brachte seine beiden Söhne Oddur und Einar mit. Die machten sich in Roths Zuckerküche daran, bunte Zucker- und Schokoladenbüsten zu fabrizieren. Diese sollen, vom Künstler einst als niemals endendes Projekt erdacht, zu einem Schokoladen- und einen Zuckerturm errichtet werden. Dazu wird entweder Schokolade pur oder Zucker mit Wasser und allen erdenklichen Farbzusätzen wie Öl-, Acryl- oder Lebensmittelfarbe aufgekocht und anschließend in vier verschiedene Gussformen geschüttet. Die fertigen Büsten stellen ein Selbstportrait und das "Löwenselbst" sowie deren Mischformen Sphinx und Porträtbüste mit Löwenkopf dar. Auf einem Gerüst übereinandergestapelt ergeben sie dann den Schokoladen- und den Zuckerturm. Turmbau zu Babel, bloß süßer – schließlich soll das Stapeln nie ein Ende haben.

Die demontierten Böden aus Roths Atelier in Mosfellsbaer, Island, wurden in der Galerie aufgestellt. Roths "Kleiderbilder", in denen er lange Unterhosen, Anzüge, Schuhe und Hosenträger zu Landschaften goss, hängen neben seinen "Tischtüchern" und der Serie "die Die Die Verdammte Scheisse". Die "Grosse Tischruine", die Roth in den Jahren von 1978 bis 1998 mit Sohn Björn und Eggert Einarsson zu einem Monstrum aus dem Alltagsmüll eines Künstlers heranwachsen ließ, ist ebenfalls in der Galerie aufgebaut. "Wenn Hauser & Wirth etwas anpacken, dann machen sie es mit voller Kraft und keine halben Sachen", befand Björn Roth zufrieden, als er sich im Anschluss an die Eröffnung auf eine Zigarette und einen Jägermeister in der "Roth New York Bar" niederließ, die er mit seinen Söhnen als installiert hat.

Es ist ein poetischer, melancholisch stimmender Auftakt, mit dem Hauser & Wirth zum 20-jährigen Bestehen der Galerie die gigantischen Hallen in der ehemaligen Roller-Disko "Roxy" einweiht. 2009 hatte die Schweizer Galerie ihren vergleichsweise bescheidenen ersten New Yorker Außenposten in einem Townhouse auf der Upper East Side eröffnet. Dieter Roth, der in den USA längst nicht den Bekanntheitsgrad wie in Europa hat, stimmt den Ton für das kommende Jahresprogramm in Chelsea an: In der von Annabelle Selldorf umgebauten, 2300 Quadratmeter umfassenden Galerie wird es nur vier Ausstellungen pro Jahr geben. 2013 werden sie Paul McCarthy, Roni Horn und Matthew Day Jackson gewidmet, die sich in ihrer Arbeit auf den rastlosen, vor sich hin werkelnden Roth beziehen.

Die Ausstellung von Dieter und Björn Roth lässt einen fast vergessen, dass man sich in einer kommerziellen Galerie und nicht in einem Museum befindet. Das Leben als Ansammlung von allerlei Krempel und Spuren, die man hinterlässt. Der Duft von Schokolade zieht durch die Halle, um an süße Zeiten zu erinnern. In denen irgendwann einmal doch alles zerfallen wird, wie Dieter Roths Schoko-Büsten. Eine der letzten Arbeiten zeigt den alten Roth im Jahr vor seinem Tod auf mehr als 100 Bildschirmen in Video-Aufnahmen, in denen er sich selbst bei all den kleinen Dingen und Aktivitäten filmte, die zuletzt sein Leben ausmachten. Skizzen fertigen, Kaffee kochen, lesen, duschen, die Pflanzen gießen. Neidisch sei er, meinte der sich überwiegend in London aufhaltende Galerist Iwan Wirth kokett, auf diese neuen, von seinem Partner Marc Payot geführten Galerieräume. Nicht viel später zog er auch schon wieder geschäftig durch die Hallen, das Telefon am Ohr. Das Leben zieht schließlich weiter.

Dieter Roth. Björn Roth

Hauser & Wirth New York, 18th Street
23. Januar bis 13. April
http://www.hauserwirth.com/exhibitions/1649/dieter-roth-bjorn-roth/view/

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