Leo Castelli - New York

Karrierestart mit 50 Jahren

Leo Castelli (1907 bis 1999) ist längst eine Legende. Ein neues Buch gewährt überraschende Einblicke in Arbeit und Leben des New Yorker Ausnahme-Galeristen.
Karrierestart mit 50 Jahren:Überraschende Einblicke - Ein Buch über Leo Castelli

Leo Castelli (links) mit Keith Haring und Tony Shafrazi, November 1985

Die Historikerin Annie Cohen-Solal, die mit einer Biografie über Jean-Paul Sartre bekannt wurde, lernte Leo Castelli 1989 kennen, als sie als Kulturbeauftragte der französischen Botschaft in New York tätig war. In ihrem Buch "Leo and His Circle: The Life of Leo Castelli" versucht die Autorin, den Mythos Castelli zu ergründen. Hier einige Kostproben aus dem neuen Band:

Spätstarter: Vor dem Zweiten Weltkrieg versuchte sich der in Triest geborene Leo Castelli, der Jura studiert hatte und Versicherungen verkaufte, schon einmal für zwei Monate als Galerist. Doch seine Karriere begann er erst mit 50 Jahren. Bis dahin unterstützte ihn sein reicher Schwiegervater.

MoMA: Seine ersten Besuche im New Yorker Museum of Modern Art in den Vierzigern hatten starken Einfluss auf Castelli. Später erklärte er: "Ich war erstaunt, dass ich bis dahin nichts über Kunst gewusst hatte".

Der Club: Castelli und seine Frau Ileana Sonnabend, die sich später scheiden ließen, waren Mitglieder des berühmten New Yorker Clubs der Abstrakten Expressionisten. Zu ihm gehörten Künstler wie Willem de Kooning oder Franz Kline, aber nur drei Galeristen.

Rauschenberg & Johns: Robert Rauschenberg bot Castelli bei einem Atelierbesuch Ende der fünfziger Jahre einen Drink an. Die Eiswürfel dafür holten beide aus dem Kühlschrank, den der Künstler sich mit seinem Kollegen Jasper Johns aus dem Nachbar-atelier teilte. Da sah Castelli Johns Arbeiten und versprach ihm sofort eine Ausstellung.

Warhol: Pop-Art-Meister Andy Warhol fand ersten Zugang zu Castellis Galerie als Sammler, doch er versuchte verzweifelt, als Künstler aufgenommen zu werden. Castelli blieb lange skeptisch. Es war schließlich seine Ex-Frau Ileana, die ihn von Warhols Qualitäten überzeugte.

Der Frauenheld: Castelli liebte es, über Frauen zu reden und zu flirten, so sein langjähriger Mitarbeiter Ivan Karp. Weil er als junger Mann keinen Erfolg bei Mädchen hatte, suchte er einen Psychotherapeuten auf, der dem späteren Casanova gute Ratschläge erteilt haben muss.

Rettungsanker: Für Galerist Tony Shafrazi war Kollege Castelli wie ein Vater – Shafrazi hat nach wie vor ein Bild von ihm an seinem Bett stehen. In Zeiten, als es für Castelli finanziell eng wurde, half ihm Shafrazi mit Kontakten zu iranischen Sammlern.

Larry Gagosian: 1990 ging Castelli eine Partnerschaft mit dem damals jungen Galeristen Gagosian ein. Er brauchte jemanden, der ihm die aggressive Konkurrenz vom Leibe halten sollte. Castelli hatte ein Faible für Gagosian, in dem er sein unverfrorenes Alter-Ego sah.

Übersetzung: Claudia Bodin

"Leo and His Circle: The Life of Leo Castelli"

Buch: Annie Cohen-Solal, Alfred A. Knopf Verlag, 23 Euro
http://www.randomhouse.com/catalog/display.pperl?isbn=9781400044276

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