Auktionen: Kunst der Gegenwart - London

Orgie der Reichen

Die zweite Auktionsrunde startete mit einem konsumkritischen Skandal, die Häuser fuhren trotzdem ein gutes Ergebnis ein. Vor allem deutsche Künstler gingen gut weg

Sotheby’s Auktionator Tobias Meyer hatte gerade Andy Warhols “Nine Multicouloured Marilyns (Reversal Series)” (1979/86) mit einem Einstiegspreis von 1,5 Millionen Pfund aufgerufen, als im Saal plötzlich mehrere Alarmglocken losgingen. Etwa ein Dutzend junge Leute begannen, mit falschen 50-Pfund-Noten um sich zu werfen, ein Banner mit der Aufschrift “Orgie der Reichen” zu entrollen und orgasmisch zu stöhnen.

Drei Minuten dauerte die gut choreographierte Demonstration gegen die drastischen Etatkürzungen der neuen britischen Regierung, dann durfte der Auktionator weitermachen und den Warhol mit 3,1 Millionen Pfund (3,79 Millionen Euro) einem anonymen Bieter im Saal zuschlagen.

Beim Konkurrenten Christie’s waren die Sicherheitsvorkehrungen am nächsten Abend erheblich verstärkt worden, und so konnte dort ein weiterer Warhol ohne Zwischenfall versteigert werden. Das große “Self Portrait” von 1967, seit fast 40 Jahren in derselben amerikanischen Sammlung, wurde als Toplos des Abends für 10,7 Millionen Pfund (12,8 Millionen Euro) dem Großgaleristen Larry Gagosian zugeschlagen. Mitbieter war der König des Warhol-Markts Jose Mugrabi, der bei Sotheby’s mehr Glück gehabt hatte, und gleich zwei Werke des Popkünstlers mit nach Hause nehmen konnte.

Vor dem bunten Zwischenfall bei Sotheby’s hielt das Toplos des Abends, was es versprochen hatte: Gerhard Richters monumentales “Abstraktes Bild” (1990) ging für 7,2 Millionen Pfund (8,6 Millionen Euro) – das entspricht dem oberen Schätzwert – an einen Bieter aus dem Fernen Osten. So ist jedenfalls anzunehmen, denn das Werk wurde Patti Wong von Sotheby’s Asien am Telefon zugeschlagen. Derselbe Käufer erwarb auch Thomas Struths Foto “Alte Pinakothek, Self Portrait” (2000) für 420.000 Pfund (502.000 Euro), das doppelte des unteren Schätzwerts. Ganz allgemein schnitten die deutschen Künstler gut ab: Richter bestätigte seine führende Position, seine insgesamt sieben Werke verkauften sich gut, ebenso wie Arbeiten von Andreas Gursky, Sigmar Polke und Neo Rauch. Anselm Kiefers “Athanor” (1991) ging für 959.000 Pfund (1,1 Millionen Euro) an den Londoner Privathändler Ivor Braka. Bei seiner letzten Versteigerung vor sechs Jahren bei Sotheby’s in New York erzielte das Werk nur die Hälfte.

Beim Kleinsten unter den drei Großen des Markts ging es dagegen relativ lustlos zu. Selbst der sprichwörtliche Enthusiasmus von Auktionator Simon de Pury konnte die Miniauktion bei Phillips de Pury mit nur 29 Losen nicht beleben. Die Taxen waren wohl allgemein zu hoch angesetzt, denn viele der Lose gingen unter Taxe weg. So auch das Toplos “Overrun” (1985), ein extrem hochformatiges Gemälde von Jean-Michel Basquiat, das bei einem unteren Schätzwert von 1 Million Pfund lediglich einen Hammerpreis von 970.000 Pfund (1,1 Millionen Euro) erzielte.

Sowohl bei Sotheby’s als auch bei Christie’s gab es erstaunliche Überraschungen: “Luciano 1” (1974) des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch kletterte bei Sotheby’s auf das Dreifache des unteren Schätzwerts und erzielte 1,49 Millionen Pfund (1,78 Millionen Euro), ein geradezu märchenhafter neuer Auktionsrekord für den Künstler, dessen bisher teuerstes Werk 1990 bei dem kleinen Schweizer Auktionshaus Galerie Kornfeld für 156.000 Pfund den Besitzer wechselte. Der Einlieferer, die Stiftung Neues Museum Weserburg Bremen, ist verständlicherweise überglücklich – die unmittelbare Zukunft des Museums ist gesichert.

Der Coup bei Christie’s war der Franzose Martial Raysse, einer der Mitbegründer des Nouveau Réalisme. Sein monumentales Frauenporträt “L’année derniere a Capri” (1962), eine interessante Vermählung mit der Pop Art, ging für 4,1 Millionen Pfund (4,8 Millionen Euro) an den in New York und London tätigen Händler Eykyn Maclean. Soviel wurde noch nie zuvor auf einer Auktion für einen lebenden französischen Künstler bezahlt.

Noch weitere Rekorde purzelten bei Christie’s. “Branded” (1992) von Jenny Saville, ein großformatiger, fleischiger Frauenakt, wurde für 1,49 Millionen Pfund (1,78 Millionen Euro) zugeschlagen, mehr als doppelt soviel wie ihr bisheriger Rekord, Werke von Eduardo Chillida und Miguel Barcelo brachen den Rekord für spanische Kunst, und die Brasilianerin Adriana Varejão den für einen lebenden Künstler Brasiliens.

Beide Häuser zeigten sich mit dem Ergebnis äusserst zufrieden. Zwar wurden nicht ganz die luftigen Zahlen des Boomjahres 2008 erreicht, doch man ist auf dem besten Weg dorthin. 61 Millionen Pfund (73 Millionen Euro) bei Christie’s und 44 Millionen Pfund (53 Millionen Euro) bei Sotheby’s für die jeweilige Abendauktion können sich sehen lassen. Es gab keine nennenswerten Flops und es zeigte sich, dass sich Qualität wieder bezahlt macht.

Eine Kuriosität wurde bei Sotheby’s als erstes Los aufgerufen: “Kui Hua Zi” (2009) des Chinesen Ai Weiwei ist ein hübsch aufgeschichteter Haufen von 100 Kilogramm handgefertigter Sonnenblumenkerne aus Porzellan. Die unscheinbaren Kerne – Millionen von ihnen bedecken zur Zeit den Boden der Turbinenhalle in der Tate Modern – gingen für 349.000 Pfund (417.000 Euro) an einen Telefonbieter. Er zahlte also 4,20 Euro pro Stück.

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