Art Basel Hong Kong - Kunstmarkt

Echt geil!

Die Art Basel Hongkong hat sich etabliert und findet breiten Zuspruch in der Stadt. art-Korrespondent Gerhard Mack traf in Hong Kong auf zufriedene Händler und einen in Mönchskutte gekleideten Carsten Nicolai.

Carsten Nicolai war für drei Tage der König von Hongkong: Von Donnerstag bis Sonntag packte er den 490 Meter hohen ICC-Tower am Abend in Lichtmuster und verband diese mit Tönen. Während die weißen elektronischen Wellen die Fassaden der Architektur-Ikone Hongkongs hoch- und runterliefen, sich ausdehnten und zusammenzogen, blinkten und Flächen bildeten, konnte jeder mit Smartphone eine App betätigen und sich einschalten. Das Gerät in Richtung Turm zu halten genügte, und das Licht setzte sich in Klänge um.

Das Spektakel an der Südspitze des Stadtteils Kowloon gegenüber den Hafenpiers von Hongkong Island überstrahlte für 50 Minuten das Wasser dazwischen und schaffte eine Verbindung, wie die Stadt der Lichter und Wolkenkratzer sie sonst kaum kennt. Der Alpha-Puls unseres neurologischen Apparats gab dem Ganzen den Rhythmus und den Namen. Und Carsten Nicolai wäre nicht er selbst, wenn er seinen naturwissenschaftlichen Recherchen nicht auch durch sein Outfit Ausdruck gegeben hätte. Zur Pressekonferenz erschien er wie ein Mönch des kybernetischen Zeitalters in schwarzer Kutte.

Die Messe ist bereits nach ihrem zweiten Jahr in der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt angekommen. Man nimmt sich zwar nicht extra frei, aber man geht schon mal über Mittag für zwei Stunden auf die Messe, um zur Abwechslung mal Kunst zu schauen statt Nudeln zu löffeln. Über 65 000 Besucher kamen, das waren noch mehr als letztes Jahr. Man ist stolz darauf, diese Messe in der Stadt zu haben, und spricht davon, "Kunsthub" für den ganzen asiatisch-pazifischen Raum zu sein. Wenn das gigantische Museum M+ Ende 2017 erst einmal seine Tore öffnet, ist vielleicht auch die kritische Masse dafür erreicht. Fürs Erste darf man davon träumen und als Steuerparadies sicher sein, dass auch der Kunsthandel hier beste Bedingungen vorfindet.

Nicht ganz so gut wie Carsten Nicolai erging es auf der Messe Ai Weiwei. Der lag am Stand der Pekinger Galerie White Space bewegungslos auf dem Boden. Sein chinesischer Kollege He Xiangyu hatte ihn 2011 als Puppe in einer Dreier-Edition produziert und als "The Death of Marat" betitelt. Wenn man den riesigen Mann im schwarzen Anzug so auf dem Boden liegen und von vielen Besuchern umringt sah, wusste man nicht so genau, ob He den revolutionären Kollegen entweder als Verräter an den Künstlern oder als Opfer der kommunistischen Partei kenntlich machen wollte. In China ist Provokation immer so eine Sache. Wo alles auf Gleichklang getunt ist, sehen selbst kritische Geister es nicht so gerne, wenn einer stört: Welchen Schaden richtet er damit für die anderen an?

Lorenz Helbling sah das gelassen. Der Galerist, der mit seiner Galerie ShangArt als erster 1996 zeitgenössische chinesische Kunst auf den Markt zu bringen begann, wies darauf hin, dass Ai Weiwei sich für viele Künstler engagiert. Eine ganze Reihe von ihnen zeigte der gebürtige Schweizer an seinem Stand.

Die westlichen Galerien hatten nicht die allerteuerste Ware mitgebracht

Helblings Stand machte sofort deutlich: Die Latte lag bei dieser Art Basel Hong Kong deutlich höher als beim Start 2013. Der Luzerner Galerist Urs Meile, der in Peking seit langem eine Zweitgalerie betreibt, berichtete von den Auswahlsitzungen des Galerienbeirats. Es sei viel schwerer gewesen als im Vorjahr, aus den gut 500 Bewerbern die 245 Galerien auszuwählen, die im Convention and Exhibition Center direkt am Wasser ihre Künstler präsentieren durften. Die Qualitätssteigerung machte sich auch beim Auftritt bemerkbar. Die Messe behielt die großzügige Ausstellungsstruktur vom letzten Jahr bei. Auf zwei Etagen wanderte man durch breite Flure. Die Galerien setzten die Vorgabe der Messe um und reagierten auf den angenehm weiten Raum mit offenen Ständen. Das westliche Konzept einer grosszügigen Hängung setzte sich auch bei den asiatischen Ausstellern weitgehend durch.

Neben der Präsentation überraschte aber vor allem die Qualität der Werke. Die westlichen Galerien hatten nicht ihre allerteuerste Ware mitgebracht. Schließlich kamen mehrere gerade von der Frieze New York und ein paar Dutzend hat Mitte Juni noch die Art Basel vor sich. Davon abgesehen, brachten die Händler aber erstklassige Werke mit. Inzwischen wissen sie nur zu gut, dass asiatische Interessenten sich genau und über Nacht informieren und dann auch schon mal fragen, wieso dieses oder jenes Werk nicht am Stand zu sehen ist, das ihnen wichtiger erscheint.

Diesem sanften Zwang konnte sich sogar ein Galerie-Tycoon wie Larry Gagosian nicht entziehen. Er betreibt seit geraumer Zeit einen für Hongkonger Immobilienpreise riesigen Galerieraum im Geschäftszentrum der Stadt, und hatte sich dort erdreistet, zur Eröffnung der Art Basel Hong Kong zwei lange Reihen von Drucken Alberto Giacomettis unter dem Titel "Giacometti Without End" zu präsentieren. Man konnte sich nur schwer des Eindrucks erwehren, da insinuiere einer, für asiatische Sammler könnte man einfach die Presse anwerfen. Sein Messestand kam dann, mit einem Querschnitt seines Programms, sehr ordentlich daher.

Natürlich haben viele Händler Dialoge inszeniert oder Anknüpfungspunkte an asiatische Bildtraditionen gefunden. Sies+Höke aus Düsseldorf zeigten eine Einzelpräsentation von Kris Martin. Der Brite setzte sich kritisch mit der europäischen Sakralkultur auseinander: Zwei große Glocken waren zu einem Gebilde zusammengeschweisst, das nur schwer und fremd ist und nicht klingen kann. Die Gebrüder Lehmann aus Berlin, die immer noch nicht verstehen, wieso sie nach neun Jahren nicht mehr an der Art Basel teilnehmen dürfen, obwohl ihr Programm doch ein klares und rares Profil ausweist, haben eine große Auswahl von Collagen des Japaners Keiichi Tanaami mitgebracht. Den Stand in Hongkong betrieben Lehmans zusammen mit Shinji Nanzuka, der Galerien in Tokio und Hongkong hat. "Das hilft uns sehr, neue Kontakte zu knüpfen. Wir haben Teil an einem Netz", sagte Ralf Lehmann.

Immer mehr westliche Galerien brachten aber auch einfach das Programm nach Hongkong, das sie zuhause zeigen. Man muss ja nicht gleich so autistisch sein wie der New Yorker Zach Feuer, der nicht einmal die Namen der Künstler, geschweige denn Angaben zu den Werken anbrachte, die unterkühlten Werke von Ethan Cook aber trotzdem gut verkaufte. Der Berliner Jan Wentrup brachte gleich am ersten Tag Bilder von David Renggli und Gregor Hildebrandt an Sammler aus Hongkong und Singapur. Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts hat die neuen Bilder des Brasilianers Christian Rosa, die er kürzlich aus Kalifornien nach Berlin geliefert bekam, fotografieren lassen und gleich weiter nach Hongkong verschickt. Und an den Außenwänden seines Standes zeigte er schmale Hochformate von Jonathan Meese und einen großen Daniel Richter. Er vertraute ebenso darauf, dass das Publikum sich einschaut wie der Zürcher Peter Kilchmann, der seine Künstler aus Lateinamerika und der Schweiz mitbrachte. "Die Besucher sind sehr neugierig und fragen viel. Für uns lohnt sich eine Teilnahme, wenn wir neue Sammler aus Fernost kennengelernen. Man muss ihnen Zeit lassen, der Markt muss sich noch entwickeln", sagt er.

Das gilt wohl noch mehr für die Klassiker als für die Gegenwartskunst. Die Kunst der Moderne ist sehr begrenzt vertreten. Damit locken eher die grossen Auktionshäuser oder demnächst die Art Basel. Gleichwohl müssen die asiatischen Besucher nicht ganz darauf verzichten. Vor allem Hammer Galleries aus New York bietet eine schöne Dora Maar von Picasso, bei Acquavella war ein dunkeltoniger Francis Bacon von 1950 für elf Millionen Dollar zu haben. Manche Galerien öffneten auch den Blick auf asiatische Varianten der Moderne: Fergus Mc Caffrey bot eine starke Auswahl der Gutai-Künstler.

"Haben Sie die riesigen Werbeflächen gesehen? Echt geil!"

Für westliche Besucher waren ohnehin eher Künstler aus dem arabisch-asiatisch-pazifischen Raum zu entdecken. Viele von ihnen überraschten durch ihre gesellschaftliche Wachsamkeit und die Sorgfalt, mit der sie ihre Themen künstlerisch umsetzten. Identität ist in diesen Ländern ein besonders fragiles Gebilde, erschüttert durch Gewalt, Kolonialismus, persönliche Erfahrungen und die Einflüsse der Globalisierung. Ob da Lei Xue aus China Cola-Dosen aus Porzellan fertigen und per Hand mit alten Motiven bemalen lässt, ob der Inder Vivan Sundaram mit alten Fotos nach einer berühmten Vorfahrin und ihrer Lebenswelt forscht oder der Filipino Bembol Dela Cruz nach den Erzählungen von Gefängnisinsassen Pistolen malt, mit denen sie Menschen umgebracht haben, stets suchen die Künstler nach einem Ausdruck für ihre Situation zwischen Kulturen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und vielen aktuellen Einflüssen. So hat denn auch die gebürtige Tunesierin mit Wohnsitz in Berlin Nadia Kaabi-Linke den mit 25 000 Dollar dotierten Preis für den besten Stand in der Newcomer-Sektion "Discoveries" erhalten.

Mit dieser Vielfalt zeigte sich die Art Basel Hong Kong erneut als ein Forum für das Zusammentreffen von Ost und West. Unübersehbar brachte das die Installation "United Nations" von Gu Wenda zum Ausdruck. Der 1955 in Schanghai geborene Chinese fertigt seit 1992 die Flaggen der verschiedenen Mitgliedsländer aus Menschenhaaren. Die 188 aufgehängten Flaggen verbanden die abstrakte Vorstellung eines Staates mit etwas sehr Persönlichem.

Insgesamt scheinen die Aussteller dieses Jahr ziemlich erfolgreich gewesen sein. Hauser & Wirth dürften kaum noch Bilder des Chinesen Zhang Enli im Lager haben, so viele haben sie zu Preisen um bis 220 000 Dollar verkauft. Und bei Victoria Miro ging ein großer Bildteppich von Grayson Perry "Map of Truths and Beliefs" von 2011 für einen sechsstelligen Dollarbetrag schnell weg. "Nach allem, was ich bisher gehört habe, ist dies das beste Jahr für die Galeristen, das wir bisher in Hongkong hatten", sagte Magnus Renfrew, Asien-Direktor der Art Basel.

Und auch ein alter Hase wie Hans Mayer wirkte sehr zufrieden: "Wir haben bereits in den ersten beiden Tagen Werke von Sol LeWitt und Christo verkauft." Besondere Beziehungen hat der Düsseldorfer Galerist von Nam June Paik zu Südkorea. Dabei kaufen viele Sammler aus Fernost erst in den letzten beiden Tagen. Hans Mayer erzählte lachend, dass man letztes Jahr bereits die Kisten gepackt hatte, als ein Sammler kam, sich wegen seiner Verspätung entschuldigte und drei Werke erwarb. "Das war unser wichtigster Verkauf während der ganzen Messe", erinnerte sich der Händler und vergleicht die Situation mit den Anfängen der Art Basel. "Da lief die ersten Jahre auch nicht alles rund. Damals kamen die Multiples auf, als Kunst für jedermann, und wir waren froh, wenn wir zehn Stück verkaufen konnten und halbwegs mit den Kosten rauskamen." Erst ab 1975, 1976 sei es besser geworden: "Da fuhren dann irgendwann einmal wohlhabende Deutsche in die Schweiz und kamen auf der Messe vorbei." Gemessen an damals erlebte er die Anfänge der Art Basel Hong Kong geradezu als fulminant: "Die Art Basel weiß einfach, wie man eine gute Messe macht. Haben Sie die riesigen Werbeflächen gesehen, mit denen sie einen schon am Flughafen begrüsst? Echt geil!" Dabei schaut der über Siebzigjährige, der keine Messe der Basler ausgelassen hat, so herausfordernd aus seinem Veston, als wäre er gerade das erste Mal dabei.

Art Basel Hong Hong

Termin: 15. bis 18 Mai 2014 im Hong Kong Convention and Exhibition Center
https://www.artbasel.com/en/hong-kong