Art Basel Miami - Kunstmesse

Der Hirst zum Diamantenkollier

Sam Keller hat in Miami eine einmalige Symbiose zwischen Kunst und Entertainment geschaffen. Und bewiesen: Man kann auf Kunstmessen auch Spaß haben. Dafür verlieh ihm die Bürgermeisterin Matti Herrera Bower nun eine "Medal of Honor". Und die shoppingwütigen Amerikaner kauften wieder kräftig ein. "Unsere Erwartungen wurden übertroffen", meinten zahlreiche Galeristen.
Glamour, Geld und Kunst:Bei der Art Basel Miami wurde wieder kräftig eingekauft

Alles muss raus: Der Nachwuchskünstler Eric Doeringer versprach "Die besten Kunst-Deals der Stadt" und bot handliche Repliken von Andy Warhol, Maurizio Cattelan oder Richard Prince für 250 Dollar an

Es war wie beim Schlussverkauf bei Macy's, meinte Starautor Tom Wolfe, der sich im obligatorischen cremefarbenen Anzug unter die geladenen Gäste zur Eröffnung der „Art Basel Miami Beach” mischte. Punkt zwölf Uhr schob und schubste sich die sonst auf Contenance bedachte Gesellschaft in die Ausstellungshalle. Die Ladys mit dem nötigen Kleingeld trugen ihre teuren Handtaschen spazieren, die jungen Damen kurze Röcke. Schampus wurde auf Servierwagen durch die Gänge gekarrt, um alle bei der Stange zu halten. Ansonsten hatte die Veranstaltung wenig glamouröse Momente.

Die sichtlich gerührte Bürgermeisterin Matti Herrera Bower verlieh dem dieses Jahr ausscheidenden Messechef Sam Keller die „Medal of Honor“ für seine Verdienste für die Stadt. Rennrad-Star Lance Armstrong lief wenig schillernd in Trainingshosen auf. Der Schauspieler Toby Maguire kaufte lieber auf der ursprünglich ersten Messe vor Ort „Art Miami” ein, die sich der mächtigen Konkurrenz gebeugt und den Termin vorverlegt hatte. Immerhin überraschte seine Kollegin Lucy Liu („Kill Bill“) bei einer Veranstaltung von Kultursponsor Montblanc mit der Neuigkeit, dass sie nebenberuflich Künstlerin sei.

Zum geschäftlichen Erfolg der Messe unter Palmen war im Vorwege viel spekuliert worden: Der Dollar sei zu schwach, die Wirtschaftslage zu unsicher, die Kunst überteuert, die Messe mit ihren inzwischen 21 Satelliten-Veranstaltungen und mehr als 1100 teilnehmenden Galerien zu groß und die ganze Veranstaltung überhaupt viel zu rummelig: Doch allen Warnungen zum Trotz wurde auf der Art Basel Miami zum Auftakt wie gehabt kräftig eingekauft.

Auf die Frage, ob seine Messe den Zenit überschritten habe und sich von nun an nur noch bergab bewegt, entgegnete Sam Keller: „Das Potenzial ist sogar noch größer, dies ist erst der Anfang.“ Bei der New Yorker Galerie Matthew Marks ging das Nachtclubfoto „Cocoon“ (2007) von Andreas Gursky für 900 000 Dollar weg. Damian Hirsts mit Diamantenstaub überzogene Prints seines ikonischen Totenschädels („For the Love of God, Laugh“) wurden bei White Cube aus London in limitierter Auflage von 250 für knapp 14 000 Euro pro Stück angeboten und waren innerhalb der ersten drei Stunden so gut wie ausverkauft.

Der in Los Angeles und Berlin ansässige Galerist Javier Peres war zur Eröffnung ein paar Minuten zu spät dran. Als er seinen Messestand erreicht hatte, war eine Fotoserie des derzeit heiß gehandelten New Yorker Künstlers Terence Koh bereits für 210 000 Euro verkauft. Die Bilder zeigen Koh und ein paar nackte Jungs beim Drogenkonsum, Sexspielchen und anderen eher verstörenden Abenteuern. „Der Sammler muss zum Stand gerannt sein“, meinte Peres.

Die Zweitsprache in Miami: Deutsch

Mary Boone landete mit einer neuen Serie ihres Künstlers Eric Fischl einen netten Treffer, zehn Millionen Dollar zahlte ein amerikanischer Sammler für die fünf gewaltigen Bilder. Blum and Poe aus Los Angeles hatte bereits nach dem ersten Tag nur noch Getränke zu bieten, eine neue Arbeit von Takashi Murakami („Daruma the Great“) brachte 1,5 Millionen Dollar. Der Berliner Galerie Neugerriemschneider kaufte ein Sammler den Boden unter den Füßen weg. 250 000 Dollar kosteten hundert Quadratmeter Holzparkett von Jorge Pardo. Als „hot tickets” scheinen sie nicht mehr zu gelten, aber die deutschen Künstler schlugen sich wacker. Jonathan Meese war äußerst gefragt, eines von Martin Eders Schmusekätzchen (68 000 Euro) fand bei Eigen+Art prompt einen Liebhaber.

Besonders die Berliner Galerien waren stark vertreten. Die Gäste freuten sich über die verrückten Amis, die sogar das Plastikbesteck im Messerestaurant verchromen und dass zu den Crêpes wie zu Hause Nutella serviert wurde. Der Kölner Galerist Dr. Philipp von Rosen reiste zum ersten Mal mit seiner Galerie in Miami an. Während es sich sein Schweizer Künstler Nic Hess am Strand gut gehen ließ, schwitzte von Rosen tapfer in einem der Kunstcontainer. „Wir sind nicht hergekommen, um große Geschäfte zu machen. Unsere Erwartungen wurden bislang übertroffen“, meinte der Galerist. Die Kontakte seien hervorragend. Auch Andreas Wiesner von den Berliner Kunstagenten, der sich zum ersten Mal an der Teilnahme der Nebenmesse Scope durchgerungen hatte und die zu Trödelmarkt-Stücken aus Miami arrangierten Arbeiten des Hamburgers Thorsten Brinkmann ausstellte, war zufrieden. Vertreter des Museum of Modern Art hatten Interesse gezeigt, mehrere Arbeiten waren bereits verkauft. Womit sich die Investition von 18 000 Dollar allein für die Standmiete rechnete.

Takashi Murakami verpflanzte seine Talentshow „Geisai“, die seit sechs Jahren in Tokio läuft, zur „Pulse” nach Miami. Unter Tausenden von Online-Bewerbungen wählte sein Komitee 20 Künstler aus, die kostenlos ausstellen durften. „Es ist eine Chance für Künstler, die eher auf der schüchternen, schrulligen Seite sind“, so Murakami. Gediegen waren dann auch die Arbeiten. Ob die mit Brüsten ausgestatteten Kissenschals des Japaners Sumiko Nogi oder die Cornflakes-Packungen der Kalifornierin Kristin Posehn, die den Anspruch erheben, wie Pfeiler von Highwaybrücken auszusehen.

Eric Doeringer aus Massachusetts führte seinen Kollegen mit handlichen Repliken vor, wie man als Nachwuchskünstler ein Geschäft macht. „Die besten Kunst-Deals der Stadt“ und Sonderangebote versprachen die neonfarbenen Schilder seiner kleinen Standbude. Für 250 Dollar war alles im Sortiment, was Rang und Namen hat: Andy Warhol, Richard Prince, Jenny Holzer, Maurizio-Cattelan-Minis im preisgünstigen Fünferpack. Kara Walker war auf 80 Dollar herabgesetzt. Und Doeringer verkaufte, bis ihm die Plastiktüten ausgingen.

Einmalige Symbiose zwischen Kunst und Entertainment

Vor fünf Jahren hatte Sam Keller der Kunstwelt gezeigt, dass eine Messe vor allem eines sein kann: Spaß. Auch dies Mal steckte er mitten im Geschehen, als eine Horde von Fans auf die Bühne klettere, um mit Iggy Pop abzurocken. Auf der alljährlichen Party der Deitch Gallery im Raleigh Hotel wurde gequalmt, als ob es das Rauchverbot niemals gegeben hätte. Keller und seine Mannschaft schafften in Miami eine einmalige Symbiose zwischen Kunst und Entertainment.

Inzwischen sprang die Industrie für Luxusgüter hemmungslos mit auf den Zug. Auf 232 Seiten pries das „Art Basel Miami Beach“ Magazin die Vorzüge der Stadt und stellte junge Sammler vor ihren Lieblingskunstwerken vor. Daneben warben dann Immobilienfirmen mit Luxusapartments auf doppelseitigen Anzeigen. Die neue Satellitenmesse „Miami Beach Art Photo Expo“ erklärte gewöhnliche Modefotografie zu Kunst und bot limitierte Prints, die aus jeder beliebigen Vogue stammen könnten, zu Preisen von bis zum 40 000 Dollar an. Cartier errichtete einen blau ausgeleuchteten Kuppelbau im Botanischen Garten. Praktischerweise in unmittelbarer Nähe zum Messegelände neben den Veranstaltungsräumen für Videokunst und der Soundlounge. Damit Sammler nach dem Kunst-Shopping beim nächsten Glas Champagner ein Diamantenkollier für eine halbe Million Dollar kaufen können.

Zur Eröffnung einer von Poprocker Lenny Kravitz designten Bar legte das Delano-Hotel die PR-Party clever auf die Openingnacht der Messe. So unterhaltsam dies sein mag, fragt man sich natürlich, was das alles mit großer Kunst zu tun haben soll. Als Gag für Eröffnung der „Pulse”-Messe hatte die Brooklyner Künstlerin Jennifer Dalton tausend Plastikarmbänder bedrucken lassen: Die eine Hälfte trug die Aufschrift „lieber reich als sexy“, die andere verkündete „lieber sexy als reich“. „Sex und Geld, das ist es doch, worum auf einer Veranstaltung wieder dieser geht“, meint die Künstlerin. Schon auf der Eröffnungsnacht waren fast alle Armbänder vergriffen – die meisten Gäste hatten sich als erstes für „reich“ entschieden.

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