Loop '08 - Barcelona

Keine Werke für die Zahnarztpraxis

Zum sechsten Mal findet vom 8. bis 10. Mai in Barcelona das "Loop"-Festival für Videokunst statt – und 44 Galerien aus aller Welt zeigen im Hotel Catalonia Ramblas neue Arbeiten. art hat sich auf der Messe umgesehen und präsentiert – exklusiv – drei visuelle Leckerbissen.
"Keine Werke für die Zahnarztpraxis":das Videokunst-Festival in Barcelona

Eine Videoarbeit wird meist an die Wand gegenüber dem Bett gebeamt – und eine zweite läuft im Bad

Einen Anflug von Schwellenangst gibt es gelegentlich doch noch zu überwinden. Schließlich betritt man auf der Barceloneser Kunstmesse Loop keine hell erleuchteten Galerieräume, sondern lediglich abgedunkelte Hotelzimmer. Mitunter wartet im Schummer nichts als eine schattenhafte Gestalt, die einen dazu einlädt, es sich doch bitte auf dem Bett bequem zu machen.

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Natürlich zählt nicht das Lager, sondern der Blick von dort: Auf die Leinwand, auf den Flachbildschirm – auf das, was die Händler im Schummer gerade an Videokunst anzubieten haben. Das komplette Erdgeschoss des Hotels Catalonia Ramblas, im Stadtzentrum genau zwischen Einkaufs- und Szeneviertel gelegen, hat sich für drei Tage in einen Marktplatz für bewegte Bilder verwandelt.

44 Galerien aus aller Welt (darunter 11 aus Spanien und 9 aus Deutschland) zeigen in gediegenen Viersternezimmern je ein bis drei aktuelle Werke. Eine Arbeit wird meist an die Wand gegenüber dem Bett gebeamt, eine zweite läuft im Bad, wobei die dortige Vorführform variiert. Die Barceloneser Galerie Senda hat den Beamer hoch über die Badewanne gewuchtet, um einen Teil von "La Reina de las Fiestas" des Künstlerduos Momu & No Es direkt hinunter auf eine milchige Flüssigkeit projizieren zu können; die Unschärfe aufgrund der schwimmenden "Leinwand" wird für den Gimmick in Kauf genommen.

Isabel Rocamora, "Horizon of Exile", 2008 – Galeria Senda

Zum sechsten Mal findet Loop bereits statt, nach wie vor unter Leitung des Barceloneser Galeristen-Trio Carles Duran, Llucià Homs und Emilio Álvarez. Und wenn die Messe selbst auch kaum gewachsen ist, so doch das Rahmenprogramm, und zwar gewaltig: An knapp 150 Orten der Stadt wird während des begleitenden Festivals Videokunst gezeigt. Man findet Arbeiten in Friseursalons, Cocktailbars, Restaurants, Fahrradverleihen – und natürlich in allerlei Museen, Kulturhäusern und Galerien. Nicht jede Platzierung ist glücklich und der einzelnen Arbeit angemessen, aber der massiv gestreute Gesamtauftritt dient ja vor allem zum Zeichensetzen: Für ein paar Tage kommt man kaum durch die Stadt, ohne irgendwo mit Videokunst konfrontiert zu werden. Und weil sich die Europäische Union gerade im Jahr des Interkulturellen Dialogs befindet, hat das Festival in Zusammenarbeit mit verschiedenen Immigranten-Initiativen die Sektion "Loop diverse" geschaffen, damit etwa die pakistanische, die marokkanische oder die bolivianische Gemeinde auch etwas Hausgemachtes zu sehen bekommen.

Was die zusammengerechneten Projektionszeiten des Festivals angeht, so übersteigen sie diejenigen der Messe längst um ein Vielfaches. Unmöglich, überall mal vorbeizuschauen. Aber vielleicht ist das strategische Ziel der großen Fülle auch noch ein anderes. Johann Nowak von der Berliner Galerie DNA mag jedenfalls am vielfältigen Begleitprogramm, dass es die Aufmerksamkeit etwas vom eigentlichen Herzstück, der Messe, ablenkt. "Wer einfach etwas Videokunst sehen will, muss sich nicht hier über den Hotelflur drängeln. Dadurch können wir konzentrierter arbeiten." Nowak ist von Anfang an bei Loop dabei. Was anfangs ein gewagter Schritt war, die Spezialisierung der Messe, habe mit der Zeit einen ordentlichen Markt geschaffen. "Verkaufsmodelle von Videokunst sind hier entwickelt worden", sagt Nowak, "jetzt spürt man überall das gewachsene Selbstvertrauen – zum Beispiel an den gestiegenen Preisen."

Wenige Arbeiten der Messe haben dekorativen Charakter

Im ersten Jahr von Loop verkaufte DNA ein einziges Werk für 1000 Euro. Diesmal hat Nowak zwei frische, noch titellose Werke von Mariana Vassileva mitgebracht und rechnet mit dem Verkauf von acht bis neun Arbeiten zu Werten zwischen 1500 und 8000 Euro. In anderen Kojen (plötzlich passt das Wort wieder) steigen die Preise aber auch mal bis zu 30 000 Euro an. Dabei bleibt das Sammlerpublikum begrenzt, wenngleich es stetig wächst. "Vor allem die institutionellen Besucher haben hier eine extrem hohe Qualität", sagt Nowak, "das Risiko, mit den Werken in einer Zahnarztpraxis zu landen, ist dagegen relativ gering."

Niklas Goldbach, "Intruders", 2007 – Galerie Anita Beckers

Tatsächlich haben nur wenige Arbeiten der Messe dekorativen Charakter. Schön in jeder Hinsicht ist allerdings Marco Brambillas "Cathedral", ein Werk, das angemessenerweise von der Galerie Christopher Grimes aus Santa Monica gleich auf Blu-Ray-DVD angeboten wird. Knapp zehn Minuten lang zeigt Brambilla Aufnahmen aus einem großen Shopping-Center, aber zerlegt in ein vielschichtiges Kaleidoskop aus glitzernden Schaufensterfragmenten, kurz aufscheinenden, staunenden Käufergesichtern und vorbeiflackernden Markennamen. Der Kaufrausch als epiphanischer Trip – selten hat Konsum-Kritik verführerischer ausgesehen. Repräsentativ an Brambillas Werk ist einzig die Länge, denn auf zehn Minuten beläuft sich laut Messeleitung die durchschnittliche Spielzeit aller Beiträge. Das bedeutet im Vergleich zu früheren Loops eine klare Verkürzung und spricht zugleich für ein klareres Bewusstsein von der Aufnahmekapazität des Publikums, nicht nur während der Messe. Der Wille und die Fähigkeit zur formalen Konzentration – auch das scheint ein Indiz für den Reifeprozess innerhalb der Videokunst zu sein.

Dabei gehen die interessantesten Beiträge dieses Jahres eher über die Durchschnittsdauer hinaus. Harun Farockis 24-minütiger "Vergleich über ein Drittes" etwa (bei Àngels Barcelona), eine Parallel-Projektion auf zwei Leinwände, die verschiedene Formen der Ziegelproduktion zwischen afrikanischer Handarbeit und deutscher Industriefertigung zeigt und nebenbei von den Folgekosten der Automatisierung handelt. Oder Johanna Domkes 18-minütiger "Cuers" (bei der Hamburger art agents gallery), ein traumwandlerisches, zauberhaft beklemmendes Travelling an Gruppen von stoisch Wartenden vorbei, die die Künstlerin zuvor in einer Fabrikhalle zu Tableaus existenzialistischen Ausharrens arrangiert hatte.

Niklas Goldbach, "Rise", 2007 – Galerie Anita Beckers

Abermals repräsentativ dagegen Zhenchen Lius "Under Construction" (bei Anita Beckers) – und das gleich in doppelter Hinsicht. Denn von den zehn Minuten Laufzeit abgesehen steht Lius kunstvoll digital verdüstertes Werk über den Abriss eines Shanghaier Altstadtteils auch thematisch nicht allein. Der rasante Umbau der chinesischen Gesellschaft bestimmt gleich eine knappe Handvoll Beiträge und spielt natürlich auch außerhalb des Messe-Rahmens eine Rolle. Im Pavillon Mies van der Rohe etwa sind zwei dokumentarische Essays des renommierten Spielfilmregisseurs Jia Zhang-Ke über die städtische Topografie von Hongkong und Shenzhen zu sehen. In Mies' minimalistischem Quader von Chinas Wildwuchs zu erfahren, das sorgt zweifellos für den Clash zweier "Locacions", wie man ihn in einem genormten Hotelzimmer schwerlich hinbekommt.

"Loop '08 – International Festival & Fair For Videoart"

Termin: bis 10. Mai, Hotel Catalonia Ramblas, Barcelona.
http://www.loop-videoart.com/

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