Schwerfel On Tour - Reisetagebuch Asien

Schwerfel On Tour: Shanghai Contemporary

Von Gwangju bis Yokohama – innerhalb von zwei Wochen finden in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan sieben Biennalen und Triennalen statt. Unser Korrespondent Heinz Peter Schwerfel ist vor Ort – und berichtet exklusiv für art aus den asiatischen Kunstmetropolen. Teil vier: die Kunstmesse Shanghai Contemporary. In den nächsten Tagen folgt: die Yokohama-Triennale.
Eine Rundreise durch Asien:Teil vier – die Kunstmesse Shanghai Contemporary

Die dicke Sau des Chinesen Chen Wen Ling brachte der Messe kein Glück. Die Stimmung war gut, die Kunst schlecht – und das Geschäft ebenso

Am Stand der Galerie Arario räkelt sich "June" von Fang Lijun, bei Volker Diehl strahlt auf Ling Jians Großformat eine junge Dame sehr verkäuflich, und Künstlerin Effie Wu aus Taiwan lenkt den Besucher in einem Video lächelnd bis in ihr Bett, allerdings nach einem Umweg durchs Bad, zum Zähneputzen: So viel Verführung war selten in der Kunst, hier will man Käufer bezirzen, mit Charme, Sex und Kitsch. Ob es gelingen wird?

Die Shanghai Contemporary war im letzten Jahr viel versprechend vom Genfer Galeristen und Sammler Pierre Huber sowie dem erfahrenen Messemacher Lorenzo Rudolph (ehemaliger Leiter der Messe Art Basel) gegründet worden. Nun wird sie allein von Rudolph verantwortet, nachdem Huber wegen Verdachts auf Insidergeschäfte ausgeschieden ist. Sie gibt sich knallbunt, süßlich und unterhaltsam, ist optimistisch und gut gelaunt, wie alle Messen. Sie ist großzügig gebaut, in einem von Stalin spendierten Architektenungetüm. Und sie wusste schon im Vorfeld großspurig aufzutreten. Mittelständische europäische Galerien wurden mit der Verheißung des "Eldorado China" geworben.

Außerdem wurden museale Expoarchitektur, eine Outdoor-Skulpturenschau und ein attraktives VIP-Programm versprochen. Denn, so wurde in etwa verkündet, die Kunstmessen von heute seien die Biennalen von morgen. Große Töne also – und nun ein kleiner Umsatz? Taugen Großsammler, die neben Spaß und Leidenschaft immer auch das Geschäft im Sinn haben, wirklich als Trendsetter? Sind kommerzielle Messen von Basel bis Berlin, New York oder Miami nur Spiegel von Martkttrends, oder werden sie wirklich zeigen, in welche Richtung die Kunst strebt? Kann der Markt ein unabhängiger Kurator sein?

Stimmung gut, Kunst schlecht – und das Geschäft ebenfalls

Wäre alles wahr geworden, was man sich von der Shanghai Contemporary erhoffte, ihre Zukunft wäre so rosig wie die dicke Sau, die der Chinese Chen Wen Ling feist in die große Halle der Entdeckungen gepflanzt hat. Umringt von anhimmelnden Ferkeln, soll sie Symbol und Glücksschwein für eine Messe sein, die den Anspruch hat, asiatische und westliche Kunst unter einem Dach zusammenzubringen und so einen Dialog der Künste zu schaffen. Vor allem aber, westlichen Galerien asiatisches Talent und Geld zuarbeiten.

Doch Schwein gehabt hatten am Eröffnungstag erst einmal nur die Museumskuratoren aus aller Welt, die, wegen der zeitgleichen Shanghai-Biennale zahlreich angereist, grinsend durch nur spärlich besuchte Alleen schlenderten und hämisch befanden, so viel grausige Kunst hätten sie schon lange nicht mehr unter einem Dach gesehen. Die Stimmung war gut, die Kunst schlecht. Und das Geschäft ebenfalls.

Rote Punkte sagen bekanntlich nicht mehr viel über die Geschäfte aus, erst recht nicht, wenn die Transportkosten hoch, die Kojenlager klein sind und Nachschub fehlt. Bei vielen Galeristen wurde am ersten Abend noch Optimismus vorgespielt, am zweiten, ebenfalls den VIP's vorbehaltenen Tag, gab es jedoch betretene Gesichter. Vor allem bei jenen, die renommierte Namen mitgebracht hatten, wie Karsten Greve an seinem Doppelstand. Qualität ist nun mal teuer, deshalb reisen Lucio Fontana, Jannis Kounellis, John Chamberlain und Louise Bourgeois voraussichtlich unverkauft nach Europa zurück.

Besser schnitten Galerien ab, die chinesische Kunst anboten

Greve konnte nur eine einzige hochpreisige Reservierung verbuchen. "Vor allem kommt es mir darauf an, hier Flagge zu zeigen. Hohe Qualität, feste Preise", erklärte Greve und verwies auf die hohe Mehrwertsteuer, 34 Prozent, der chinesische Sammler unterworfen sind. Wenn sie nicht über Hongkong kaufen, was folglich die meisten tun. Das bedeutet für die Galeristen zusätzliche Transportkosten, die durch Aufschläge abgefangen werden, und eventuell Devisenprobleme, zusätzlich zum staatlichen Zensor, der sich allerdings im Wesentlichen auf zu expliziten Sex und Verunglimpfung des Großen Vorsitzenden beschränkt.

Eine lange Reihe Handicaps für Galeristen wie Baukunst aus Köln, Collet Park aus Paris, Max Protetch oder Lehman Maupin aus New York, die alle am ersten Tag nur eine Arbeit verkauften, und nicht vom teuersten. Die Finnen von Forsblom blieben auf Julian Schnabel und Georg Baselitz erst einmal sitzen, Persano auf Mario Merz und Gilberto Zorio, Schulte aus Berlin auf Katharina Sieverding und Paco Knoeller, Hilger auf einem – zugegeben schwachem – Andy Warhol.

Besser schnitten Galerien ab, die chinesische Kunst anboten. Wieder einmal zeigte sich, dass chinesisches Geld vor allem einheimische Kunst erwirbt. Michael Schultz verkaufte seine große bunt bemalte Autoskulptur von Ma Jun auf Anhieb, drei kleinere Exemplare gingen ebenfalls weg. Volker Diehl wurde sein verführerisches Mädchen los. Marlborough und Pace zeigten sich zufrieden. White Space aus Peking, Partnergalerie von Alexander Ochs, freute sich über drei verkaufte Gemälde des jungen Liu Wentao, einem der raren chinesischen Abstrakten. Allerdings blieben die Preise bescheiden, 8000 Dollar für ein kleineres Format.

Kunterbunte Netzhautschmeichler aus China

Überraschenderweise fehlte es an potenten Sammlern, vor allem europäischen. Wenig Amerikaner, Australier oder Koreaner. Auffällig, dass der vielbeschworene globale Kunstmarkt zwar funktioniert, was Partnerschaften und Filialen betrifft, wenn etwa Deutsche, US-Amerikaner, Koreaner und Japaner in Peking, Mallorca, London oder Zürich eröffnen; aber zur versprochenen multikulturellen Messe kam es nicht, von einem Ost-West-Dialog kann keinesfalls die Rede sein. Zu aufdringlich die kunterbunten Netzhautschmeichler aus China und Korea, zu zynisch der Glücksschwein-Kommerz. Trotz der – lobenswerten – Präsenz von Künstlern aus dem Iran, der Türkei oder aus Georgien kann auch die "Best of Discovery" genannte Abteilung für Entdeckungen nicht überzeugen. Bis auf Ausnahmen wie den Jawanesen Agus Suwage, der witzig klassische Performances von Joseph Beuys bis Jeff Koons nachzeichnet, bleibt das Niveau bemüht bis studentisch, wie die grellen Neonunterhöschen von Wang Zhojuan weithin sichtbar demonstrierten.

Überhaupt die Sichtbarkeit: Offene museale Hängung war versprochen worden, Aufbrechen der Stand-Ästhetik, Flanieren durch Rauminstallationen. Doch selbst bei "Best of Discovery" überwiegen Wand an Wand gebaute Black Boxes in schlechter Verarbeitung und mangelhafter Tonisolation, und die meisten Außenskulpturen sind ebenfalls eher lieblos in den Innenhof der Messe geknallt. Und eine angekündigte Installation mit acht lebenden, vom Belgier Wim Delvoye tätowierten Säuen wurde kurz vor Eröffnung verboten – von der chinesischen Zensurbehörde. Dabei hätten ein paar Glücksschweine mehr der Shanghai Contemporary sicher gut getan.

"ShContemporary"

Termin: bis 13. September, Shanghai, China.
http://www.shcontemporary.info/