Christie's-Auktion - Rembrandt

Die Leute suchen nach einer guten Wertanlage

Das Autionshaus Christie's versteigert heute Abend, von 19 Uhr an, in London drei bislang fast unbekannte Meisterwerke der Maler Rembrandt, Raffael und Domenichino. Der Christie's-Auktionator und -Experte für Alte Meister, James Bruce-Gardyne, über die Wiederbelebung des Altmeistermarkts, dünne Kataloge während der Krise und die emotionale Seite des Kunstkaufs.
"Die Leute suchen nach guten Wertanlagen":Altmeister-Experte im Gespräch

Rembrandt (1606-1669): "Portrait eines Mannes", umgerechneter Schätzwert zwischen 19,9 Millionen und 27,6 Millionen Euro

Herr Bruce-Gardyne, eine Zeit lang haben sich die Leute mehr für zeitgenössische und moderne Kunst interessiert als für Rembrandt oder Raffael. Sind Sie erleichtert, dass die Werke der Alten Meister jetzt ihre Rückkehr feiern?

James Bruce-Gardyne: Ja, natürlich bin ich froh, dass das Interesse für die Alten Meister wieder zugenommen hat. Aber die Kunstsammler haben sich immer schon für Alte Meister interessiert. Es ist ein sehr stabiler Markt.

Liegt es an der Wirtschaftskrise, dass die Meister der Malerei des 14. bis 18. Jahrhunderts wieder gefragt sind?

Der Markt der Alten Meister stützte sich nie auf Spekulationen, wie es vielleicht andere Märkte getan haben oder immer noch tun. Es gab nie solche dramatischen Preisanstiege wie bei der zeitgenössischen Kunst. Die Alten Meister sind vielleicht eine Weile übersehen worden, weil die Werke der Gegenwart die Menschen mehr angezogen haben. Aber die Leute suchen nach einer guten Wertanlage, in die sie ihr Geld sicher investieren können. Die Alten Meister wurden immer ganz klar als solch eine gesehen.

Spüren Sie die Wirtschaftskrise im Kunstmarkt?

Unsere Verkäufe laufen gut. Allerdings hat das Volumen der Verkäufe abgenommen. Das liegt daran, dass viele der Ansicht sind, im Moment sei nicht die beste Zeit zu verkaufen. Aber das stimmt nicht. Die Auktion am Dienstag wird zeigen: Es sind genügend Interessenten da; es gibt Sammler Alter Meister.

Das ist aber auch nicht schwer, wenn Sie für die Auktion die berühmtesten Maler wählen.

Es wäre schön, wenn ich sagen könnte, wir hätten diese Werke gewählt. Aber so läuft das nicht. Wir können nicht einfach den Telefonhörer abheben und sagen: Okay, dieses Mal nehmen wir den Rembrandt und den Raffael.

Die Bilder werden also nicht verkauft, weil ihre Besitzer in Geldnot geraten sind?

Die Gemälde waren alle mindestens 30 Jahre Teil einer Privatsammlung – der Evangelist Johannes von Domenichino wird erstmals seit mehr als 100 Jahren zum Verkauf angeboten. Die Besitzer verkaufen keines der Bilder wegen der Finanzkrise. Das kann ich Ihnen zu 100 Prozent versichern.

Wie kommen Sie an die Werke heran – melden sich die Sammler bei Ihnen, ruft Sie jemand an und sagt: "Hören Sie, ich habe da einen Rembrandt im Keller gefunden"?

Das wäre schön, wenn das passieren würde. Einige Gemälde kennen wir schon seit Jahren. Wenn wir ein Werk versteigern, steht dahinter oft ein jahrelanger Kontakt zum Besitzer, zu dem wir eine Beziehung aufgebaut haben. Manchmal steckt aber auch besonderer Umstand dahinter. Entweder kommen die Leute dann zu uns oder wir stoßen das an.

Wissen Sie, was in den Privathäusern auf der ganzen Welt hängt?

Nicht alles. Aber wir verbringen viel Zeit damit, Werke für Kunden zu bewerten. Das machen wir in Privathäusern und Institutionen. Über die Jahre haben wir vieles aus Privatsammlungen gesehen.

Verfolgen Sie auch die Wirtschaftslage von Unternehmen, um zu wissen, wie es wem geht und was wo hängt?

Ja, selbstverständlich. Unsere Arbeit ist eng verbunden mit dem, was in der Wirtschaftwelt passiert. Und das ist noch wichtiger geworden, seitdem wir unser Geschäft in neue Länder und neue Märkte erweitert haben.

Und woher kommen die Käufer von Alten Meistern?

Traditionell aus Amerika und Europa. Es ist eine Mischung aus Privatpersonen, Händlern und Museen. Jetzt haben wir russische Käufer, die einen großen Teil unseres Geschäfts ausmachen. Vor kurzem hatten wir den ersten Chinesen bei einer Altmeister-Auktion. Der Markt hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf die ganze Welt ausgeweitet, und die Käufer von Alten Meistern werden jünger.

Rembrandts Porträt eines Mannes haben Sie auf einen Wert von bis zu 25 Millionen britische Pfund geschätzt – umgerechnet rund 27,6 Millionen Euro. Wie legen Sie den Wert eines Werkes fest?

Das ist ein kompliziertes Verfahren. Kein Gemälde gleicht dem anderen. Also vergleichen wir Bilder mit ähnlichen Werken desselben Künstlers oder mit anderen Malern. Wir schauen uns auch an, in welchem Zustand das Gemälde ist, die Qualität, woher es kommt.

Wer kauft in Deutschland Alte Meister?

Es gibt eine Gruppe von Sammlern, die sich speziell für Alte Meister interessiert. Viele von ihnen sind Geschäftsleute und haben ein detailliertes Wissen über die Werke Alter Meister. Und die Gruppe wird größer.

Gibt es Leute, die vorher nur neue Kunst gekauft haben, und sich jetzt für Rembrandt oder Raffael interessieren?

Es gibt Sammler, die zeitgenössische Kunst gekauft haben, diese jetzt mit Werken Alter Meister aufhängen und feststellen: Das wirkt gut zusammen. Aber das ist nichts grundsätzlich Neues, was sich erst in den letzten sechs bis zwölf Monaten entwickelt hätte. Schon vor etwa vier Jahren hatten wir Kunden, die Alte Meister gekauft haben, und vorher Zeitgenössisches.

Haben sich die Märkte vermischt?

Die Alten Meister sind ein eigener Markt. Aber es gibt Stellen, an denen die Märkte ineinander greifen, zum Beispiel die Impressionisten oder auch die Gegenwartskunst mit den Alten Meistern.

Ihr größter Konkurrent ist das amerikanische Auktionshaus Sotheby’s. Wie schaffen Sie es, dass nicht Sotheby’s, sondern sie diejenigen sind, die ein Werk versteigern?

Wir versuchen natürlich so wettbewerbsfähig wie möglich zu sein, was den Geschäftsabschluss betrifft, die Verhandlungen, das Marketing, die Expertise.

Garantieren Sie Ihren Kunden eine bestimmte Summe, die Sie ihnen in jedem Fall für das Werk zahlen, egal wie die Auktion ausgeht, um die Konkurrenz auszustechen?

Heutzutage nicht.

Aber Sie haben das schon einmal gemacht?

Wir haben in seltenen Fällen mit Garantien gearbeitet, aber das zählt zur Vergangenheit.

Was machen Sie mit Werken, die niemand ersteigert?

Normalerweise bieten wir sie in einer anderen Auktion ein zweites Mal an. Oder sie gehen zurück zum Verkäufer. Wir stellen nur den Marktplatz, auf dem sich Anbieter und Verkäufer treffen.

Haben Sie viele Interessenten für die drei Meisterstücke, die am Dienstag versteigert werden?

Ja, das ist die beste Auktion Alter Meister, die wir in den vergangenen 30 Jahren bei Christie’s angeboten haben. Sie umfasst einige gute Werke, aber vor allem bieten wir drei Meisterstücke, die so gut wie unbekannt sind. Das zieht viele Interessenten an. Bei Rembrandt und Raphael sprechen wir schließlich von zwei der größten Namen in der Kunstwelt.

Was meinen Sie, kaufen die Leute Kunst eher mit dem Verstand oder mit dem Herzen?

Die meisten Sammler und Kunden, die zu unseren Auktionen kommen, haben sich vorher sehr gut informiert. Die emotionale Seite spielt während der Auktion sicherlich eine Rolle, aber der Beleg über Zustand, Herkunft, Preis und Qualität des Bildes ist genauso ausschlaggebend.

Welchen Maler mögen Sie?

Ich habe keinen speziellen Favoriten. Am meisten gefallen mir Werke von Künstlern, die noch nicht voll dokumentiert sind – bei denen ich recherchieren und noch etwas entdecken kann.

Aber Sie bevorzugen Alte Meister?

Ich beschränke mein Interesse nicht alleine darauf. Mich sprechen auch die Bilder klassischer britischer Künstler an wie Constable, Gainsborough und Lowry. Wenn man die ganze Zeit mit Alten Meistern arbeitet, ist es schön, auch deren Einfluss auf moderne Maler zu verfolgen.

"Christie's-Auktion Alter Meister"

Termin: 8. Dezember 2009, ab 19 Uhr, Christie's London
http://www.christies.com/features/welcome/german/