ARCO - Madrid

Kunst und Mehrwertsteuer

Crash in Zeitlupe: Galeristen fürchten, dass die Folgen von Eurokrise und Mehrwertsteuer die Kunstmesse ARCO und den Galerienstandort Spanien in ihrer Existenz bedrohen.
"Die ARCO wird ein Debakel":die wichtigste Kunstmesse in Spanien eröffnet

Besucherin vor "Simplemente Bella" des kubanischen Künstlers Mabel Poblet bei der Raquel Ponce Galerie ausMadrid

Miquel Barceló, Spaniens bestbezahlter Maler und Bildhauer, hätte zwar lauter, aber nicht deutlicher warnen können: "In diesem Jahr wird ARCO ein Debakel erleiden".

Barceló machte den Schuldigen für das mögliche Scheitern der Madrider Messe für zeitgenössische Kunst klar aus. Die spanische Regierung versetze der heimischen Kunstszene und damit auch der ARCO mit der jüngsten Mehrwertsteueranhebung für Kunstkäufe einen regelrechten Todesstoß, so der mallorquinische Künstler.

Isabel Mignoni von der spanischen Galerie Elvira González kann dem nur zustimmen. "In den vergangenen Jahren ist die Mehrwertsteuer von acht auf 15 und Anfang des Jahres nochmals auf 21 Prozent erhöht worden. So können wir spanischen Galeristen im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig bleiben", stellt Mignoni fest. Die fehlenden roten Verkaufspunkte an den interessanten Bildern und Tongefäßen Miquel Barcelós und der Alabasterskulptur Chillidas scheinen ihr Recht zu geben.

"Wir spanischen Galeristen haben Angst", gibt auch die deutschstämmige Madrider Galeristin Helga de Alvear offen zu. Den spanischen Galerien gehe es wegen der nicht enden wollenden Wirtschaftskrise sehr schlecht. Sie selber habe seit sechs Monaten kein einziges Werk verkaufen können. "Gerade für kleinere Galerien könnte die jüngste Mehrwertsteuererhöhung nun das Aus bedeuten", sagt Alvear.

Besonders brutal kommt die dadurch entstehende Wettbewerbsverzerrung auf der 32. ARCO zum Vorschein, an der 201 Galerien aus 27 Ländern teilnehmen und deren Anteil ausländischer Galerien in den vergangenen Jahren auf 66 Prozent angewachsen ist. "Warum sollte ein Sammler bei mir mit 21 Prozent Mehrwertsteuer einen Imi Knoebel kaufen, wenn ihm gegenüber die deutsche Galeristin Bärbel Grässlin bei einem Werk des gleichen Künstlers nur sieben Prozent zu berechnen braucht?", verdeutlicht Alevar die Situation.

Sie ist "wütend" auf die spanische Regierung, die ihrer Meinung nach in der Kunst nur das sieht, was der Künstler Alfred Jaar in seiner Neonlicht-Installation "Kultur = Kapital" auf den Punkt bringt; ein belgischer Sammler ersteigerte sie am Stand des Berliner Galeristen Thomas Schulte für 16 000 Euro. Alvear konnte zwar am ersten Tag bereits Isaac Juliens großformatige Fotoarbeit (41 000 Euro) an einen spanischen Sammler verkaufen. Ihre großartigen Werke von Imi Knoebel, Thomas Ruff, Katharina Grosse und des Künstlerduos Michael Elmgren und Ingar Dragset zieren allerdings noch keine roten Punkte. Dennoch herrscht unter den spanischen Galeristen verhaltener Optimismus, dass die diesjährige ARCO, die am Sonntag ihre Tore schließt, doch noch zu einem Erfolg werden könnte.

Juana de Aizpuru konnte einen Sammler mit einem Werk Albert Ohelens (300 000 Euro) überzeugen, und eine Arbeit Martin Kippenbergers (70 000 Euro) wurde reserviert. Ein anderer spanischer Sammler legte sich für 240 000 Euro bei der Galerie Lelong eine Skulptur von Jaume Plensa (240 000 Euro) zu. Der Madrider Galerist Leandro Navarro, der auf der Messe mit wunderschönen Picasso-Zeichnungen aus den Jahren 1907 und 1919 für 1,6 Millionen Euro überrascht, brachte ein Werk José Guerreros (172 000 Euro) an den Mann. Am Stand der Madrider Marlborough-Filiale wechselte ein Juan Genovés (95 000 Euro) den Besitzer.

Auch deutsche Galeristen zeigten sich bisher sehr zufrieden mit ihren Verkäufen. Barbara Gross verkaufte eine Arbeit von Tejal Shah und gleich drei Werke von Kiki Smith. Am gegenüberliegenden Stand wurde der Berliner Galerist Michael Schultz drei Kunstwerke los, unter ihnen eine interessante Lichtinstallation von Bong Chae Son. "Auf der ARCO habe ich schon immer gute Geschäfte gemacht", versichert Schultz, der zudem Bilder von Anselm Kiefer und Cornelia Schleime anbietet. Er rechnet auf der publikumsstärksten Kunstmesse der Welt wegen der spanischen Wirtschaftskrise zwar mit einem Rückgang der diesjährigen Besucherzahlen, aber nicht mit schlechteren Verkäufen.

"Natürlich sind die Krise und die Mehrwertsteuererhöhung ein harter Schlag für die Messe. Aber gute Kunst findet auch in Krisenzeiten immer einen Käufer", gibt sich Carlos Urroz zuversichtlich. Der ARCO-Direktor ist enttäuscht, dass auf seiner Messe fast häufiger über die finanziellen Probleme gesprochen wird, als über Kunst. Dennoch hat er alles Mögliche gemacht, damit ARCO ein voller Erfolg wird. Er konnte die Regierung zwar nicht davon überzeugen, die neue Mehrwertsteuer zumindest während der fünf Messetage auszusetzen. Dafür lud er aber 250 internationale Kunstsammler nach Madrid ein, die nach Aussagen vieler Galeristen auch gerne zum Scheckheft greifen. Seine Hoffnung, das diesjährige Gastland Türkei könne mit seinem aufstrebenden Kunstmarkt zum Sammlermagneten werden, dürfte hingegen scheitern. Die zehn von Vasif Kortun ausgewählten türkischen Galerien verblassen in der Masse guter Galerien anderer Ländern leider ein wenig.

Urroz holte mit "Solo Projects und Focus Lateinamerika" allerdings erneut wieder viele vielversprechende junge Künstler und Galerien aus Lateinamerika nach Madrid. In diesem Jahr versucht er der ARCO zudem durch den Online-Verkauf von Werken bis zu 5 000 Euro eine größere internationale Präsenz und mehr Verkäufe zu sichern. Mit Erfolg: "Von den 500 im Internet angebotenen Werken wurden sechs bereits verkauft, und 30 Prozent haben Angebote und Reservierungen", bestätigt die zuständige Projektmanagerin Glenda Cortez.

Dennoch zeigt die Annahme vieler Galeristen, Spaniens krisengeschüttelten Sammler könnten nicht mehr so tief in die Tasche greifen, Auswirkungen. Die ganz großen Namen und teuren Werke fehlen auf der aktuellen ARCO. Marlborough bot im vergangenen Jahr einen Francis Bacon für 15 Millionen Euro an. Nun ist ihr teuerstes Werk ein Fernando Botero für 800 000 Euro. In der Galerie Roberto Paradise (Puerto Rico) werden Bleistift-Zeichnungen des Künstlers Jesús Negro sogar für 200 anstatt der üblichen 1000 Euro angeboten. Damit wollte der Künstler auf die schwere Wirtschaftskrise in Spanien reagieren und nannte seine eigens für ARCO gefertigten Zeichnungen auch gleich "Low Budget".

"Wir machen eine schwierige Phase durch, aber es werden auch bessere Zeiten kommen", versucht Elena Ochoa Optimismus zu verstreuen. Die Madrider Galeristin rechnet trotz Mehrwertsteuererhöhung und Krise auf der ARCO mit guten Verkäufen. Zwei ihrer sechs Zaha-Hadid-Werke sind bereits verkauft und sie hofft, am Stand ihrer Ivorypress-Galerie auch noch die Werke von Ai Weiwei und die an die Wand geklatschten Porzellan-Tomanten des kubanischen Künstlerduos Los Carpinteros los zu werden. 55 internationale und spanische Sammler hat sie zu diesem Zweck gleich selber nach Madrid eingeladen. Ihr Ehemann, der britische Stararchitekt Sir Norman Foster, schaute natürlich auch am Stand vorbei.

Dennoch würden viele kleinere spanische Galerien mit Blick auf die ungewisse Zukunft am liebsten den "Reisekoffer" von Francis Bacon packen, den Elena Ochoa zum Verkauf anbietet, oder sich die Ikarus-Flügel Ilya & Emilia Kabakov, auf den Rücken schnallen und Spanien verlassen, bis der Spuk zu Ende ist.