Rudolf Kicken - Nachruf

Fotografie war Subkultur

Es gab keine mögliche Quelle für Qualität, die der Fotosammler und -vermittler Rudolf Kicken nicht angebohrt hätte. Am Dienstag starb Deutschlands wohl bekanntester Fotogalerist im Alter von 66 Jahren nach langer Krankheit in Berlin. Dass es heute fotografische Sammlungen höchster Qualität in Deutschland gibt, ist auch sein Beitrag zur Sammlungs-, Vermittlungs- und Kulturgeschichte dieses Landes.
Ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk:Nachruf auf Fotogaleristen Rudolf Kicken

Porträt des Fotografie-Pioniers Rudolf Kicken, der am Dienstag im Alter von 66 Jahren im Kreis seiner Familie starb

1974 eine Fotogalerie zu eröffnen und dann noch in Aachen, war mindestens ein Wagnis. Die Zeiten waren andere: Erst ein Jahr zuvor hatte John Szarkowski, der visionäre Fotokurator des Museum of Modern Art in New York, sein Buch "Looking at Photography" veröffentlicht und damit die Frage, ob denn die Fotografie als Kunst anzusehen sei, für die USA geklärt: Natürlich war sie, und natürlich sollte sie entsprechend selbstverständlich und gleichberechtigt auch an den Wänden von Museen und in privaten Sammlungen hängen. Europa und Deutschland brauchten etwas länger, um das zu verstehen. Hier hatte noch 1952 ein Rezensent im Zusammenhang mit einer Fotoausstellung von "entarteter Kunst" geschrieben. Hier galt die Fotografie noch bis in die achtziger Jahre hinein als Gebrauchsmedium, als Dokumentation, als technisches Handwerk. Zwischen 50 und 150 D-Mark habe damals, als er anfing, ein Abzug von Man Ray gekostet, erinnerte sich Rudolf Kicken einmal. Bei dieser Marksituation eine Fotogalerie zu gründen, sei mehr als ein Wagnis gewesen: "Fotografie war Subkultur, und ich wollte davon leben. Ich hatte sie nicht alle."

Trotzdem eröffnete vor 40 Jahren – erst in einem ehemaligen Kinderzimmer in der Nähe des Aachener Doms, später in den Nebenräumen einer Buchhandlung – die "Galerie Lichttropfen". Rudolf Kicken und sein Freund Wilhelm Schürmann hatten sich entschlossen, Pioniere zu sein und den Markt, den es noch nicht gab, einfach selbst zu schaffen. Und über den Markt ein breites Bewusstsein für Qualität. Kicken hatte ursprünglich selbst vorgehabt, Fotograf zu werden – gegen den Wunsch des Vaters, der ihn fürs familieneigene Baustoffunternehmen vorgesehen hatte. Trotzdem bewarb sich der Sohn noch während seines Volkswirtschaftsstudiums in Bonn so heimlich wie erfolgreich beim großen Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen. Später studierte Rudolf Kicken Fotografie am "Visual Studies Workshop" in Rochester/New York, wo sich das George Eastman House des Kodak-Konzerns zum Kreativlaboratorium der weltweiten Fotoszene entwickelt hatte. Nach einem Vortrag gegen Ende eines Praktikums in der berühmten New Yorker "Light Gallery" sprach Kicken dort einfach den Direktor Harold Jones an und teilte ihm mit, er würde dessen Künstler gern in Deutschland vertreten. Tatsächlich vertraute Callahan dem jungen Endzwanziger aus Deutschland Abzüge heute weltberühmter Fotografen wie André Kertész, Paul Strand und Aaron Siskind an. Ein Foto von Harry Callahan für 400 Dollar war der erste Verkauf am 15-Quadratmeter-Stand auf der Art Basel. In der väterlichen Firma arbeitete Rudolf Kicken trotzdem weiter.

Es waren vor allem die Entdeckung und sein über Jahrzehnte ungebrochenes Engagement für die europäische Fotografie der zwanziger und dreißiger Jahre, die Rudolf Kicken, 1947 in Aachen geboren, zu einem der großen Kunstvermittler des 20. und 21. Jahrhunderts machten. Wer ihn in seinen verschiedenen Galerien, ab 1979 in Köln und ab 2000 dann, der Liebe wegen, in der Linienstraße in Berlin besuchte und mit ihm zusammen die Schubladen der großen Fotoschränke aufzog, dem eröffnete sich das gesamte Panorama der europäischen Fotografiegeschichte. Natürlich sind in der Kicken Gallery auch Klassiker wie Atget und Talbot, russische und tschechische Avantgardisten und Konstruktivisten wie Rodtschenko, El Lissitzky, Jaromír Funke und Frantisek Drtikol oder amerikanische Fotohelden wie Ansel Adams, Diane Arbus und William Eggleston sehen und kaufen. Immer auch ein kluger Geschäftsmann, wusste Kicken, was seine Kunden von ihm erwarteten: Die großen Namen ebenso wie die Entdeckungen, die sie gemeinsam mit ihrem Galeristen machen konnten. Zehn Jahre lang habe er einmal versucht, einen Abzug von Alexander Rodtschenkos "Frau mit Leica" zu bekommen, erinnert sich Kicken vor einigen Jahren. Als das Bild dann endlich in seinem Büro hing, sah es dort ein Sammler – und kaufte es: "Das ist das Schicksal eines Galeristen."

Kickens Herz hing spürbar an den Fotografinnen und Fotografen des Surrealismus, der neuen Sachlichkeit, des Bauhauses und der Subjektiven Fotografie der fünfziger Jahre, die sein Lehrer Otto Steinert geprägt und gefördert hatte. Karl Blossfeld und Hugo Erfurth, Albert Renger Patzsch und August Sander, Hilmar Lerski und Werner Mantz oder der jahrzehntelang vergessene Otto Umbehr ("Umbo"), zu dessen Wiederenteckung er maßgeblich beitrug, waren Kickens Hausgötter. Ihnen widmete er Ausstellungen und Kataloge, in denen der Kunstvermittler den Galeristen weit hinter sich ließ. Andere Strömungen – etwa den Fotojournalismus, die eigenständigen Entwicklungen in der DDR oder die konzeptuellen Arbeiten der Becher-Schule – verlor er dabei nicht aus dem Blick. Und wenn junge, zeitgenössische Fotokünstler wie Jitka Hanslová, Hans-Christian Schink oder Götz Diergarten seine Aufmerksamkeit erregten, engagierte sich Rudolf Kicken für sie in nächtelangen Diskussionen und in den hervorragenden Katalogen seiner Galerie mit gleicher Leidenschaft wie für die Klassiker, die der jungen Generation den Weg geebnet hatten.

Sechs Vintage-Abzüge des "Satiric Dancer" von André Kertész sind erhalten: fünf in Museen, den sechsten Konnte Rudolf Kicken schon vor Jahren auf der Art Basel anbieten – für zwei Millionen Euro. Wo er ihn gefunden hatte, verriet er nie. Dafür erzählte er gern die Geschichte jener Vintage Prints des Dadaisten Raoul Haussmann, die auf einem Berliner Flohmarkt in einer Kiste lagen: Es gab keine mögliche Quelle für Qualität, die Rudolf Kicken nicht angebohrt hätte. Dass der Jäger auch selbst ein Sammler war, wurde spätestens 2013 auch der Öffentlichkeit bewusst. Damals, hatten der schon schwer erkrankte Rudolf Kicken und seine Frau Annette rund 1200 Fotografien aus ihrem Privatbesitz ans Frankfurter Städel teils gestiftet und teils verkauft. Mit Max Hollein als Direktor und Kuratoren wie Felix Krämer hatten beide hier – nicht in Aachen, nicht in Köln und nicht in Berlin – ein Museum gefunden, für das das gleichberechtigte Nebeneinander von Skulptur, Grafik, Malerei und Fotografie längst eine Selbstverständlichkeit war – und das die grandiosen Abzüge aus der Sammlung Kicken seither immer wieder auch entsprechend selbstbewusst und gleichberechtigt Seite an Seite mit den anderen Bildformen präsentiert.

"Ich wollte diese Gleichberechtigung der Medien, die ich aus den USA kannte, auch in Deutschland schaffen", beschrieb Rudolf Kicken schon vor vielen Jahren sein Ziel. "Ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk, darüber entscheidet nicht die Technik sondern ganz allein die Qualität". In Kuratoren wie Klaus Honnef, Ute Eskildsen oder Thomas Weski fand er Mitstreiter, in Häusern wie dem Folkwang Museum in Essen, dem Sprengel Museum in Hannover oder dem Stadtmuseum München Institutionen, die ihre Etats auch für Fotografien auszugeben bereit waren und heute zu den wichtigsten öffentlichen Fotografischen Sammlungen weltweit zählen. Sie verdanken dies neben dem eigenen Engagement auch jenem Mann, in dessen Aachener Kinderzimmergalerie man vor 40 Jahren noch über eine steile Treppe bis unters Dach steigen musste. Rudolf Kicken, der nun im Alter von 66 Jahren gestorben ist, hinterlässt kein Vermächtnis, das andere noch erfüllen müssten. Er hat es selbst geschafft: Dass es heute ganz selbstverständlich fotografische Sammlungen höchster Qualität in Deutschland gibt, ist auch sein Beitrag zur Sammlungs-, Vermittlungs- und Kulturgeschichte dieses Landes.

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