Auktionen der Zeitgenossen - New York

Sell the House!

Die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's haben ihre Trophäen auf eine Reise in den Mittleren Osten, nach Asien, Russland und Europa geschickt. Jetzt meldet sich dieser Ausflug mit Rekordgewinnen zurück

Zehn Jahre ist es erst her, als Christie's komplette abendliche Versteigerung von Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst 62 Millionen Dollar einfuhr.

Dieses Mal sollte allein die Versteigerung eines einzigen Werkes mehr als das Doppelte einbringen: Francis Bacons Triptychon "Three Studies of Lucian Freud", das Bacons Freund und Rivalen, den Maler Lucian Freud, zeigt, brach alle Rekorde und ging mit 142,4 Millionen Dollar als teuerstes Werk, das je versteigert wurde, in die Auktionsgeschichte ein.

Weniger als zehn Minuten dauerte es, bis der Zuschlag an ein altes New Yorker Familienunternehmen, die Acquavella Galleries auf der Upper East Side, ging. Aus dem Rennen geschlagen wurden unter anderem Larry Gagosian und ein junger Mann namens Hong Gyu Shin, der Direktor der bislang völlig unbekannten, auf Kunst aus Korea spezialisierten Shin Gallery auf der Lower East Side, der behauptete, den Bacon für seine Privatsammlung kaufen zu wollen.

Mit dem Abend wurde eine neue Preis-Ära eingeleitet. Der erst sechs Monate alte Rekord von Christie's mit der Versteigerung von Kunst im Wert von 495 Millionen Dollar war gebrochen: Mit 691,6 Millionen Dollar fuhr Christie's das beste Ergebnis in der Auktionsgeschichte ein. Doch so richtig enthusiastisch stimmte das bis auf die Mitarbeiter des Auktionshauses niemanden. Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, dass die Preise bis auf den kleinen Einbruch zur Zeit der Wirtschaftskrise immer weiter in astronomische Höhen steigen. Und irgendwie wehte der Hauch von Ausverkauf mit. Sammler wie Peter Brant, der angeschlagene Steven Cohen (dessen Investmentfirma wegen Betrug und Insiderhandel angeklagt wurde und der sich selbst für schuldig erklärte), und der Musiker Eric Clapton nutzten die Gunst der Stunde, um Werke zu versteigern. Wer weiß, wie lange der Spaß noch anhält.

Denn natürlich gab es wieder Stimmen, die vor dem Platzen der Kunstblase warnen. Felix Salmon von Reuters sieht ernstzunehmende Anzeichen. Schließlich seien einige der Toplose erst vor kurzem gekauft worden – und landen jetzt bereits wieder auf dem Auktionsblock. Was man damit deuten könnte, dass die Kunstinvestoren kein Vertrauen mehr in den Markt haben. Dazu gehören der Gerhard Richter, den Steven Cohen letztes Jahr bei der Pace Gallery erwarb. Und auch das Bacon-Werk, das ein Konsortium von Investoren erst in den vergangenen zwölf Monaten von einem italienischen Sammler erworben hatte.

Dieses Mal ging die Rechnung auf jeden Fall noch auf. Jeff Koons wurde ebenfalls mit einem neuen Rekord belohnt. Er ist nach dem Verkauf von "Balloon Dog (Orange)" (1994/2000) für 58,4 Millionen Dollar der teuerste lebende Künstler der Welt. Der glänzende Ballon-Hund stammt aus der Sammlung von Peter Brant. Der neue Besitzer befindet sich in guter Gesellschaft. Den Hund gibt es in fünffacher Edition – die anderen vier Exemplare in unterschiedlichen Farben besitzen Steven Cohen, LA-Finanzier Eli Broad, Christie’s-Besitzer François Pinault und der griechische Megasammler Dakis Joannou. Kunsthändler David Zwirner, der eine Ausstellung mit Koons neuen Arbeiten ausrichtete und nach eigener Aussage der neue Galerist von Koons ist (Koons wurde bislang von Larry Gagosian vertreten) bot mit und stieg schließlich aus.

Rekorde für weitere Künstler

Christie's und Sotheby's schienen im Vorwege ganze Arbeit geleistet zu haben: Sie ließen die besten Trophäen wie bei einer PR-Tour durch den Mittleren Osten, Asien, Russland und Europa reisen, damit potentielle Käufer sie sehen und zur Probe in ihren Wohnzimmern aufhängen konnten. Für die beiden führenden Lose von Bacon und Koons sowie für viele weitere Toplose hatte Christie's Verkaufsgarantien ausgehandelt. Eine dritte Partei garantiert einen bestimmten Abnahmepreis. Sollte die Arbeit zu einem höheren Hammerpreis versteigert werden, kriegt die dritte Partei eine vom Auktionshaus nicht öffentlich gemachte Gebühr ausgezahlt. Was die wirklichen Verkaufszahlen verschleiert.

Bei Christie's gab es Rekorde für weitere Künstler: Für Christopher Wool mit "Apocalypse Now" und den berühmten Worten "Sell the House, Sell the Car, Sell the Kids" (für 26,5 Millionen Dollar), Wade Guyton (2,4 Millionen Dollar), Wayne Thiebaud, Vija Celmins, Lucio Fontana, Ad Reinhardt und Donald Judd. Platz drei unter den teuersten Werken des Abend belegte Andy Warhols "Coca-Cola [3]"-Flasche von 1962 für 57,2 Millionen Dollar. Eric Clapton verdiente 20,9 Millionen Dollar mit Gerhard Richters "Abstraktes Bild (809-1)" von 1994.

Maurizio Cattelans "Charlie" zählte zu den sechs Arbeiten, die als unverkäuflich zurückgingen – dabei war "Charlie" erst 2010 für 2,9 Millionen Dollar bei Phillips de Pury (das heute ohne de Pury unter dem Namen Phillips läuft) versteigert worden. Der frühere Partner des Auktionshauses Simon de Pury saß bei der Versteigerung seines ehemaligen Hauses im Publikum, anstatt wie früher charmant durch das Verkaufsprogramm zu führen. Die Überraschung des Abends, der insgesamt 68 Millionen Dollar brachte, war das Bild eines Hintergrundes aus einem Winnie-the-Pooh-Film des erst 24-jährigen Lucien Smith, das er in noch jüngeren Jahren als Student gemalt hatte. Um "Hobbes, The Rain Man, and My Friend Barney / Under the Sycamore Tree“ (2011) stritten sich mehrere Bieter, bis der Preis bei 389 000 Dollar landete.

Jacob Kassay, eine andere junge Marktsensation, erzielte mit 317 000 Dollar für eines seiner matten Spiegelbilder einen neuen Rekord. Sotheby's bildete den Abschluss der New Yorker Auktionen mit einem Ergebnis von 380 Millionen Dollar. Star des vergleichsweise bescheidenen Abends war Andy Warhol. "Silver Car Crash (Double Disaster)" – laut Tobias Meyer das wichtigste zeitgenössische Werk, das Sotheby's jemals im Angebot hatte, oder Wall-Power für Trophäensammler wie es eine Kunstmarktexpertin nannte – ging für 105,4 Millionen Dollar unter den Hammer. Ein neuer Rekord für Warhol. Der vorige Rekord lag bei 71,7 Millionen Dollar für das ebenfalls aus der "Death and Disaster"-Serie stammende Bild "Green Car Crash".

Die umstrittene Verkaufsaktion der New Yorker DIA-Stiftung, gegen die die beiden DIA-Gründer Heiner Friedrich und Fariha de Menil Friedrich aus Protest sogar vor Gericht gezogen waren, brachte 38,4 Millionen Dollar ein. Angeführt wurde der Verkauf von Cy Twomblys "Poems to the Sea", 24 Kritzeleien, die der Künstler 1959 an einem Tag während des Urlaubs in Italien gefertigt hatte. Auf acht Millionen Dollar waren Twomblys Gedichte angesetzt worden, sie brachten mit 21,7 Millionen Dollar weitaus mehr als erwartet.

Steven Cohen nahm mit seiner Verkaufsaktion 76,7 Millionen Dollar ein. Dass er das Geld benötigt, um die auf 1,8 Milliarden Dollar angesetzte Strafe für seine Investmentfirma SAC Capitol Advisors zu zahlen, wird bestritten. Zu Cohens Einnahmen zählen Gerhard Richters "A.B. Courbet" von 1986 für 26,4 Millionen Dollar und Warhols "Liz #1 (Early Colored Liz)", die 20,3 Millionen Dollar brachte.

Sieben Rekorde konnte Sotheby's bei der Auktion mit prominenten Gästen wie Leonardo DiCaprio und Investmentbanker Daniel Loeb, der die Führung des Auktionshauses gerade erst massiv kritisiert hat, verbuchen: Darunter Martin Kippenberger, Brice Marden, Mark Bradford und die New Yorker Künstlertruppe Bruce High Quality Foundation. "Sehen Sie es nicht als Zeichen für einen Haussemarkt, falls wir diese Woche noch eine rekordbrechende Saison in New York sehen sollten", warnt Felix Salmon. "Es könnte sein, dass wir in die Phase des fieberhaften Verkaufs eintreten." Vielleicht ist es aber auch einfach die Zeit der globalen Spieler, die mit anscheinend unerschöpflichen Mitteln auf großer Shoppingtour – und in absehbarer Zeit nicht zu stoppen sind. Wenige Stunden vor der Auktion in New York wurde bei Sotheby's für 83,2 Millionen Dollar ein seltener rosafarbener Diamant versteigert.

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