Art Basel Miami Beach - Florida

Los, ihr reichen Leute!

Wuchtige Malerei und auffallend viele Skulpturen – die Art Basel Miami Beach verkauft noch nicht wieder ganz so gut wie zu Boomzeiten, feiert aber schon mal so. art-Korrespondentin Claudia Bodin hat das Spektakel besucht
Nichts fürs Handgepäck:Comeback der großen Party

Party mit Zaha Hadid Car: Range Rover-Leuchtmodell im Parkhaus von Herzog de
Meuron

Wirtschaftskrise, das war gestern: Der Champagner floss. Die Frauen trugen noch höhere Schuhe als im Vorjahr. Die Taxifahrer von Miami drehten die Beats auf und fuhren wieder Umwege, um den Gästen die Dollars aus den Taschen zu ziehen. Hotelier Andre Balázs lud in sein Standardhotel ein, um das von Marc Newson designte Riva-Schnellboot einzuweihen.

Jonathan Meese eröffnete neben Fotograf Bruce Weber im Museum of Modern Art von Miami seine erste große Einzelausstellung in den USA und verkündete: "Ich bin ein Soldat für die Kunst." Und Jay Jopling von White Cube aus London schmiss im SoHo Beachhouse bei Hummer und Zigarren die beste Party. "Arbeitet hier morgen irgendjemand?" fragte ein Gast irritiert, als auch nach ein Uhr nachts noch die Korken knallten.

Natürlich standen die Galeristen am nächsten Morgen auf der Art Basel Miami Beach parat. 250 Galerien aus 29 Ländern waren angereist. Sie hatten gewichtige Kunst im Gepäck. Es waren nicht nur Malereien in wuchtigen Ausmaßen im Angebot, sondern auch auffällig viele Skulpturen. Wie die mit Gold überzogenen Kohlebriketts von Alicja Kwade bei Johann König (40 000 Euro), einer von Ugo Rondinones Monster-Schädeln aus Bronze (250 000 Dollar), ein Blechhaufen von John Chamberlain bei Allen Stone oder ein pastellfarbener Frank Stella (1,6 Millionen Dollar) bei Edward Tyler Nahem.

Der polnische Künstler Pawel Althamer hatte bei Neugerriemschneider aus Berlin sich selbst, seinen Vater und Mitarbeiter aus der Plastikfabrik der Familie in Warschau in Form von sehnigen Skulpturen (je 50 000 Euro) verewigt, die wie eine Truppe Geister den Messestand bevölkerte. Die Galerie Guido W. Baudach ließ den Berliner Thomas Zipp ein komplettes Spießbürgertum-Wohnzimmer aufbauen, in dem kopflose Frauen ihre Spielchen treiben. Gleich zwei Galerien, darunter die Schweizer Urs Meile, hatten zwei Tonnen von Ai Weiweis handbemalten Sonnenblumenkernen einfliegen lassen. Der Preis für die Porzellanteilchen, die immerhin in einer Fabrik gefertigt wurden, die für das kaiserliche Porzellan zuständig war: 680 000 Dollar pro Tonne.

Wenig Sex, viel Glitzerkunst

Kurzfristig ging das Gerücht um, dass Paris Hilton aufkreuzen würde – doch dann blieb es mit Calvin Klein und George Hamilton leider doch nur bei zwei gelifteten, prominenten Herren. Was wunderbar die Stimmung auf der neunten Ausgabe der Messe beschreibt: Wichtige Sammler wie Aby Rosen, Alberto Mugrabi, Steve Cohen oder Marty Margulies liefen die Kojen ab. Aber der große Hype mochte sich nicht wieder einstellen. Die meisten Galeristen zeigten einen verhaltenen Optimismus. Es gab bereits am ersten Tag gute Verkäufe – aber auch zögerliche Sammler. Dabei war viel Dekoratives im Angebot. Politische Statements? Nicht zu finden. Sehnsüchtig denkt man an Zeiten, in denen Thomas Hirschhorn oder Christoph Büchel mit ihren Installationen die Besucher verstörten. Sogar vom Thema Sex hielt man sich weitgehend fern. Doug Aitkens Pflanzenarrangement, das in den drei Plexiglasbuchstaben das Wort 'Sex' Darstellt, war eine der wenigen Ausnahmen. Dafür gab es viel Glitzer-Kunst.

Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts, der am Vorabend mit seinem Künstler Jonathan Meese Eröffnung im MOCA Museum gefeiert hatte, verkaufte gleich in den ersten Stunden zwei massive, mit Schläuchen, Drähten, Metallleisten und anderem Gerümpel gefüllte Vitrinen von dem erst 30-jährigen Hamburger Max Frisinger für je 75 000 Euro. Am nächsten Messetag präsentierte er mit Künstlern wie Marcel Eichner und Thomas Kiesewetter einen komplett neuen Stand. "Es läuft gut. Wir sind eben kein Underground mehr, sondern ein seriöses Geschäft. Kunst gilt als attraktive Anlagemöglichkeit", meinte Brunnet. "Dennoch bleiben es unsichere Zeiten, die niemand von uns kontrollieren kann." Sein Kollege Judy Lybke von Eigen + Art hatte sich dieses Jahr dazu entschlossen, ganz fernzubleiben.

Ales Ortuzar, Direktor bei David Zwirner, sprach von zahlreichen starken Verkäufen wie eine Neonröhren-Installation von Dan Flavin für 650 000 Dollar. Eine Arbeit von Neo Rauch war bereits verkauft, "Der Anschlag" von 1998 mit einem Preis von einer Million Dollar reserviert. "Das Tempo ist sicher um einiges langsamer", so Ortuzar. Die Zeiten, in denen man sich nach dem ersten Tag entspannt zurück lehnen konnte, gehören der Vergangenheit an. Ähnliches war von Hauser & Wirth zu hören, die mit Arbeiten von Paul McCarthy angereist waren und ständig Besucher davon abhalten mussten, die verführerisch glänzende Arbeit "Well" aus blauem Glas von Roni Horn anzufassen – die mit 750 000 Dollar einen Käufer fand. White Cube aus London hatte einen vergoldeten, mit funkelnden Steinen gefüllten Vitrinenschrank von Damien Hirst für 2,3 Millionen Englische Pfund dabei, den sich ein Sammler gemeinsam mit einer zweiten Hirst-Arbeit reservierte. Arbeiten von Raqib Shaw, Gary Hume und Andreas Gurskys "James Bond Island" für 450 000 Euro waren bereits verkauft.

"Es läuft nicht mehr so hektisch ab"

"Most artworks devalue over time" mahnte Karmelo Bermejo. Es war wohl die am meisten fotografierte Arbeit der Messe. Die Madrider Galerie des Künstlers hatte den Schriftzug auf weißem Grund bereits in der ersten Stunde verkauft. Von Zuversicht statt Überfluss, sprach die New Yorker Kunsthändlerin Marianne Boesky, die für eine große, dekorative Arbeit des früheren Graffiti-Künstlers Barnaby Furnas 150 000 Dollar erzielte. "Es geht weniger um Konkurrenz und läuft nicht mehr so hektisch ab. Die Sammler fühlen sich weniger unter Druck und letztlich auch die Künstler. Das Ganze macht wieder mehr Spaß", meinte Steven P. Henry, Direktor bei Paula Cooper. "Wir hatten bereits im Vorwege viel Interesse an Arbeiten und positive Vorzeichen", berichtete Fabienne Stephan, Direktorin von Salon 94 auf der Lower East Side von New York. Doch die Vorzeichen müssen sich bei vielen Galerien in den restlichen Tagen auch in Tatsachen verwandeln.

Ihm Rahmen des neuen Oceanfront Messe-Programms am Strand, bei dem sich Paris, Berlin, Mexiko City und Glasgow als Kulturstädte präsentieren, stellte sich am ersten Abend Detroit mit einer dürften Tanzperformance und alten Schwarz-Weiß-Filmen vor. Ein lahmer Auftakt, doch wer kann schon bei Partys wie der von Museumschef Jeffrey Deitch vom Los Angeles Museum of Contemporary Art im Raleigh Hotel und einem Auftritt von LCD Soundsystem oder Champagner-Cocktails im zugigen Parkhaus von Herzog & de Meuron auf der Lincoln Road mithalten, bei der die emsige Zaha Hadid, die auf keiner PR-Veranstaltung zu fehlen scheint, ein futuristisches Automobil in den coolen Parkhallen abstellte.

"Los, ihr reichen Leute, zeigt, dass ihr menschlich seid"

Auch sonst lief die PR-Maschine wieder auf Hochtouren. Miami hat sich inzwischen nicht nur als Messestandort, sondern auch in Sachen Product Placement etabliert. Puma sponsort eine Ausstellung mit neuen Arbeiten von Isaac Julien im Brass Museum of Art. Das Modehaus Fendi kollaboriert mit dem Architektenteam Aranda/Lasch. Julian Schnabel lief mit Strandtasche und Shorts auf, um sich neben Autos der Luxusmarke Maybach fotografieren zu lassen. Der Autohersteller wird die kommende Schnabel-Ausstellung im Los Angeles Museum of Contemporary Art in Los Angeles finanzieren. Der Künstler wiederum fertigte fünf Arbeiten, die bei einem nächtlichen Maybach-Dinner mit Auktion versteigert wurden, um seinen alten Freund Sean Penn zu unterstützen, der Aufbauarbeit in Haiti leistet. Während für die Gäste wie Naomi Campbell, ihr Freund, der russische Großunternehmer Wladimir Doronin, Galerist Tony Shafrazi, Otto Kern und Sammler Peter Brant die Hummerschwänze serviert wurden, rief Filmstar Sean Penn sichtlich bewegt zu Hilfeleistungen für Haiti auf, das von der Welt vergessen zu sein scheint. Schnabels Partnerin, die Journalistin Rula Jebreal, führte mit den Worten "Los, ihr reichen Leute, zeigt, dass ihr menschlich seid" durch die Versteigerung. Die fünf Bilder brachten fast eine Million Dollar ein.

Manchmal bleibt es bei all dem Firmen-Engagement nicht aus, dass eine Inszenierung geschmacklos wird. Der russische Künstler Fyodor Pavlov-Andreevich ließ mit Unterstützung des Wodka-Herstellers Beluga ein Baugerüst aufstellen und Volkssängerinnen aus Russland einfliegen, die singend den Turm hinauf schritten, um Wodka in Metalleimern zu transportieren und als Fluss wieder zurück zur Erde fließen zu lassen. Doch die Idee zum "Great Vodka River" war ebenso dünn wie der Wodka selbst, den man mit Wasser anreicherte, um ihn so richtig fließen zu lassen. Wie schön, dass es wie bei der von PS1-Direktor Klaus Biesenbach organisierten Performance, bei der karibische Trommler neben mexikanischen Mariachi-Musikanten und einem Dudelsack-Spieler im Delano-Hotel aufliefen, um für Krach, Stimmung und Verwirrung zu sorgen, manchmal auch einfach um gar nichts weiter gehen kann.