FIAC - Paris

Aufgestiegen aus dem Tal der Tränen

Vor zehn Jahren stand die Pariser FIAC, die zweitälteste Kunstmesse der Welt, kurz vor ihrem Ende – inzwischen ist sie die Messe des guten Geschmacks.
Von Midlife-Krise keine Spur:Die Pariser Kunstmesse feiert 40. Geburtstag

"Freefidelity Camp", links, von Markus Oehlen im Grand Palais während der Eröffnung der FIAC, rechts "Tour aux Recits", 2007, von Jean Dubuffet

"Kontinuität und Streben nach Exzellenz": Mit diesem Motto koketter Bescheidenheit eröffnete die ehemalige Galeristin Jennifer Flay am Mittwoch die 40. Ausgabe der Pariser FIAC.

Flay, seit zehn Jahren Direktorin der Messe, gilt auch als ihre Retterin, denn sie führte die nach Köln zweitälteste, vor allem aber schönste Kunstmesse der Welt behutsam aus einem Tal der Tränen. Dieses Jahr begann der Run auf die Kunst mit Geburtstagswetter – strahlende Sonne über dem Glasdach des Grand Palais und den monumentalen Arbeiten im Tuilerien-Park. Strahlende Gesichter auch bei manchen Ausstellern, die schon am Eröffnungstag mit Champagner auf das Geburtstagskind anstießen.

Die diesjährige Ausgabe erlaubt sich keinen nostalgischen Blick zurück. 184 Galerien aus 25 Ländern präsentieren ihre Stände, darunter 36 Neu- oder Zurückkommende, nach einigen Jahren Pariser Abstinenz. Besonders erfreulich für Jennifer Flay: Die Hälfte der neuen Galerien kommt aus dem englischsprachigen Raum, selbst Schwergewichte wie Pace oder Luhring Augustine sind darunter. Ein erneuter Beweis dafür, dass die FIAC der eine Woche vorher in London stattfindenden Frieze hart zusetzt und die Rechnung des FIAC-Betreibers Reed Expositions France aufgeht, der mit seiner zweiten Messe Paris-Photo im letzten Jahr erstmals einen Ableger in Los Angeles einweihte.

Insgesamt wurde die Teilnehmerzahl noch einmal gedrückt – eine Chance, um höheres Risiko zu wagen? Nicht wirklich. Auch dieses Jahr ist die FIAC keine Risikomesse, es wird auf sichere Werte gesetzt, mit Trend zum Hingucker. Draußen grüßt vor dem Eingang eine monumentale Skulptur von Jean Dubuffet die Ankommenden, im Inneren des Grand Palais wartet der riesige "Iron Tree" von Ai Weiwei bei der Berliner Galerie Neugerriemschneider. Von seiner Dreier-Auflage wurde ein Exemplar auf Anhieb verkauft, angeblich für eine knappe Million Euro. Ein paar Schritte weiter lässt der Amerikaner Dan Colen den berühmten Comic-Koyoten von Loony Tunes durch die Wände der Gagosian Gallery brechen, eine Replik der Arbeit, mit der Colen die diesjährige Lyon–Biennale eröffnet. Roadrunner fand auf Anhieb keinen Abnehmer bei Gagosian, dafür eine große Arbeit von Andreas Gursky zu nicht genanntem Preis.

Die FIAC ist eine Messe des guten Geschmacks. Manchmal gibt es ein bisschen Extravaganz, aber nie zu viel. Die meisten Stars sind bestens bekannt, etwa Roberto Longo, zu sehen bei Hans Mayer und Thaddeus Ropac. David Zwirner verkaufte auf Anhieb ein neues Gemälde des Belgiers Luc Tuymans für rund 900 000 Euro und Thomas Schüttes "Bronzefrau Nr.13" für 2,5 Millionen. Karsten Greve zeigt neben dem Franzosen Soulages eine schöne Installation von Louise Bourgeois, die auch auf dem Stand von Hauser & Wirth prominent vertreten ist. Marian Goodman bietet neue Werke vom Nostalgiker Christian Boltanski an, der alte Fotos zu Hologrammen verarbeitet. Fast alle bekannten Namen des Kunstbetriebs sind in Paris vertreten: Gerhard Richter für bis zu 3,2 Millionen bei Thaddeus Ropac, der auch Neues von Georg Baselitz für 400 000 Euro zeigt. Anish Kapoor gibt es, unter anderem, für 670 000 Euro bei Lisson.

Fotografie bleibt rar, mit Ausnahmen von Berühmtheiten wie Cindy Sherman (326 000 Euro bei Skarstedt), der Düsseldorfer Schule um Gursky und Ruf oder dem Südafrikaner David Goldblatt bei der Galerie Goodman aus Kapstadt. Dafür gibt es eine Menge später Moderne aus dem Umkreis der Nouveaux Réalistes, von Nikki de Saint Phalle bei der Pariser Galerie Vallois zu Yves Klein und Martial Raysse – dessen kommende Retrospektive ihre Schatten vorauswirft – bei Nathalie Seroussi. Applicat Prazan hat eine erstklassige Einzelschau von Serge Poliakoff zusammengestellt, pünktlich zu seiner derzeitigen Ausstellung im Pariser Musée d’Art Moderne. Die teuerste Arbeit der diesjährigen FIAC steht bei Waddington Custot: Sechs Millionen Euro kostet die Skulpturengruppe Welcome Parade von Jean Dubuffet.

In einem intimen schwarzen Raum befragt der Algerien-Franzose Kader Attia, einer der Stars der letztjährigen Documenta, am Stand der Galerie Christian Nagel das Verhältnis des westlichen Kunstbetriebs zur afrikanischen Kunst. Und schmückt seine Arbeit mit einem Satz von André Malraux: "In der Kunst gibt es keine Hierarchie." Ein frommer Wunsch, den leider auch die FIAC nicht einhält, denn wieder wurden die jungen Galerien auf engstem Raum in den ersten Stock gepackt. Ergebnis ist eine Messe in der Messe, andere Künstler, andere Preise, andere Stimmung und – endlich – Mut zum Risiko. Von dem das Geburtstagskind ruhig etwas mehr hätte brauchen können.

FIAC

noch bis 27. Oktober
http://www.fiac.com/