Kunst auf Papier - Auktionen

Die Gier des Schmetterlingsjägers

Ob Zeichnungen Alter Meister oder kostbare Bücher, Grafiken der Moderne oder zeitgenössische Arbeiten – Kunst auf Papier ist heute mehr denn je im Trend. art besucht drei in diesem Sektor führende deutsche Auktionshäuser.
Plötzlich begehrenswert:Kunst auf Papier: Auktionen

Ein Schlüsselwerk der Romantik unter der Lupe: Robert Ketterer versteigert in München eine Kupferstichfolge "Die Vier Tageszeiten" (1805) von Philipp Otto Runge (Detail aus dem Blatt "Der Tag“)

Nicht zum ersten Mal tauchte 2010 der ausdrucksstarke, aber auch reichlich düster gestimmte Holzschnitt Ernst Ludwig Kirchners "Nervöse beim Diner" auf dem Kunstmarkt auf. Der seelisch zerrüttete Künstler hat die Grafik 1916 in der Phase seines Sanatoriumsaufenthalts im Taunus geschaffen. Daher der depressive Tenor des Blatts: Kirchner staffelte an einer Tafel eng neben­einander drei männliche Profilfiguren auf, die angespannt mit Skelettfingern in ihrem gleichfalls aufgewühlten Essen herumstochern.

Der Holzschnitt hatte in der jüngeren Vergangenheit bereits zweimal den Besitzer gewechselt, wurde jeweils zu einem Preis um die 30 000 Euro verkauft. Und obwohl das Blatt in einem einwandfreien Zustand war, taxierte das Auktionshaus Ketterer es letztes Jahr wegen seiner doch durchschlagenden Tristesse erneut auf diesem Level. Um so größer war die Überraschung bei der Auktion: Der Zuschlag erfolgte bei 105 000 Euro. Eine Wertsteigerung um 250 Prozent für eine Papierarbeit des deutschen Expressionismus ist derzeit kein Einzelfall. Was aber macht dieses Medium plötzlich so begehrenswert, dass die Preise mitunter auf ein sechsstelliges Niveau hochschnellen? Wir begaben uns auf Recherchetour durch drei deutsche Auktionshäuser.

Eines ist offensichtlich: Wagten sich viele Privatsammler an die Zeichnung und Druckgrafik aufgrund deren konservatorischer Empfindlichkeit früher nur zaghaft, so scheint diese Scheu mehr und mehr zu schwinden. Um noch weitere sagenhafte Spitzenerlöse zu nennen: Die hauchzart lavierte Federzeichnung "Die letzte Fahrt" des neapolitanischen Barockmalers Jusepe de Ribera brachte trotz ihres kleinen Formats bei einer Auktion von Karl & Faber 2008 einen Hammerpreis von 105 000 Euro, der Münchner Konkurrent Ketterer fuhr 2010 mit 315 000 Euro für Emil Noldes Aquarell "Marschlandschaft" (1930) ein Traumergebnis ein, und in Hamburg konnte Hauswedell & Nolte 2009 für die subtile Kirchner-Lithografie "Musikrestaurant" von 1914 170 000 Euro erzielen. Es macht den Eindruck, als ob auf dem Kunstmarkt infolge der durchsegelten Finanzkrise nicht nur gemalte Preziosen, sondern auch Papierarbeiten des 20. Jahrhunderts teils schwindelerregende Preise erklommen hätten. Zumindest dann, wenn es sich um Trüffel von gefragten Künstlern, von markanter ästhetischer Qualität und unbeschadetem Erscheinungsbild handelt.

Auktionator Robert Ketterer umreißt die Marktlage so: "Durch die Krise ist Kunst generell als Anlagegut sehr interessant geworden. Es war ein regelrechter Run zu bemerken. Wir hatten Verkaufsquoten, Preissteigerungen wie noch nie." Und er erklärt weiter, warum sich das Traditionshaus mittlerweile auf Papierarbeiten vor allem des deutschen Expressionismus kapriziert hat: "Bei Gemälden ist kaum noch die gesuchte Qualität zu finden. Aber man kann als Sammler vielleicht eine tolle Kirchner-Zeichnung erwerben – eine 'Fränzi' oder etwas anderes aus seiner besten Zeit. Wenn so ein Stück auf den Markt kommt, dann explodiert der Preis auch gleich. Die Kunden sind heute bereit, für qualitätsvolle Papierarbeiten viel, sehr viel Geld auszugeben." Für ein absolut farbfrisches Aquarell von August Macke waren es 2008 immerhin 680 000 Euro, dabei lag damals die Taxe für "Frauen am See (Die Landung)" von 1913 bei "läppischen" 300 000 Euro. Letztlich geht die kunsthändlerische Erfolgssaga des Familienunternehmens auf Roman Norbert Ketterer zurück, der 1946 das Stuttgarter Kunstkabinett gründete. Robert Ketterer erinnert an die Anfänge: "Als mein Onkel Anfang der fünfziger Jahre in Stuttgart Max Beckmanns Blatt "Selbstbildnis mit steifem Hut" versteigerte, wollte er 18 Mark dafür haben, bekam aber nur 12 Mark. Heute wird die Kaltnadelradierung von 1921 je nach Druckzustand zwischen 80 000 und 250 000 Euro gehandelt. Daran sieht man schon wie sehr sich die Nachfrage verändert hat."

Der Trend bei den Papierarbeiten gehe allerdings zur Farbe, ist oft zu hören. Favorisiert werden Aquarelle, farbige Zeichnungen und Druckgrafiken – und zwar in dieser Reihenfolge. Eine Beobachtung, die Gabriele Braun vom Hamburger Auktionshaus Hauswedell & Nolte nur bestätigen kann: "Dieses Phänomen entspricht natürlich dem Wunsch nach Dekoration, der eher auch bei jüngeren Leuten ausgeprägt ist. Druckgrafik in Schwarzweiß hat es deutlich schwerer. Den Papiersammler alter Schule gibt es heute kaum mehr. Es wird mehr nach Gusto gekauft. Ed Ruscha mit seinen Ansichten vom Sunset Boulevard ist beispielsweise etwas für jüngere Sammler." Und ihr Mann Ernst Nolte führt weiter aus: "Heute wird häufig nach den in der Literatur immer wieder abgebildeten Werken gesucht, und vorwiegend diese werden hoch bezahlt. Ein nicht ganz so typisches Frühwerk oder auch spätere Arbeiten nach dem Abebben der Hochzeit haben es da weniger leicht. Darüber hinaus ist die neue Sammlerschicht eher der Gegenwartskunst zugewandt."

Gegründet wurde das Hamburger Auktionshaus 1927 von Ernst Hauswedell, einem Bankkaufmann und promovierten Germanisten, der eine Passion für Bücher hegte. Zunächst führte Hauswedell Buchauktionen durch, gewachsen ist der Kunstsektor erst mit dem Eintritt des Antiquars Ernst Nolte 1962. Nach wie vor aber machen Künstlerbücher neben Druckgrafik einen wichtigen Teil der Offerten aus: So konnte man bei der letzten Herbstauktion ein Exemplar
von Wassily Kandinskys mit teils farbigen Holzschnitten illustriertem Buch "Klänge" (1911) veräußern. Wegen des bis zum violetten Buchrücken exzeptionellen Erhaltungszustands ging der Hammer bei stolzen 40 000 Euro nieder.
Hauswedell & Nolte pflegt im Sektor Papier auch den Kontakt zu Sammlern in den USA, verfügt über Filialen in New York und Los Angeles. Gabriele Braun erklärt auch warum: "Wenn sich dort jemand auf Papierarbeiten spezialisiert, dann ist er manchmal heikler als unsere hiesigen Sammler, hat aber auch ein enormes Wissen. Diese Kennerschaft kommt vielleicht mit durch die Kuratoren in amerikanischen Museen, die viel mehr beratend als bei uns in der Öffentlichkeit auftreten." Einer ihrer New Yorker Sammler kaufe seit Anbeginn ausschließlich Grafik und habe mittlerweile alle zentralen Blätter aus dem Œuvre von Munch über Nolde und Kirchner bis hin zu Picasso zusammengetragen.

Fragt man Experten in den deutschen Auktionshäusern, welche Wunschobjekte aus Papier sie gerne unter den Hammer bringen würden, so kommt man schnell zu dieser Hitliste: eine Aquatinta aus der "Tauromaquia" (1957) von Pablo Picasso, eine weibliche Figur aus Edvard Munchs Grafikkosmos, ein Farbholzschnitt von Kirchner aus der Zeit seiner Brücke-Mitgliedschaft. Nun ja, wenn eine solche grafische Delikatesse auf den Markt kommt, wird sie vorzugsweise in der internationalen Printhochburg London versteigert. So etwa letztes Jahr Munchs "Madonna (Liebendes Weib)" in einer handkolorierten und damit einzigartigen Lithografie-Version von 1895, die bei Bonhams in London für 1,1 Millionen Pfund einem Sammler aus den USA zugeschlagen wurde. Karl & Faber kann bei dieser Frühjahrsauktion mit einer anderen Rarität von Picasso aufwarten: "Faun enthüllt eine Schlafende" (1936),
eine Radierung mit Aquatinta auf Büttenpapier aus der "Suite Vollard". Pikant an diesem Blatt ist über die lüsterne Erotik des Fauns hinaus das von Picasso an nur drei Blättern der Suite eingesetzte technische Aussprengverfahren auf Zuckerbasis, wodurch er eine besondere Hell-Dunkel-Dramatik erwirkte. Der Schätzpreis liegt bei 60 000 bis 70 000 Euro.

"Ich wage zu behaupten, dass wir im Bereich der deutschen Zeichnung des 19. Jahrhunderts Marktführer in Deutschland sind", sagt Rupert Keim, Geschäftsführer bei Karl & Faber. "Da wurden in den letzten zehn, 15 Jahren ganz wunderbare Sammlun­gen aufgebaut." Der promovierte Jurist leitet seit 2003 das Münchner Auktionshaus, im Hintergrund operiert noch der frühere Inhaber Louis Karl als Berater. Durch sein Elternhaus, das Verbindungen zu Karl & Faber hatte, wurde Keim schon früh mit Zeichnun­gen vertraut. Und er schwärmt, warum gerade dieses Medium den Connaisseur herausfordert: "Viele fasziniert, dass es der erste Ausdruck künstlerischen Schaffens ist. Nirgendwo ist man dem künstlerischen Gedanken so nahe wie bei der Zeichnung. Sie ist kaum korrigierbar. Eine Zeichnung muss einfach sitzen, da kann man nicht ohne Weiteres retuschieren. In einer unglaublichen Leichtigkeit und mit wenigen Strichen ist oft schon die ganze Atmosphäre eingefangen. Auch Altmeisterzeichnungen können unglaublich modern wirken. Man spürt gar nicht, dass Jahrhunderte dazwischen liegen." Ein triftiger Grund, der für den Erwerb von Papierarbeiten gerade bei jungen Sammlern spricht, ist die bei diesem Medium leicht mögliche Schule des Sehens. Für ihr unbestechliches Auge geradezu berüchtigt, empfiehlt die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz jedenfalls Papier als Einsteigemedium: "Ich würde wieder genauso anfangen wie damals: mit Papierarbeiten. Sie sind nicht unbedingt teuer, nehmen nicht viel Platz weg, und Irrtümer tun nicht so weh." Bei Karl & Faber konnte man feststellen, dass etwa die poppige Rotmagie von Rupprecht Geigers Druckgrafik bei jungen Leuten gut ankommt.

Bislang sagte man Sammlern von Papierarbeiten nach, sie seien eher introvertiert als selbstdarstellerisch veranlagt, mehr die stillen Genießer als die Showmenschen. Es könnte aber sein, dass der Typus dieses Sammlers gerade eine Wandlung erfährt, denn Kunst auf und aus Papier ist groß im Kommen. Geradezu auffällig, wie viele Ausstellungen und Messeabteilungen zur Zeit Kunst auf Papier fokussieren, angefangen von der 2010 neu eingerichteten Abteilung "Tefaf on Paper" auf der Messe in Maastricht über die Schau "Kompass. Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art" im Martin-Gropius-Bau in Berlin bis hin zu der Londoner Ausstellung "Watercolour" in der Tate Britain (art 4/2011).

Papierarbeiten müssen wegen ihrer Fragilität fast so sorgsam wie Schmetterlinge behandelt werden. Licht, Wärme, und säurehaltige Passepartouts sind der Tod ihrer Schönheit. Und sie sollten nach ein paar Monaten ihrer Wandpräsentation wieder im Dunkel verschwinden. Aber haben wechselnde Hängungen nicht einen besonderen Reiz? Man möchte ja nicht nur tagtäglich den gleichen Ed Ruscha oder Soulages oder Warhol vor Augen haben, sondern im Austausch auch vorführen, was das private Grafikabinett noch so alles hergibt. Fluktuation ist hier eben sexy. Robert Ketterer lacht: "Die Gier, die Blätter zu suchen, zu finden und dann auch an sich zu bringen, das ist natürlich auch ein Sport geworden."