ARCO - Madrid

Harmlos aber gut

Politisch korrekt, ohne Risiken und in konzentriertem Design. So präsentiert sich in diesem Jahr die bis Sonntag laufende Madrider Kunstmesse Arco, die viele internationale Sammler einlud, um aufstrebende Künstler und das Gastland Finnland entdecken zu können.

Erotisch bewegt die blonde Stripperin ihre Hüften. In eindeutigen Posen zieht sie sich an der Stange auf dem Podest hoch.

Die Wände des kleinen Raums sind puffrot. Die Zuschauer drängeln sich, um die Show zu sehen. Fünf Mal am Tag wiederholt die Stripperin ihre erotische Vorstellung auf der Internationalen Madrider Messe für zeitgenössische Kunst ARCO.

Aber nein, soweit sei er noch nicht gesunken, um Kunstsammler mit einer Topless-Show auf die Messe zu locken, scherzt Carlos Urroz. Vielmehr hat er einen großen Teil seines Gesamtbudgets von 4,5 Millionen Euro dafür ausgegeben, um rund 500 nationale und vor allem internationale Kunstsammler und Museumsvertreter einzuladen. Doch was bekommen sie auf der 33. Ausgabe der Madrider Kunstmesse zu sehen? Zumindest weniger Polemik und Satire als in vergangenen Jahren.

Die "Congress Topless"-Show des französisch-spanischen Künstlers Yann Leto am Stand der T20-Galerie aus Murcia dürfte eine der wenigen Performances auf der ARCO sein, die zumindest den Schein künstlerischer Provokation aufweisen. Sogar der spanische Provokationskünstler Eugenio Merino, der in vergangenen Arco-Ausgaben Diktatoren in Getränkeautomaten zwängte, Osama bin Laden im "Saturday Night Fever"-Stil tanzen ließ und Fidel Castro als "Zombie" verunstaltete, zeigte sich mit seinen Vendetta-Masken am Stand der ADN-Galerie aus Barcelona in diesem Jahr recht harmlos.

Am Stand des Zürcher Galeristen Peter Kilchmann sorgt das kubanische Künstlerduo Los Carpinteros mit einem "Angela Merkel"-Gesicht aus Eisen zumindest bei den Spaniern für politische Diskussionen. Doch generell zeigen sich die 219 Galerien aus 23 Ländern in diesem Jahr auf der ARCO politisch korrekt und ohne Risiken.

Das ist nicht unbedingt schlecht. Die Qualität der angebotenen Werke ist zudem gut. Doch irgendwie fehlen extravagante Werke, die überraschen, die den Weg durch die langen Messeflure zu einem Wow-Erlebnis machen können. Sehr geradlinige Kunst, wenig Videokunst. Auch die in vergangenen Arco-Ausgaben überproportional vertretene Fotokunst ist weniger vorhanden. Dafür ist mehr und gute Malerei zu sehen. Auch ist die Messestruktur in diesem Jahr enger und intensiver, was den Galeristen gut gefällt, da der Besucher und Kunstsammler praktisch von einer Galerie in die nächste fällt, fast ohne es zu merken.

In der Berliner Galerie Michael Schultz können Sie Andy Warhols "Doda Voridis" von 1977 sehen. Marlborough hat wieder Skulpturen von Fernando Botero und Richard Estes im Angebot. Wunderbare Skulpturen des spanischen Bildhauers Jaume Plensa sind am Stand der Pariser Lelong-Galerie und bei Edward Tyler Nahem Fine Art zu bekommen. Die New Yorker Galerie hat auch eine interessante Malerei von Keith Haring, "Untitled (Dog)" im Programm. Die Züricher Galerie Bob van Orsouw stellt Werke von Julian Opie und Klaas Kloosterboer aus.

Das vielleicht teuerste Bild auf der ARCO ist am Stand des Madrider Galeristen Leandro Navarro zu finden: "Compotier, bouteille et verre" (1922) von Pablo Picasso soll 1,25 Millionen Euro kosten. Für etwas weniger bietet Navarro Bleistiftzeichnungen von Miró und zwei kubistische Werke von Juan Gris an.

Elena Ochoa Foster hat wieder Werke von Ai Weiwei und Cristina Iglesias im Programm, während Elvira González Olafur Eliassons Gletscher-Fotografien und ihre Neuzugänge Barceló und Chema Madoz vorstellt. Barbara Gross bietet eine fantastische Skulptur von Katharina Grosse an.

Was Kunstsammler in diesem Jahr allerdings vergeblich auf der ARCO und auch bei den 32 teilnehmenden Galerien aus Deutschland suchen – die ganz großen Namen enorm angesagter Künstler wie Francis Bacon oder Jeff Koons. ARCO-Direktor Carlos Urroz stört das nicht weiter. "Wir möchten ARCO verstärkt zu einer Kunstmesse entwickeln, auf der man neue und aufstrebende junge Künstler entdecken kann", sagt der Spanier. So stellen rund 60 Galerien unter der neuen Rubrik "Solo/Duo" jeweils auch nur einen oder zwei Künstler vor.

Die spanische Tageszeitung "El País" zeigt an ihrem Stand auch nur einen Künstler – Ferrán Adria. Ja genau, der Herdkünstler, der weltberühmte Molekular-Koch, der seine kulinarischen Kunstwerke auf der documenta 12 in Kassel zeigte und fünf Mal hintereinander zum besten Koch der Welt gewählt wurde. Viele der Zeichnungen mögen sein philosophisches Denken über die Gastronomie veranschaulichen. Das Gekritzel als Kunstwerke zu werten, wäre allerdings mehr als übertrieben. Würde es sich wenigstens um Zeichnungen handeln, die seinen kreativen Prozess erklären oder seine Tellerkompositionen nachvollziehen lassen, wie man es erwartet hätte. Aber so ist es nicht.

Im Fall Finnland handelt es sich in der Rubrik "Solo/Duo" vor allem um Künstlerinnen. Die 13 Galerien des diesjährigen ARCO-Gastlandes zeigen dabei vor allem interessante Fotoarbeiten und Videoinstallationen von Künstlerinnen. Das ist kein Zufall, erklärt der finnische Kommissar Leevi Haapala. In Finnland befänden sich unter den 100 wichtigsten Künstlern 43 Frauen. Mia Hamari zeigt ihre düsteren Holzskulpturen, Anna Rokka teils angebrannte Installationen mit Seetang und Austernmuscheln. Heta Kuchka strahlt humorvolle Musik-Videos aus und beklemmende Saunaszenen aus.

Der finnische Künstler Riiko Sakkinen fordert in der Korjaamo-Galerie die Spanier provokativ auf, den in Finnland lebenden Weihnachtsmann um einen Job zu bitten. Die Kritik sei gegen die finnische Arroganz, aber auch gegen die spanische Politik gerichtet, die nichts gegen eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent tue, sagt der in Spanien lebende Sakkinen.

Viele andere Werke, welche hart mit der Politik der spanischen Regierung ins Gericht gehen, konnte man auf der ARCO nicht finden. Dennoch war sie in den Messehallen omnipräsident. Der Grund: Die Regierung nahm zwar die im vergangenen Jahr von 18 auf 21 Prozent angehobene Mehrwertsteuer für Kunstkäufe kurz vor Messebeginn wieder zurück. Doch der neue Prozentsatz von zehn Prozent gilt nur, wenn ein Sammler direkt beim Künstler kauft. "Davon haben wir Galeristen also gar nichts. Das ist alles nur Bluff. Es ist sogar schlecht für uns, da jetzt viele Sammler direkt zum Künstler gehen", erklärt die deutschstämmige Madrider Galeristin Helga de Alvear.

Juana de Aizpuru zieht zumindest einen positiven Aspekt daraus: "Durch den niedrigeren Satz der Künstler können wir unsere Werke zumindest mit einer reduzierten Mehrwertsteuer von 15,5 Prozent anbieten. Das ist keine ideale Lösung, aber immerhin ein Fortschritt." Auch der Madrider Galerist Moises Perez Albéniz weist darauf hin, dass die Mehrwertsteuerreduzierung die spanischen Galeristen im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähiger mache. "Doch wichtiger als die Mehrwertsteuer ist eine Politik, die öffentliche Institutionen und Museen wieder zum Kauf von Kunstwerken animiert", versichert Perez Albéniz. Doch trotz aller Proteste läuft der Verkauf auf der diesjährigen ARCO gut – auch bei den spanischen Galeristen.