Cédric Aurelle - Interview

Alle Kräfte sind aufgerufen

Cédric Aurelle leitet als Geschäftsführer das Berliner Gallery Weekend und die Kunstmesse abc. art sprach mit ihm über Erfolge, Herausforderungen und Gefahren für die beiden Highlights im Kunstkalender der Hauptstadt.
"Die beste Ausstellung des Jahres":Vorschau auf das Gallery Weekend 2013

Cédric Aurelle

Seit Anfang des Jahres ist Cédric Aurelle Geschäftsführer der von einer Gesellschaft aus Galeristen getragenen Berliner Veranstaltungen Gallery Weekend und art berlin contemporary (abc).

Meriten hat sich der Franzose bereits zuvor in Berlin erworben: Er leitete hier am Institut Français das Bureau des Arts Plastiques und war maßgeblich an dem Galerienaustausch "Paris – Berlin” beteiligt. Als ehemaliger Registrar am Centre Pompidou hat Aurelle besondere Beziehungen zur Museumslandschaft in Frankreich.

art: Herr Aurelle, Sie sind nun die Verbindungsfigur zwischen den beiden zentralen Veranstaltungen der Berliner Galerien. Wie sieht Ihr Verantwortungsbereich genau aus?

Cédric Aurelle: Ich bin der Geschäftsführer einer Gesellschaft, die von Berliner Galeristen gegründet wurde. Diese haben sich jetzt entschieden, ein wenig Abstand zum Kern der Tätigkeit zu nehmen. Seit der Gründung des Gallery Weekend beziehungsweise der abc wurden immer zwei Galeristen mit der Organisation betraut. Weil natürlich das Galeriegeschäft in der Zeit vorgeht, hat man beschlossen einen Geschäftsführer über das ganze Jahr hinweg anzustellen. Parallel zu mir ist Maike Cruse als künstlerische Leiterin für die abc tätig. Dadurch soll eine Dynamik zwischen den beiden Veranstaltungen entstehen und die Möglichkeit bestehen, sich langfristig in Gesprächen mit möglichen Partnern zu engagieren.

Was heißt in dem Fall Partnerschaften?

Einerseits liegt es uns am Herzen, einen Dialog mit den Berliner Akteuren zu etablieren, den Institutionen, den Museen, den Galeristen, allen Stärken der Stadt sozusagen. Anderseits sind wir auf der Suche nach Sponsoren. Um gute Partner für Förderungen und Kooperationen zu gewinnen, braucht man Zeit. Schon bei meiner Tätigkeit beim Institut Français war es meine Aufgabe, Leute zusammenzubringen, die sich noch nicht kennen oder vielleicht Vorbehalte gegeneinander haben. Ich möchte bei meinem neuen Engagement eine ähnliche Herangehensweise entwickeln. Gallery Weekend und abc sind sehr unterschiedlich gelagerte Projekte, und wir würden gerne die Profilierung der beiden Veranstaltung weiter zuspitzen.

Wie könnte das aussehen? Das Gallery Weekend verzeichnet eine beispiellose Erfolgsgeschichte, daran muss man nicht mehr groß arbeiten. Die abc hat noch etliche Kinderkrankheiten.

Das Gallery Weekend hat schon über die Jahre hinweg sein Ansehen in der Berliner Szene und ist vor allem auch international geprägt. Die abc ist anders in der Konzeption. Während die Galeristen beim Gallery Weekend Ende April in ihre eigenen Räume einladen und dorthin die Sammler locken, organisieren sie bei abc im September gemeinsam an dem Ort der Station-Berlin ein Rendezvous, das als alternatives Format zu einer klassischen Messe angesehen werden konnte. Diese beiden Termine sollen den Kunstkalender in Berlin fest bestimmen, hierbei spielt auch Maike Cruse mit ihrer internationalen Erfahrung eine entscheidende Rolle. Gallery Weekend und abc sollen mit ihren Terminen im Frühling und Herbst Highlights bilden, die nicht künstlich in Berlin auftauchen, sondern betonen, dass Berlin kontinuierlich ein Ort der Kunstproduktion ist.

Bei abc ist mit rund 130 Galerien der ehemalige Postbahnhof der Station-Berlin schon voll. Die Hälfte der Galerien sind Berliner. Will man nicht doch etwas internationaler werden? Das hieße aber, dass einige lokalere Galeristen wieder das Feld räumen müssten.

Wir hatten letztes Jahr immerhin externe Galerien aus Dubai, New York, China, aus Europa und der ganzen Welt. Das war schon ein breites internationales Spektrum an Galerien.

Gut, aber ein Hauptkritikpunkt gegenüber der abc geht schon dahin, dass sie nicht die internationale Ausstrahlung hat, um Sammler jenseits von Europa – sagen wir Südamerikaner – ein zweites Mal im Jahr in die Stadt zu ziehen, zumal sich im Herbst weltweit andere Messetermine im Kalender ballen.

Aber gerade weil es heute so viele Sammler auf der ganzen Welt gibt, kann man davon ausgehen, dass etliche sich für ein neues Modell wie die abc interessieren, weil hier der Schwerpunkt auf Experiment und Innovation liegt. Das Gallery Weekend wiederum bietet Ausstellungen von internationaler Resonanz, nicht nur was etablierte Positionen, sondern auch was junge, heiße Künstler betrifft. Diese Unterschiede zwischen den beiden Projekten möchten wir auch kommunizieren.

Ein ironisches Fazit zur letzten, durchaus gut besprochenen abc lautete: "abc has everything but collectors!"

Hörte ich auch! Von einigen Ausstellern habe ich erfahren, dass es supergut mit den Verkäufen geklappt hat, bei anderen lief es gar nicht. Berlin ist eine Stadt, die sich ständig neu erfindet, und in diesem Hinblick entwickelt sich die Kunstwelt auch. Es gibt heute trotz der Krise viel mehr Geld in Berlin als noch vor 10 Jahren. Es gibt viele Leute, die sich aus der Internet-Ökonomie in Berlin niedergelassen haben und Neuem gegenüber aufgeschlossen sind. Potentiell sind das Leute, die wir auch als lokale Sammler heranziehen könnten. Ebenso haben viele europäische Museen wie das Centre Pompidou mittlerweile einen Kreis von Nachwuchssammlern herausgebildet. Neben den renommierten Sammlern, die bekanntlich zum Gallery Weekend kommen, wollen wir natürlich auch diese mit der abc ansprechen.

Was erwartet uns denn bei der diesjährigen 9. Ausgabe des Gallery Weekends?

Es werden Stars der zeitgenössischen Kunst wie George Condo bei Sprüth Magers, Maria Lassnig bei Capitain Petzel, Carsten Nicolai bei Eigen + Art präsentiert sein. Dann wiederum ist auch ein junger Künstler wie Oscar Murillo bei Isabella Bortolozzi zu sehen. Murillo ist erst 26 Jahre alt und hatte parallel zur Art Basel Miami letztes Jahr eine Einzelausstellung im Privatmuseum der Rubell Family.

Gibt es ein besonderes Programm zum Gallery Weekend?

Tatsächlich ist es Programm, dass die über 50 Galerien ihre beste Ausstellung des Jahres aufbieten. Was allerdings nicht ausschließt, dass wir Tipps für Sammler geben, die sich Museen oder Ateliers ansehen möchten. Wir haben mit Michael Neff einen VIP-Berater, der sich eigens darum kümmert. Thema des Gallery Weekends bleiben die besonderen Räumlichkeiten der Galerien und das Arbeiten dort, deshalb setzen die Teilnehmer das Augenmerk auf ein exklusives Treffen an einem einzigartigen Ort, wo sich Kunstproduktion und Markt, Künstler und Besucher begegnen.

Immer wieder wurden von einzelnen Galeristen beim Gallery Weekend zusätzliche unentdeckt vor sich hin schlummernde Räume geöffnet.

Durch den Rundgang durch die Stadt soll man auch Berlin als Kunststadt in Erfahrung bringen. Neugerriemschneider wird nach Ausstellungen von Elizabeth Peyton und Mike Nelson in ungewöhnlichen Räumen nun neue Arbeiten von Billy Childish an einem temporären Ort der Münzstraße präsentieren, während im Hauptraum eine Ausstellung von Isa Genzken zu sehen ist. Wentrup hat zusätzlich zur Hauptausstellung von Nevin Aladag den Kurator Ariel Roger-Paris eingeladen, eine Gruppenschau in einem der Galerie gegenüberliegenden Haus zu kuratieren.

Welche Zuwächse an Galerien sind zu vermelden?

Neben Nature Morte, die einen starken Bezug zu Indien haben, sind als Neuzugänge mit einem sehr präzisen Programm die jungen Galerien Kraupa-Tuskany Zeidler und Plan B zu verzeichnen.

Nach wie vor gibt es beim Gallery Weekend kaum Absprachen das Programm betreffend. Könnte sich hier durch Ihre Rolle etwas ändern?

Die Zukunft ist offen, aber bei über 50 Teilnehmern ist natürlich eine gewisse Vielfalt gegeben. Drei Galerien haben sich dieses Jahr auf einen Künstler geeinigt: Mehdi Chouakri, Johnen Galerie und Wien Lukatsch zeigen parallel Hans-Peter Feldmann. Eines habe ich schon im meiner Berliner Tätigkeit für das Institut Français bemerkt: Vorteil der Berliner Galeristen ist, dass sich die nur lose verbundenen Global Player trotz unterschiedlicher Gesinnung gerne zusammenschließen, um kollektive Projekte zu entwickeln – ohne dieses Konkurrenzgefühl, das man aus anderen Städten kennt. Nur deshalb klappt es auch mit dem Gallery Weekend. Es sind alle Kräfte aufgerufen, um gemeinsame Energien zu entwickeln.

Es ist sicher auch eine große Stärke, sowohl das Gallery Weekend also auch die abc nachhaltig ins Laufen gebracht zu haben. Dennoch taucht immer wieder der bereits redundante Vorwurf des Berliner Klüngels auf? Wie wollen Sie denn damit umgehen?

Ich würde sagen, dass meine neue Funktion auch ein Statement der Galeristen im Hinblick auf diese Vorwürfe ist: Ich komme nicht aus der Galerienwelt, sondern aus einer Institution. Ich bin kein Berliner, und insofern habe ich wenig mit den Seilschaften zu tun. Man muss andererseits auch sagen, dass die Gesellschafter durch ihr internationales Engagement auch viel für die Stadt getan haben. Ihre Strukturgebung hat maßgeblich zum Erfolg der Kunstszene hier beigetragen haben – nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch. Dass es Neid gibt, gehört zum Leben.

Das Gallery Weekend ist ungemein populär geworden. Manche Kulturveranstaltungen ersticken auch am eigenen Erfolg. Gibt es diese Gefahr für das Gallery Weekend? Verwöhnten Sammlern könnte die Veranstaltung nicht mehr elitär genug erscheinen. Böse gesagt: Es gibt vielleicht zu viele Trittbrettfahrer.

Es gibt ganz verschiedene Aktivitäten zu dem Termin. Wir spielen mit den Eigenschaften der Stadt, machen dieses Jahr einen Empfang für die VIPs in der französischen Botschaft, und dann gibt es für ausgewählte VIPs ein Dinner in der Halle des Kraftwerks Mitte, das traditionellerweise wieder am Samstag des Wochenendes stattfinden wird. Natürlich knallt die Stadt während des Gallery Weekends, und die Leute gehen massenhaft auf die Straße. Das ist eine Herausforderung! Die Gesellschafter sind dessen nicht überdrüssig, sie wollen weiter an der hohen Qualität arbeiten, aber auch immer wieder Neues ausprobieren.

Mittlerweile wird das Gallery Weekend als all das begriffen, was zu dem Zeitpunkt an Kunstaktivitäten in der Stadt passiert. Das ist eigentlich nicht ganz korrekt, denn das Gallery Weekend ist eine Einladung der beteiligten Galerieräume die Kunst zu entdecken. Andererseits ist es natürlich vollkommen okay, dass jeder sein Gallery Weekend hat.