Volker Diehl - Schwerpunkt: Russland

Heute Shanghai – morgen eben Moskau

So erklärt der Berliner Galerist Volker Diehl kurz und bündig, warum er ab April eine Dependance seiner Galerie in der russischen Hauptstadt eröffnet. Mit diesem Vorstoß steht er nicht alleine da, auch sein Wiener Kollege Hans Knoll wird noch dieses Jahr dort einen Ableger seiner Galerie eröffnen. Beide Galeristen sind schon seit vielen Jahren in Russland aktiv, als Berater und Teilnehmer der Kunstmesse Art Moskwa. Mit art-Korrespondentin Susanne Altmann sprach Diehl über das russische Kunstklima, seine geplante Soz-Art-Ausstellung und warum er seit einiger Zeit alles kauft, "was gut, bezahlbar und erhältlich ist".
Morgen Moskau:Der Berliner Galerist über seine Moskauer Pläne

"Mask Show 01", Blue Noses Group, 2007.

art: Wie lange beschäftigen Sie sich bereits mit russischer Kunst?

Volker Diehl: Ich habe bereits 1989 Sergej Wolkow gezeigt, den ich 1988 in der großen Sotheby’s-Auktion entdeckt habe.

Das war ja mitten im großen Soz-Art-Boom.

Der entstand damals während der Glasnost- und Perestroika-Situation in Russland. So etwas hatte der Kunstmarkt zuvor noch kaum erlebt. Ich war noch sehr jung und bevor ich weitermachen konnte, brach alles schon wieder
zusammen. Wolkow versank in Depressionen, und alles andere war auch futsch. Dann kam ein langer Dornröschenschlaf. In Osteuropa gab es keine Sammlerszene oder Institutionen, das ist ja heute noch recht holprig. Darum kennen wir auch die guten Künstler hier noch kaum. Ich kaufe seit einiger Zeit alles, was gut, bezahlbar und erhältlich ist.

Die große Soz-Art-Ausstellung in der Tretjakow-Galerie, die im März 2007 parallel zur 2. Moskauer Biennale lief, hat einen Rückblick auf die frühen Jahre unternommen, gemixt mit aktuellen Kommentaren. Wie bewerten Sie diesen Versuch als Kenner?

Freunde aus dem Westen, die mit mir zur Eröffnung da waren, wussten teilweise gar nicht, was sie damit anfangen sollten. Das zeigt die Defizite. Es gab dort wunderbare Arbeiten, und überall blinkte der Wunsch durch, die russische Tradition politischer Kunst weiterzutreiben.

Nun wollen Sie Ihr eigenes Debüt in Moskau wiederum mit einer Soz-Art-Ausstellung unternehmen. Was können Sie Neues beitragen?

Diese Kunstströmung ist nur in Russland und sonst nirgends in der Welt entstanden; in einer Zeit, die unser Leben nach dem Zweiten Weltkrieg am meisten beeinflusst hat. Insofern bleibt das Thema wichtig. Außerdem habe ich in den letzte Jahren unglaublich viele neue Arbeiten und Materialien gefunden und vor Freude darüber Luftsprünge gemacht.

Welche Probleme treten bei der Organisation Ihrer Ausstellung auf?

Viele Kunstwerke sind wirklich schwer zu finden, die sind seit damals irgendwo im Westen verschollen. Da hat das bald keinen mehr interessiert. Außerdem gibt es kaum Kontinuität in der Forschung und keine Archive. Unsere Publikation soll ein Standardwerk werden, das über die Ausstellung hinaus gültig bleibt.

"Das Interesse der russischen Sammler an Gegenwartskunst ist gestiegen"

Warum wollen Sie überhaupt eine Filiale in Moskau eröffnen?

Diese Entscheidung war ein schleichender Prozess. Ich begann vor elf Jahren regelmäßig nach Moskau zu reisen. Ich habe mich in der gastfreundlichen Atmosphäre gleich zu Hause gefühlt. Mit Aidan Salakhowa etwa, Künstlerin und Galeristin, verbindet mich eine lange Freundschaft. Ich habe sie auch vor vier Jahren in meiner Galerie hier in Berlin ausgestellt.

Wie haben Sie sich bislang auf professioneller Ebene vor Ort betätigt?

Seit der 2. Kunstmesse Art Moskwa bin ich Mitglied der vorschlagenden Jury. Seit 1997 – da war alles noch schwer abenteuerlich und toll. Leben pur! Alles unterschied sich so sehr von der "slicken Fashion" wie man sie jetzt etwa in Miami erlebt.

Trotzdem gab es ja gerade in den neunziger Jahren einen deutlichen Niedergang der russischen Kunstszene.

Das waren wirklich nicht die stärkste Zeiten – ich befand mich in einer Art Wartestellung, habe nur wenige Projekte gemacht, zum Beispiel habe ich geholfen die erste Chagall-Ausstellung in Russland nach Moskau zu bringen.

In den letzten drei, vier Jahren hat sich das Bild ja beträchtlich gewandelt.

Es hat eine dramatische Entwicklung zum Positiven gegeben. Das Interesse der russischen Sammler an Gegenwartskunst, auch an internationaler, ist gestiegen. Die Ausstellungsqualität in den Galerien ist besser geworden, auch die Raumsituation hat sich verbessert und einzelne Institutionen leuchten gleichsam auf.

In dieser günstigen Situation siedeln Sie sich also nun in Moskau an. Gibt es noch andere, konkrete Gründe für Ihren Schritt?

Ja. Ich bin mit einem georgischen Sammler befreundet – Dimitrij Tschitschikaschwili – der mich quasi zu einer Zusammenarbeit gedrängt und mir gute Räume angeboten hat. Die liegen in der Smolenska-Straße, unmittelbar neben der britischen Botschaft und nahe beim Hotel Ukraina. Beste Lage! Das Gebäude ist ein Stalin-Bau aus den vierziger Jahren, in dem sich früher der sowjetische Kunst- und Antiquitätenhandel befand. Tschitschikaschwili hat diese Räume von 600 Quadratmetern gekauft und suchte eine Idee für die Bespielung.

"Noch kein funktionierender Kunstmarkt: Das wird sich bald ändern."

Wann genau und womit werden Sie starten?

Anfang April eröffnen wir mit drei, vier internationalen Highlights der Fotokunst, die in Moskau bislang noch nicht gezeigt wurden.

Und wie geht es dann weiter?

Auf alle Fälle gibt es die erwähnte Soz-Art-Ausstellung ab Mai, unter dem Titel "Perestroika/Glasnost", die dann im Herbst 2008 in der Londoner Galerie Haunch of Venison gezeigt wird. Das eigentliche Moskauer Programm beginnt dann im September. Ich werde Künstler aus meinem deutschen Programm präsentieren wie Jaume Plensa oder die Chinesen Ling Jian und Zhang Huan, aber vor allem auch solche, die ich in Deutschland nicht zeigen kann, weil sie von anderen Galerien vertreten werden. Da verhandeln wir derzeit noch.

Wie werden Sie in Moskau einheimische Künstler integrieren?

Das ist ein schwieriges Thema, denn die guten Leute haben dort alle ihre Galerien. Ich möchte niemand abwerben, aber andererseits auch signalisieren, dass ich nicht nur die Hand aufhalte und mit westlicher Kunst beglücke. Mit zwei, drei Künstlern bin ich im Gespräch – etwa mit Olga Tschernyschewa. Sie arbeitet auf hohem Niveau und ist derzeit "frei".

In ihrem Berliner Programm sind mit Alexei Kallima und der Blue Noses Group derzeit sehr angesagte russische
Künstler vertreten. Deren Arbeiten weisen genau jenen Hang zur politischen oder zumindest gesellschaftskritischen Provokation auf, die Sie an der Soz Art als Eigenart russischer Kunst loben. In der russischen Öffentlichkeit kommen solche Botschaften nicht immer gut an, wie die jüngsten Auseinandersetzung um ein Ausfuhrverbot russischer Kunst nach Paris gezeigt haben. Sie haben schnell reagiert und die zensierten Werke der Blue Noses in Ihrer Berliner Galerie gezeigt.


Dass man versucht, ausgerechnet Fotografie so dumpf und stumpf wie zur Zarenzeit zu zensieren, ist lächerlich. Wir haben uns rasch eine CD mit den Arbeiten aus Moskau schicken lassen und ausgedruckt. Das Ganze war natürlich auch eine willkommene Werbung für die Künstler.

Welche Chancen rechnen Sie sich auf dem russischen Kunstparkett aus?

Nach elf Jahren Marktbeobachtung gehe ich konservativ und bescheiden heran. Ich wäre zufrieden, wenn es mir gelänge, ein bis zwei Arbeiten pro Ausstellung in Russland zu platzieren. Ich erwarte keinen Boom. Tschitschikaschwili wird auf alle Fälle regelmäßig kaufen. Und dann rechne ich mit jenen Sammlern, die auch jetzt schon in London und New York unterwegs sind. Momentan kann man zwar noch nicht von einem funktionierenden Kunstmarkt sprechen, wo Regeln einen Sinn haben. Das wird sich aber bald ändern. Die Kunstwelt ist so gewachsen und so global geworden in den letzten Jahren, und es ist so viel Geld unterwegs – heute ist es Shanghai, morgen eben Moskau.

Mehr zum Thema im Internet