Perspektiven des Kunstmarkts - Berlin

Kunst, Kommerz und die Nase von Eddy Constantine

Wie eine Berliner Konferenz nach Perspektiven und Potentialen des internationalen Kunstmarkts sucht – art-Redakteurin Ute Thon berichtet vom Forum "Schafft Kunst neues Handeln?".

Berlin will in diesen Tagen ja vieles sein: Rettungsanker für das krisengeschüttelte Europa, Motor der Kreativszene, Reservat für Künstler.

Jetzt kommt noch ein weiterer Anspruch dazu: Think Tank für den internationalen Kunstmarkt. Zwar haben die Berliner ihren eigenen, institutionalisierten Kunstmarkt, die Messe Art Forum Berlin, vor anderthalb Jahren abgeschafft. Seitdem wird in der Szene aber auffallend häufig über die Zukunft des Geschäfts mit der Kunst diskutiert. So auch am vergangenen Donnerstag als die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu einer Konferenz nach Berlin einlud. Thema: "Schafft Kunst neues Handeln? Perspektiven und Potentiale des internationalen Kunstmarktes". Im Café Moskau, einst Ost-Berlins stalinistisch-modernistischer Vergnügungstempel, heute schicke Event-Location der Nicolas Berggruen Holding, trafen sich rund 300 Teilnehmer, um sich Gedanken über Kulturförderung und Kunsthandel, Corporate Collecting und Kunstfonds, privates Sammeln und öffentliche Verantwortung zu machen.

Auf dem Podium saßen gewichtige Vertreter des Kunstbetriebs. Doch so vage die Kernfrage, so weichgespült waren die meisten ihrer Antworten. Diejenigen, die mit Kunst Geld verdienen, Galeristen wie Konrad Bernheimer und David Juda, Auktionator Simon de Pury und Matthew Slotover, der Erfinder der Londoner Erfolgsmesse Frieze, betonten unisono, dass sie eigentlich nur von höheren Werten, der Liebe und Förderung von Kunst, getrieben würden. Auch Philip Hoffman, der einen 400 Millionen Dollar schweren Kunstfonds managt (The Fine Art Fund Group), gab keine Anlegertipps, sondern betonte lieber, dass die von ihm als Investment erworbenen Kunstwerke ja auch der Öffentlichkeit zugute kommen, weil sie als Leihgaben in Museen hingen. Dass dahinter in erster Linie wertsteigernde Überlegungen stecken, dass das Kunstwerk früher oder später mit möglichst hohem Gewinn wieder abgestoßen wird und dass eine Museumsleihgabe Lager- und Restaurierungskosten spart, ließ der Fonds-Manager unerwähnt.

Dem Salzburger Galeristen Thaddaeus Ropac, der Künstler wie Anselm Kiefer, Georg Baselitz und Antony Gormley vertritt, war es besonders wichtig herauszustellen, dass er deren Werke nicht einfach verkauft, sondern mit Bedacht "platziert", also nur an solche Kunden abgibt, die er als ernsthafte Sammler identifiziert hat. Deshalb würde er grundsätzlich nicht an Kunstfonds verkaufen, sagte Ropac – eine konsequente Haltung, die auf dem Podium Eindruck machte. Was die Anwesenden nicht wussten und auch der österreichische Galerist offenbar schon wieder vergessen hatte: Erst vor zwei Monaten kaufte der russische Investmentbanker Sergey Skaterschikov auf der Viennafair für seinen neuen Kunstfonds ein – unter anderem auch an Ropacs Stand.

Nun sind Podiumsdiskussionen, auch wenn sie von einer seriösen Tageszeitung veranstaltet werden, nicht immer der beste Weg zu mehr Erkenntnisgewinn. Im Café Moskau offenbarten die verschiedenen Gesprächsrunden eher die Kluft zwischen den verschiedenen Realitätsebenen, etwa wenn Chris Dercon von seinen ambitionierten Plänen für die Erweiterung der Sammlung der Tate Modern spricht und dabei Afrika, Saudi-Arabien, Lateinamerika und Indonesien fest im Blickfeld hat. Währenddessen baut man in Berlin erst mal mit viel Getöse ein Haus für die Präsentation außereuropäischer Kulturen, das Humboldt-Forum, hat aber immer noch keinen Plan, was dort eigentlich genau gezeigt werden soll. Oder wenn die Kulturbeauftragte des Wolfsburger Volkswagen-Konzerns stolz über ihre langfristigen Kooperationspläne mit dem New Yorker MoMA spricht, während deutsche Museumsleiter das große Klagelied der Unterfinanzierung singen.

Ein altgedienter Museumsmann sorgte gegen Ende der Veranstaltung dann aber doch für allgemeine Erheiterung. Kasper König, der scheidende Chef des Museum Ludwig, lieferte zwar auch keine neuen Perspektiven für den internationalen Kunstmarkt. Doch er erinnerte daran, dass es manchmal hilfreich sein kann, zurückzublicken. Es gäbe keinen Betrieb, der unter so großer Amnesie leide wie der Kunstbetrieb, meinte König, als es in der Runde mal wieder um das leidige Thema der immer gleichen Künstlernamen gehe, die auf Messen und bei Sammlern gefragt seien. Statt sich von russischen Oligarchen wie Victor Pinchuk einkaufen zu lassen, sollte die Kunstszene sich lieber an Eddy Constantine halten, einen Filmstar aus den sechziger Jahren, der heute fast vergessen ist. Auf die Frage, wie er sich seinen Erfolg in Europa erkläre, habe Constantine geantwortet, das läge an seinem Motto: "Eddy, keep your nose clean!"