Herbstauktionen - New York

Ein Fest mit Dosensuppe und Coca-Cola

Die Stars der New Yorker Auktionswochen waren Andy Warhol und der Kunsthändler Philippe Ségalot. Die beiden schafften es, der angeschlagenen Kunstwelt den Glauben an einen gestärkten Markt zurückzugeben. Die Dollars rollen wieder, und die Show geht im großen Stil weiter.

222,5 Millionen Dollar fuhr Sotheby's bei der Abendauktion ein – und lag damit über dem hohen Schätzwert von 214 Millionen. Sechs Arbeiten schafften es über die Hürde von zehn Millionen Dollar. Die Versteigerung fühlte sich streckenweise an wie zu Boomzeiten. Mit den Toplosen holten sich die Sammler ein echtes Stück Amerika in ihr Haus: Andy Warhols Cola-Flasche ("Coca-Cola (4) [Large Coca-Cola]") ging für 35,3 Millionen Dollar weg. Kellner hatten zu Einstimmung im Auktionssaal Cola serviert. Den Zuschlag für Roy Lichtensteins "Ice Cream Soda" von 1962 bekam ein europäischer Händler für 14 Millionen Dollar – 1962 hatte ein Sammler die Arbeit für 500 Dollar von dem legendären Kunsthändler Leo Castelli gekauft.

Das Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen, das die "Matrosen" (1966) von Gerhard Richter verkaufte, weil es nach eigenen Aussagen nicht in das Konzept des Sammler-Museums passt, machte mit 13,2 Millionen Dollar einen guten Schnitt. Die Arbeit landet, so das Gerücht, bei einem Hedgefondsmanager aus Texas. Ein zweiter Richter, "Abstraktes Bild" von 1992, erreichte mit 11,3 Millionen Dollar ebenfalls die Top-Ten-Verkaufsliste des Abends. Auch Richters deutscher Kollege Andreas Gursky schlug sich gut. Sein Flughafenfoto "Frankfurt" wurde für 2,1 Millionen Dollar versteigert – Larry Gagosian, der den Künstler in den USA vertritt, wurde überboten.

Rekorde gingen vor allem an jüngere Künstler wie den New Yorker Jim Hodge und seinen Blumenvorhang "When We Stay" (2 Millionen Dollar), Julie Mehretu und "The Seven Acts of Mercury" für 2,3 Millionen Dollar, Cady Nolands durchlöcherte US-Flagge ("Gibbet") für 1,8 Millionen Dollar und Urs Fischers Kerzendame zum Abfackeln ("Untitled Candle") für eine Million Dollar. Fischer-Fan Peter Brant, der mit seiner frisch versöhnten Ehefrau Stephanie Seymour im Saal saß, hatte vergeblich versucht, die Arbeit zu ergattern.

Gerüchte um "Insider-Auktion" machen die Runde

Eine Büste von Stephanie Seymour war am Abend zuvor bei Phillips de Pury unter den Hammer gekommen. Die nackte "Stephanie", die Maurizio Cattelan 2003 als Anspielung auf die Modell-Ehefrau als ultimative Trophäe in einer Auflage von drei Arbeiten gefertigt hatte, ließ sich der Sammler Jose Mugrabi 2,4 Millionen Dollar kosten. Ehemann Brant befand sich ebenfalls unter den Gästen, bot allerdings nicht mit. Er hat seine eigene Stephanie-Büste in seinem Haus in Connecticut hängen. Der New Yorker Sammler Adam Lindemann verkaufte den auf einem Dreirad durch den Saal rollenden "Charlie" von Cattelan für 2,9 Millionen Dollar. Sammler Mugrabi, aus dessen Besitz die Warhol-Trophäe des Abends stammte, schlug bei der Skulptur von Takashi Murakami "Miss Ko2" für 6,8 Millionen Dollar zu. Murakami selbst folgte der Auktion von einem der Stehplätze aus. Und als der Künstler Abdi Farah, Gewinner der Fernsehshow "Work of Art", bei der Auktionator Simon de Pury als Mentor mitwirkt, bei der Pressekonferenz vorbeischaute, verloren die sonst so coolen New Yorker Kunstmarkt-Reporter kurzfristig die Haltung und scharten sich um den jungen Fernsehstar.

Der Kunstmarkt als Showbühne: Es gab reichlich Gerüchte um Warhols "Men in Her Life" von der Mugrabi-Familie, das sensationelle 63,3 Millionen Dollar einbrachte. Womit sich das kleine Auktionshaus Phillips de Pury mit dem teuersten Warhol der Woche vor Christie's und Sotheby's katapultierte – es handelt sich sogar um die zweitteuerste Warhol-Arbeit der Welt. 71,7 Millionen Dollar hatte "Green Car Crash (Green Burning Car 1)" 2007 bei Christie’s gebracht. Von "Insider-Auktion" ist die Rede, bei der eine Partei dem Auktionshaus eine bestimmte Summe für ein Werk zusagt. Verkauft sich die Arbeit, bekommt diese dritte Partei einen Anteil vom Verkaufpreis. Wenn aber die dritte Partei auch gleichzeitig der höchste Bieter ist, bezahlt sie nicht den Hammerpreis – sondern deutlich weniger. Was bei der Warhol-Trophäe, die Elizabeth Taylor und ihre Liebhaber zeigt, der Fall sein soll.

Ein Lichtenstein vom Casino-König

Unter dem Motto "Carte Blanche" hatte Phillips de Pury den privaten Kunsthändler Philippe Ségalot eingeladen, einen Großteil der Versteigerung zu organisieren. Ségalots Verbindungen zahlten sich aus. Das Auktionshaus erzielte zahlreiche Rekorde, darunter 4,5 Millionen Dollar für die blau verpackten Lutschbonbons von Felix Gonzalez-Torres ("Untitled" Portrait of Marcel Brient), 2,7 Millionen Dollar für Cindy Shermans frühe Arbeit "Untitled #153" und 4,1 Millionen für Thomas Schüttes "Großer Geist No. 16". Ségalot bescherte dem Haus, das in der Vergangenheit mit gesamten Auktionen weniger als mit dem Verkauf von Warhols "Men in Her Life" einnahm, mit 117 Millionen Dollar für 33 Lose einen Erfolg. Doch der Abend brachte auch Enttäuschungen: Arbeiten aus Ségalots Auswahl von Jeff Koons, Paul McCarthy und Steven Parrino gingen als unverkauft zurück. Und beim zweiten Teil der Auktion, den das Haus wie gehabt selbst organisiert hatte, verließen viele Gäste desinteressiert den Saal. Im zweiten Akt wurden 19,9 Millionen Dollar eingespielt. Eine der Attraktionen, Koons' "Caterpillar Ladder" mit einem unteren Schätzpreis von 5,5 Dollar fand keinen Käufer. Die Frage ist also, wie sich Phillips de Pury ohne einen Star wie Ségalot schlagen wird.

Christie's bildete mit einem Ergebnis von 272,8 Millionen Dollar und 70 von 75 verkauften Losen das strahlende Schlusslicht. "Offensichtlich ist der Kunstmarkt wieder da", so Amy Cappellazzo von Christie’s. Auch ihr Haus hatte auf Warhol gesetzt – allerdings auf Suppen statt Cola. Insgesamt waren 15 Arbeiten des Pop-Meisters im Angebot, die 70,4 Millionen Dollar einspielten. "Je mehr im Angebot ist, desto mehr will der Markt haben. Andy hätte das geliebt", so Cappellazzo. Die teuersten Werke das Abends: Warhols "Big Campbell's Soup Can with Can Opener (Vegetable)" für 23, 8 Millionen Dollar und "Campbell's Soup Can (Tomato)" für 9 Millionen Dollar. Für Roy Lichtensteins berühmte Dame am Telefon ("Ohhh...Alright...") wurde mit 42,6 Millionen Dollar ein Rekord verbucht. Casino-König Steve Wynn aus Las Vegas hatte die Arbeit, die ursprünglich Hollywoodstar Steve Martin gehörte, verkauft. Den nächsten Rekord gab es für Alexander Calders Metallskulptur "Red Culicue" (6,3 Millionen Dollar). Daimler Benz hatte Jeff Koons' blaue "Balloon Flower", die das Unternehmen vor zehn Jahren für 1,8 Millionen Millionen Euro direkt vom Künstler gekauft haben soll, am Potsdamer Platz abbauen und aufpolieren lassen. Die L&M Arts Gallery aus New York und L.A. bekam den Zuschlag für 16,8 Millionen Dollar. Ein gutes Ergebnis, das jedoch nicht an die alten Zeiten heranreicht: Die rote Balloon-Flower-Variante war 2008 in London für 25,7 Millionen Dollar versteigert worden.

Millionen für die Hopper-Erben und gute Aussichten für Miami

Gerhard Richter, dessen "Zwei Kerzen" von 1982 hinter den am Telefon operierenden Christie's-Mitarbeitern hing und dem Saal eine sakrale Stimmung verlieh, zählte mit 12,9 Millionen Dollar wieder zu den Toplosen. Die Versteigerung von Arbeiten aus der Sammlung des erst Ende Mai verstorbenen Dennis Hopper brachte den sich streitenden Erben 6,7 Millionen Dollar. Einige der Top-Angebote stammten aus der Sammlung des Computer-Pioniers und Intel-Gründers Max Palevsky, der ebenfalls im Mai gestorben war.

"Weil die Banken keine attraktiven Zinsen bieten und die Inflation kommen wird, stecken die Leute ihr Geld in Trophäen-Kunst", meinte Kunstberaterin Abigail Asher zum Erfolg des Abends. Marc Spiegler, Ko-Direktor der Art Basel, sah in dem Ergebnis gute Vorzeichen für seine Messe in Miami. "Bestimmt wird es nach diesem Abend 100 neue Buchungen für Miami geben", sagte er. "Es ist offensichtlich, dass die allgemeine wirtschaftliche Lage und der Kunstmarkt in keiner wirklichen Verbindung zueinander stehen."