Sergey Skaterschikov - Interview

Wir wollen definitiv in all diesen Märkten mitspielen

Der Investor Sergey Skaterschikov spricht über sein Engagement bei der Viennafair und das heute auslaufende Übernahmeangebot für Artnet. art-Redakteurin Ute Thon traf den Investor auf der Kunstmesse Viennafair, der Skaterschikov gerade mit einer üppigen Finanzspritze zu einer Neuausrichtung geholfen hat.
Showdown im Übernahmekampf:Investor Sergey Skaterschikov über artnet

"Ich sammele nicht" – Sergey Skaterschikov in seinem Moskauer Büro

Den russische Investment-Banker Sergey Skaterschikov interessiert an der Kunst zunächst einmal das Wertschöpfungspotenzial.

Seine New Yorker Firma Skate’s Art Market Research liefert Marktdaten zu Kunstkäufen und Kunstunternehmen. Im Frühjahr übernahm er mit seiner neu gegründeten Firma Next Edition Partners die Kontrolle über die Wiener Kunstmesse Viennafair. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der luxenburgischen Vermögensverwaltungsfirma Redline Capital Management. Bereits 1992, während seines Studiums an der Moskauer Staatsuniversität, gründete der 1972 geborene Wirtschaftswissenschaftler SkatePress, den ersten Finanzinformationsdienst in Russland.

art: Sie kommen aus der Welt des Investment-Banking. Was macht eine Kunstmesse in Wien für Sie geschäftlich interessant?

Sergey Skaterschikov: Da gibt es zwei Gründe. Zum einen glaube ich fest an das Wachstum des zeitgenössischen Kunstmarkts.

Ich nenne das Kunstkonsum und halte das für einen Industriezweig mit hohem Wachstumspotenzial. Es ist Teil des intellektuellen Konsums – einem neuen Wachstumssektor. Und ich glaube, daraus lässt sich ein neues Geschäftsmodell entwickeln. Die Viennafair war schon immer eine Messe für Gegenwartskunst und damit gut geeignet für eine solche Idee. Nun haben uns die Viennafair-Gesellschafter und unsere Geldgeber die Gelegenheit gegeben zu experimentieren und die Messe in neuer Form aufzubauen als ein strategisches Geschäftsmodell. Zudem ist Wien als Stadt fantastisch. Doch zwischen seiner kulturellen Bedeutung und den Vorteilen intellektueller Unterhaltung und seiner Bedeutung für die globale zeitgenössische Kunstszene besteht eine enorme Arbitrage – (Kursunterschied). Außerdem liebe ich die Stadt. Über die Jahre habe ich hier viele Freunde gefunden. Darum dachte ich, es wäre schön, hier etwas zu starten.

art: Der Wettbewerb zwischen den Top-Kunstmessen Art Basel, Frieze, Art Cologne und Armory Show ist ziemlich groß. Wie wollen Sie eine Messe wie die Viennafair in dieser Liga positionieren?

Wir wollen definitiv in all diesen Märkten mitspielen. Aber auf gewisse Weise war es für uns einfacher, erst mal als Underdog zu agieren. Das ist Teil unserer Strategie. Wir haben die Messe als "New Contemporary" gebrandet. Es geht uns erst mal nicht um die Top-Millionen-Verkäufe. Wer das sucht, muss weiter nach Basel oder zur TEFAF nach Maastricht gehen. Doch es gibt einen wirtschaftlichen Dreh für Sammler. Wir glauben, dass bei vielen Kunstkäufen finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen. Es ist nicht so, dass die Leute einfach ein Kunstwerk kaufen, weil sie es schön finden. Sie wollen, dass ihr Investment später nicht wertlos wird. Wir wollen hier auf diskrete Weise einen Marktplatz schaffen, auf dem sich die Leute wohl fühlen und nicht das Gefühl, sie müssten überteuerte Preise zahlen. Wenn sie clever sind und sich umschauen, finden sie interessante Trends zu niedrigen Einstiegspreisen und können so sogar Gewinn machen. Wir haben jedenfalls kein Problem damit, im Zusammenhang mit Kunst auch über Geld zu reden.

art: Was empfehlen Sie Sammlern, die mit Kunst Gewinn machen wollen? Verfolgen Sie die Kunst-Indizes, und kaufen Sie Künstler aus der Top-100-Liste?

Nein. Es gibt zwei Gruppen von Sammlern. Die einen sind schon erfahrene Sammler und wissen, was sie kaufen wollen. Denen brauchen wir keine Ratschläge mehr zu geben. Aber sie kommen vielleicht zu uns, weil sie frische neue Kunst sehen wollen. Dann gibt es eine zweite interessante und schnell wachsende Gruppe, die würde ich nicht als Sammler bezeichnen, sondern als High-End-Konsumenten. Für die wollen wir ein Ort sein, an dem sie sich nicht eingeschüchtert fühlen. Wir öffnen die Tür und setzen sie nicht unter Druck, Millionen-Dollar-Käufe zu tätigen. Sie sollen Spaß haben, Künstler und Galeristen kennenlernen und lernen, was es bedeutet, Kunst zu sammeln. Wir bedrängen sie nicht zum Kauf. Unser Job ist es, die Galeristen glücklich zu machen, indem sich ihr Investment, an der Messe teilzunehmen, lohnt. Wir wollen, dass die Galerien am Ende der Messe auf ihre Bilanzen schauen und sagen, ja, die Messe hat sich gelohnt.

art: Um das Messegeschäft anzukurbeln, haben Sie selbst einen Kunstfonds gegründet, mit dessen Geld Werke auf der Messe gekauft werden. Wie funktioniert das genau?

Der Fonds heißt Art Vectors, und ich habe selbst Geld darin investiert. Er hat ein Einlagevolumen von fünf Millionen Euro, jedes Jahr wird Kunst im Wert von einer Million Euro auf der Viennafair gekauft, die dann in Museen gezeigt und irgendwann mit Gewinn wieder verkauft werden soll. Dazu wurde eigens eine Jury berufen. Die Investoren haben keinen Einfluss auf die Ankäufe. Wir glauben, dass ist ein erfolgversprechendes Prinzip, das weiter sprießen wird. Wir haben jetzt schon das Moskauer Museum für Moderne Kunst an Bord, das auf der Messe zeitgenössische Kunst kauft, die es dann in Moskau zeigen will. Wir haben sie mit einen Finanzier zusammen gebracht.

art: Gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen den neuen Sammlern aus Osteuropa und den traditionelleren Sammlertypen, die man in Basel trifft?

Mir scheint, dass zunächst einmal jeder Sammler anders ist, jede Sammlung der Spiegel der eigenen Individualität. Natürlich gibt es bestimmte Verhaltensmuster. Zum Beispiel sammeln österreichische Sammler leidenschaftlich gern österreichische Kunst und sind deshalb vielleicht etwas nationaler orientiert als, sagen wir, die internationaleren Schweden. Aber wichtiger scheint mir, wie sich das persönliche, intellektuelle Ego des Menschen in seiner Sammelleidenschaft niederschlägt.

art: Was haben Sie zuletzt gekauft?

Ich bin überhaupt kein Kunstsammler. Ich besitze ein paar Kunstwerke, die ich durch die Freundschaft mit Künstlern bekommen habe. Zum Sammeln muss man Zeit investieren. Aber ich habe keine Zeit.

art: Ihre Investmentfirma Redline Capital war in den letzten Monaten damit beschäftigt, das Online-Auktionsportal Artnet zu übernehmen. Wie laufen die Verhandlungen?

Zunächst einmal: Redline Capital Management ist nicht meine Firma; ich bin dort als eines von mehreren Vorstandsmitgliedern tätig. Und artnet? Das ist ein Anbieter mit starkem Namen und schwacher wirtschaftlicher Leistung. Letzteres würden wir als Mehrheitseigner gerne ändern. Ob die Übernahme gelingt, muss sich zeigen.

Redline hat bereits eine Minderheitsbeteiligung an artnet, und anfangs hatte Artnet-Gründer Hans Neuendorf auch nichts dagegen. Doch als er merkte, dass wir nicht nur passive Investoren sind, sondern aktiv mitreden wollten, reagierte er wie ein Russe. Er setzte Giftpillen ein und begann, die Aktionärsrechte zu missbrauchen, mit dem Ziel, seine Macht zu sichern, auch wenn das nicht im besten Interesse der Firma ist. Er versuchte Redline wieder los zu werden. Doch wir sind ein seriöses Unternehmen. Wir mussten darauf reagieren. Und wir reagierten mit einem sehr großzügigen Übernahmeangebot. Es bietet den Aktionären eine 30-prozentige Prämie auf den aktuellen Aktienwert. Wir streben keine totale Übernahme an, sondern nur eine 57-Prozent-Beteiligung. Jetzt ist es an den Aktionären, dieses Angebot anzunehmen. Ein besseres wird es nicht geben. Wir halten die Übernahme für wünschenswert im Sinne vieler Aktionäre. Für uns selbst ist sie aber strategisch nicht entscheidend.

art: Es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe von Online-Preisdatenbanken. Aber keine macht wirklich Profit. Auch Artnet war nie wirklich profitabel. Was macht diese Firma für Sie so begehrenswert?

Artnet hat eine Menge Potenzial. Es hat eine gute Marktposition und eine nach Marktstandards geführte Datenbank. Doch es gibt einen Grund, warum die Firma kein Geld macht. Es liegt an der Führung. Die kommen aus einer anderen Welt. Wenn sie clever sind, nutzen sie diese Chance. Ich denke, man könnte auf dem Rücken von Artnet ein starkes e-Commerce-Business bauen. Aber dafür braucht man Geld und Mangagement-Geschick. Das könnten wir einbringen. Aber wenn es nichts wird, ist das wie gesagt für uns nicht schlimm. Das Leben ist lang, und es kommen andere Gelegenheiten. Doch für Artnet wird es ohne neue Investoren ganz schwierig.