Art Basel 2014 - Bilanz (Teil II)

Der öffentliche Schriftsteller

Ein Mann schreibt, was er sieht und wird damit selbst zum Kunstwerk – mit dem neuen Angebot der Aktionskunst und überarbeitetem Konzept hielt die Art Basel 2014 so manche Überraschungen bereit und sorgte bei Sammlern und Galerien gleichermaßen für Begeisterung.
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Einen richtigen Dialog zwischen Kunst und Architektur inszenierte Bob van Orsouw. Er bat Christ & Gantenbein seinen Stand zu gestalten. Wer seine Art-Party in einem Haus von Herzog & de Meuron feiert, macht es wohl nicht darunter.

Die jungen Basler Architekten, Schweizer Nachwuchsstars, die gerade die Erweiterung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich und des Kunstmuseums Basel realisieren, ließen sich nicht lumpen und gaben den Exponaten mit einem rauen Betonanstrich und veritablen Bänken aus Beton einen Hintergrund, vor dem sich die Skulpturen und Bilder dankbar abheben konnten. Natürlich durfte da auch Anton Henning nicht fehlen, der sich schon seit längerem im Grenzgebiet zwischen Dekoration und Malerei bewegt. Was die Einbeziehung des Raums anlangt, war das einer der konsequentesten Stände der Messe, der seinem Galeristen natürlich auch entsprechend Aufmerksamkeit einbrachte. Man konnte vorbeikommen, wann man wollte, Van Orsouw war im Gespräch mit Kunden und reihte sich damit in die Phalanx vieler Galeristen, die dieses Jahr wohl den Handel ihres Lebens realisierten.

Wie es am Eröffnungstag der Messe zugegangen ist, kann man am Stand von Esther Schipper nachlesen. Die Berliner Galeristin für Konzeptuelles und Subtiles zeigte die Arbeit "Ecrivain public" von Pierre Huyghe. Die Performance bestand aus einem Schriftsteller, der einen Tag lang in sein Notebook tippte, was er an dem Stand beobachtete. Blatt für Blatt seiner Notate wurde an die Wand gepinnt. Geschäfte werden diskret angedeutet, bekannte Besucher registriert. Francesca von Habsburg war eine von ihnen. Über die Besuchermengen kann man nur staunen. Soviel Aufmerksamkeit kriegt er wohl kaum in seinem Kämmerlein. Schipper griff mit der Arbeit auf dezente Weise den Boom der Performance bei jüngeren Künstlern auf. Dem Genre war mit der Ausstellung "14 Rooms" von Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist in einer anderen Messehalle eine große Hommage gewidmet. Und auch Matthew Barneys neuestes Opus, die über fünf Stunden lange Filmoper "River of Fundament", lebt von performativen Elementen. Sie wurde im Theater Basel erst zum drittenmal öffentlich gezeigt und war mit ihrer Verbindung aus Autokult, Bombast, Lust am Analen eher US-amerikanische Tortur als wirkliches Vergnügen.

Natürlich war die diesjährige Art Basel auch ein Verkaufsereignis. Der Kunstmarkt boomt, zunehmend mehr Investoren nutzen ihn als Anlagevehikel. David Zwirner setzte gleich am ersten Tag ein blaues Gemälde von Ad Reinhart für 12 Millionen US-Dollar ab, angeblich an einen Sammler vom Golf. Iwan Wirth sagte: "Das war die beste Art Basel, die wir je hatten." Die Galerien schätzten sehr, dass der Zutritt dieses Jahr nochmals weiter gestaffelt war. Die ersten vier Stunden am Dienstag waren einem Kreis mit einer "First Choice"-Karte vorbehalten, bevor die anderen VIPs um 15 Uhr eingelassen wurden. Auch diese hatten immerhin einen ganzen Tag für sich. Die öffentliche Vernissage fand erst am Mittwoch um 15 Uhr statt. Das gab Zeit für Gespräche. Mick Flick nahm sich ausgiebig Zeit, durch die Gänge zu wandern.

"Die ersten Stunden waren viele Sammler da", sagte Jochen Meyer von Meyer Riegger aus Karlsruhe. Viele kamen am zweiten Tag wieder. Für die Previews wurden von den Agenturen laufend Verkäufe in Millionenhöhe gemeldet. Thaddaeus Ropac vermittelte Georg Baselitz' große blaue Holzskulptur "Volk Ding Zero" von 2009 für 2,3 Millionen Dollar. Sprüth Magers verkauften das Konzertbild "Tote Hosen II" von Andreas Gursky aus dem letzten Jahr für eine halbe Million Euro. Den Rekord setzte vermutlich Skarstedt mit einem "Self-Portrait (Fright Wig)" von Andy Warhol, das angeblich für 35 Millionen Dollar angeboten wurde und wegging. Falls die Nachricht korrekt ist, wäre das auch für Basel ein ungewöhnlich üppiger Verkauf. Denn viele Investoren bevorzugen inzwischen die Anonymität. Florian Berktold, einer der Direktoren von Hauser & Wirth, sieht darin einen wesentlichen Grund dafür, dass "hochpreisige Werke aus dem Segment der klassischen Moderne nicht mehr an der Messe gezeigt werden".

Die klassische Moderne ist denn auch weiter auf dem Rückmarsch. Viele Händler kombinieren sie mit Künstlern der Nachkriegsjahrzehnte oder jungen Positionen. Jean Michel Basquiat tritt am Stand von Aquavella mit einem farbstarken Bild von Hans Hoffmann in Dialog und macht sich dabei nicht schlecht. Sammler sehen da gleich, was miteinander kombinierbar ist. Eine Devise, die sich Gerd Harry Lybke mit einer kleinteiligen Porträtwand seiner Galeriekünstler zunutze machte. Und unübersehbar rücken die Künstler von Zero, Arte Povera, Minimal und Popart in die Position der Väterfiguren ein. Dominique Lévy zeigte eine betörende Uecker-Suite aus acht Tafeln, Giuseppe Penone war an vielen Ständen der Mann der Stunde, Sol LeWitt hatte bei Paula Cooper einen wunderbar differenzierten Auftritt mit Zeichnungen, Bildern und kleinen Skulpturen, Verna aus Zürich bot gleich allen einen musealen Auftritt, Warhol und Richter waren überall, und die vor kurzem verstorbene Sherrie Levine führte die Phalanx von Künstlerinnen an, die an dieser Messe stark vertreten waren.

Agnes Martin wurde zu ihrem 10. Todestag weithin präsentiert. Ana Pellicer hatte in den achtziger Jahren mit einem Frauenkollektiv eine Halskette für die Freiheitsstatue in New York aus Kupfer getrieben, die Galeristin Francesca Pia zeigt sie jetzt als einen Knüller dieser Messe. Ihre Lockerheit fand sich bei vielen Arbeiten einer jüngeren Generation wieder. Damit die Geschichte nicht zu schwer auf ihnen lastet, nimmt sie die Kunstgeschichte auch mal auf die Schippe. Rob Pruitt krönte einen Kühlschrank auf Stiefeln mit einem knallroten Plastikflaschenständer. Ein Schmuckstück für jede Küche, Duchamp darf grüßen. Die New Yorker Gruppe The Bruce High Quality Foundation druckte Manets berühmte Kurtisane "Olympia" mit verrutschtem Siebdruck à la Warhol und umrandete sie mit Leuchtstoffröhren. Die beiden Arbeiten gingen am Stand von Thomas Ammann Fine Arts sofort weg. Auch wer einen Spaß macht, wird von Sammlern ernst genommen. Schließlich war schon Picabia für Lockerungen zu haben. Unbeeindruckt von all dem geht Thomas Ruff seinen Weg. Er erfindet die Tradition gleich neu, auf die er sich bezieht. Die neuen Serien der Photogramme, die er mit einem Superrechner erstellt hat, und der Negativ-Bilder zählen zu den beeindruckendsten Arbeiten dieser Messe. Diese Art Basel hielt für jeden etwas bereit. Zumindest wenn er genug Geld mitbrachte. Und das offensichtlich in großen Mengen vorhanden.

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