Armory Show - New York

Kunst ist wie Schokolade

"Dollar oder Euro?" war die am häufigsten gestellte Frage auf der New Yorker Kunstmesse "The Armory Show" (27. März bis 30. März). Wegen des unberechenbar abstürzenden Dollars hatten so manche Händler ihre Preise erstmalig auf den kräftigen Euro umgestellt. Es schien nicht die einzige Sicherheitsmaßnahme: Wie gehabt war die Qualität der Arbeiten hoch. Doch schienen die Galeristen lieber keine Wagnisse eingehen zu wollen.
Hohe Qualität, wenig Überraschungen:Ein Fazit der New Yorker "Armory Show"

Armory Show: Wandarbeiten des Brasilianers Assume Vivid Astro Focus bei Deitch

Es gab dieses Jahr also wenig Überraschungen, dafür aber Solides. Auch die Einkaufsstimmung schien ein wenig gedämpft. Zwar legte Galerist Zach Feuer bereits nach zehn Minuten eigenhändig den Bohrer an, um eine neue Arbeit von Luis Gispert zu hängen. Und bei Contemporary Fine Arts aus Berlin hatte sich Jonathan Meese schon am ersten Tag bestens verkauft. Doch insgesamt schien das Geschäft langsamer zu laufen.

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"Gut, aber nicht bombig", fasste Leo Koenig die Verkäufe passend zusammen. Auf seinem Stand blickte eine krampfhaft strahlende Hillary Clinton verkniffen in die Zukunft. Besser kann man die derzeitige Stimmung in Amerika nicht einfangen, sagte sich ein Sammler. Die Arbeit von Justin Faunce ging sofort für 15 000 Dollar weg.

Es handelte sich um die zehnte Ausgabe der "Armory". Wehmütig erinnerten die Künstler Mary Heilmann und John Waters an die Anfänge, als "jeder kurz vor der Pleite stand" und Kunstwerke im Gramercy Park Hotel auf Hotelbetten und in Badewannen präsentiert wurden. Feierliche Stimmung kam bei der Jubiläumsausgabe sonst nicht auf, Geschäft ist schließlich Geschäft. Obwohl 85 der insgesamt 160 ausstellenden Galerien aus Europa stammten, ließen sich die New Yorker nicht die Schau stehlen. Jeffrey Deitch setzte seine Künstler wie ein Platzhirsch in Szene. Allen düsteren Wirtschaftsvorhersagen zum Trotz zeigte er poppig bunte Arbeiten von Künstlern wie Ryan McGinness und dem Puertoricaner Dzine. Collagen und Installationen des Brasilianers Assume Vivid Astro Focus erstreckten sich obendrein über zusätzliche Ausstellungswände.

Einzelpräsentationen wie neue Arbeiten von Jenny Holzer bei Cheim & Read oder Annette Lemieux, die bei der Paul Kasmin Gallery zu Apfelkuchen und Milch einlud, waren selten. Hauser und Wirth überlass Martin Creed einen kompletten Raum. Der Engländer verwirrte die Besucher mit einem "Bitte nicht anfassen"-Schild an der Eingangstür und einer Klavierspielerin, die stupide einzelne Töne klimperte. Wohltuend tat sich die Galerie Eigen + Art hervor. Gerd Harry Lybke setzte auf das "Unerwartete". Statt Leipziger Malereien zeigte er lieber melancholische Architekturfotografien und Filme von Maix Mayer. Passend zur Ost-Tristesse war der Messestand in grau-weiß gemusterten Tapeten gewandelt.

In New York ist das Geschäft härter als in Miami

Um die Geschäfte anzukurbeln, zahlten vier Baseler Künstler mit dem Sammelnamen "Invisible Heroes" auf der Nebenmesse "Scope" am Lincoln Center ihren ersten Kunden Geld, wenn sie ihnen etwas abnahmen. Bei den Arbeiten handelte es sich um simpel gerahmte Ein-Dollar-Noten. Die Preise stiegen rasant auf einige Hundert Dollar pro Bild und sollten schließlich in Millionenhöhe abheben. So war es jedenfalls geplant. In New York sei das Geschäft härter als in Miami, wo die Sammler entspannt ihr Geld ausgeben, meinten viele der Galeristen. Dennoch war die Stimmung bei "Scope" und der zweiten großen Nebenveranstaltung "Pulse" am Pier 40 gut.

Allen die Show stahl der Baseler Messe-Neuzugang "Volta". Hier kam schon auf Grund der Lage im elften Stock eines Bürogebäudes mitten auf der 34th Street beim Empire State Building das richtige New-York-Gefühl auf. Sammler wie Mira und Don Rubell erschienen zur Eröffnung. Die "Volta"-Veranstalter hatten sich mehr als 50 internationale Künstler herausgepickt, die in Einzelshows von ihren Galerien präsentiert wurden. Galerist André Schlechtriem lehnte sich bereits gegen Mittag wohlgefällig mit einem Glas Champagner zurück, weil die vier Arbeiten von Ena Swansea mit Preisen von bis zu 60 000 Dollar ausverkauft waren. Der Leipziger Jochen Hempel von der Galerie Dogenhaus hatte wegen der amerikanischen Voltzahl zwar mit technischen Pannen zu kämpfen, aber verkaute eine wissenschaftliche Kunstarbeit von Julius Popp dennoch auf Anhieb.

"Es kann gar nicht besser laufen", meinte auch die Frankfurter Galeristin Anita Beckers zufrieden, die wieder bei "Pulse" dabei war. Die dritte Ausgabe der Messe brauchte mit beinahe 100 Ausstellern mehr Platz und zog dieses Jahr auf einen geräumigen Pier am Hudson River. Gemeinsam mit der in New York arbeitenden Künstlerin Jenny Marketou hatte Beckers eine VIP-Koje für die auffallend vielen Kinder unter den Besuchern eingerichtet. Dazu zeigte Marketou Interviews mit Kids, die mit dem Geld ihrer Eltern ernsthaft sammeln. "Kunst ist wie Schokolade, da kann ich mich nicht beherrschen", sagt eines der Mädchen im Video und reibt sich die Hände. "Da muss ich zuschlagen."