ChArt Art Fair - Kopenhagen

Kunstmetropole Kopenhagen?

Kein Schwerpunkt, kaum Kunstprominenz, strenge Galerieauswahl – mit der jungen Messe ChArt will Kopenhagen zur internationalen Kunstmetropole aufsteigen, doch es gibt Anzeichen dafür, dass dem Konzept ein ähnliches Schicksal wie dem Art Forum Berlin droht.

Kopenhagen ist laut einem britischen Magazin die lebenswerteste Stadt der Welt. In der dänischen Hauptstadt gibt es mit dem Noma das beste Restaurant der Welt, zudem gelten die Dänen als die glücklichsten Menschen auf Erden.

Was den Kunstmarkt angeht, hat die Stadt hingegen bisher nur begrenzt von sich reden gemacht. Das soll nun ein Ende haben. Mit der jungen Kunstmesse ChArt will die Stadt internationale Kuratoren und Sammler anlocken. Als ChArt am vergangenen Freitag zum zweiten Mal eröffnete, zeigte Kopenhagen sich nicht von seiner besten, für die Jahreszeit aber typischen Seite: Es goss in Strömen.

Bo Bjerggaard, der allzeit gut gelaunte Mitinhaber der nach ihm benannten Kopenhagener Galerie, meint, dass Kopenhagen als Stadt so attraktiv ist, dass eine internationale Kunstmesse dort gut aufgehoben wäre: "Wenn Leute eigens mit dem Privatjet hierher fliegen, um im Noma zu essen, dann sollte es doch auch für Sammler attraktiv sein, zur Kunstmesse anzureisen." Bjerggaard gehört mit Susanne Ottesen, David Risley und Jesper Elg (V1) zu den Initiatoren der Messer und war früher auch auf Art Copenhagen präsent. Letztere existiert weiterhin, im September werden dort Westphal und Arktika aus Deutschland zeigen. In den dänischen Medien und der örtlichen Kunstszene werden beide Messen wahrgenommen und durchaus geschätzt, aber bisher vor allem als lokales Ereignis.
 
Der Gedanke der Initiatoren, aus ChArt etwas Internationales zu machen, klingt verlockend, und die genannten Galerien haben sicherlich auch einige der Werke von Künstlern im Angebot, die die großen internationalen Sammler begeistern. So bot Bjerggaard auf der Armory Show vor ein paar Jahren eine große Arbeit von Sigmar Polke an, auf ChArt zeigt er dieses Jahr unter anderem Daniel Richter und Tal R. Risley hat ein Werk der Chapman-Brüder im Angebot. Doch stellt sich die Frage, warum internationale Sammler und Kuratoren nach Kopenhagen kommen sollen, wenn sie dort eine kleine Auswahl der gleichen großen Namen geboten bekommen, die sie auch in London, Basel, Köln oder New York auf den Messen vorfinden. Mit einem ähnlichen Konzept, aber größer, ist schon das Art Forum Berlin gescheitert.
 
Für die nordeuropäischen Gäste, die nicht weit fahren möchten, mag es Sinn ergeben, die Messe vor Ort zu besuchen, aber nur mit denen bleibt eine Messe eine lokale oder allenfalls regionale Angelegenheit. Zumal nur Galerien aus dem nordeuropäischen Raum ausstellen – ganz wie die Messe Market in Stockholm.
 
Zur VIP-Eröffnung fehlte auch der internationale Kunstjetset fast komplett. Die Abwesenheit der Kunst-High-Society störte keineswegs, ist aber ein Indikator für die Bedeutung der Messe. "ArtReview"-Editor Mark Rappolt war gekommen, weil er für eine Podiumsdiskussion gebucht worden war. Weiterhin erschienen eine ehemalige dänische Galeristin, die heute für eine örtliche Steakhouse-Kette Kunst kauft (unter anderem Damien Hirst, was denn sonst) und ein nordeuropäischer Ex-Museumsdirektor, der nun Hotels in der Region bestückt. Dazu passte, dass der VIP-Bereich zu klein war, um vertraulich Gespräche zu führen. Weil auch hier der Espresso fast vier Euro kostete, der Bereich aber von jedem eingesehen werden konnte, war der einzige Zweck, dort den Kaffee zu genießen, womöglich die Signalwirkung: Ich darf hier rein und ihr nicht.
 
"ChArt wirkt weniger lokal als die Stockholmer Messe, wir verkaufen aber auf beiden gut", sagt Börkur Arnarson, Direktor der isländischen Galerie i8, die auch regelmäßig an der Art Basel, der New Yorker Armory Show und Zona Maco in Mexiko teilnimmt. Bei ChArt zeigt er erstmals einen Olafur Eliasson, den man als solchen kaum erkennt: ein Teppich aus dicker grauer isländischer Schafswolle. 12 000 Euro soll das Multiple kosten. Arnarson war auch auf der Art Copenhagen zweimal präsent, dort liefen die Verkäufe in Ordnung, aber die strengere Galerienauswahl gefällt ihm bei ChArt besser.
 
Da sind die Abgewiesenen anderer Meinung: Renommierte dänische Galerien wie Avlskarl und Tom Christoffersen sind dem Vernehmen nach zwei, die gerne dabei gewesen wären, aber den Veranstaltern nicht bedeutend genug erschienen. Bei Avlskarl, der zuletzt eine Solo-Show mit Thomas Demand hatte, ist genau an den drei Tagen der Kopenhagener Messe eine Video-Arbeit von Francesco Vezzoli zu sehen. "The Return of Bruce Nauman’s Bouncing Balls" zeigt den braungebrannten Pornoschauspieler Brad Rock nackt von hinten vor einer klischeehaft idylischen Alpenkulisse. Rock, der mit breit gespreizten Beinen und nach vorne gebeugt vor der Kamera steht lässt seinen großen Hodensack zu Mozarts Klavierkonzert No. 21 schwingen, als sei es der Klöppel der Glocke "Dicker Pitter" im Kölner Dom. Lustiger kann man wohl kaum sagen "ihr könnt mich mal mit eurem Schaulaufen". Ironischerwiese ist Vezzoli im Stall von Larry Gagosian, dem wohl kommerziell erfolgreichsten Galeristen unserer Zeit.
 
Keine der nordeuropäischen Messen hat es in das Buch "Modern Art for Sale – Die bedeutendsten Kunstmessen der Welt" geschafft und das, obwohl der Autor Henry Werner als Skandinavist und ehemaliger Mitarbeiter der dänischen Botschaft in Berlin den nordeuropäischen Länder wohlgesonnen ist. "Ich habe mir die nordischen Messen damals interessiert angeschaut, aber diese sind international nicht von Bedeutung und deshalb nicht im Buch erwähnt", sagt er. Damals gab es ChArt noch nicht, aber so wie die Messe jetzt dasteht, wäre sie ebenfalls nicht ins Buch aufgenommen worden, so der Autor. "In der Region gibt es wirklich starke Galerien. Wenn eine Messe wie ChArt auf eine klare Nische setzen würde, hätte diese Potential. Arco in Madrid hat einen Südamerika-Schwerpunkt – auf eine Partner-Region zu setzen, die sonst weniger beachtet wird, könnte auch in Nordeuropa sinnvoll sein", sagt Werner.

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