Berlin Art Week Fazit

Endlich Sammler

Die Verkäufe liefen gut auf der abc – und auch sonst bei der Art Week stachen Galerien die Institutionen aus, kommentiert art-Korrespondentin Birgit Sonna
Endlich Sammler:Die Verkäufe liefen gut auf der abc

Die "Würstelbudisierung" Berlins zieht weitere Kreise in der Kultur und spart natürlich auch die Art Week nicht aus.

Letztes Jahr stiegen Grillgeruch und Rauchschwaden über der Auguststraße auf, dieses Jahr musste zum Auftakt des Kunstwochenendes der Vorhof der Akademie der Künste im Tiergarten herhalten. Es mag vielleicht im ersten Moment als Erfolg wirken, wenn sich unüberschaubare Menschenmassen vorgeblich über ein Kunstereignis hermachen. Kurios war allerdings, dass Klaus Staeck bereits nach zehn Minuten die Räume wegen Überfüllung schließen und sich als Dompteur der Meute bewähren musste. Jedenfalls ist bereits die Eröffnung der sogenannten Art Week gründlich schiefgelaufen. Weniger weil der Discopunk der Band Hunger mehr recht als schlecht vor sich hin schepperte, sondern weil es außer Volksfestgetöse wenig zu bemerken gab. Bis in die frühen Morgenstunden soll die Sause vor der Akademie gegangen sein. Die Ausstellung "Schwindel der Wirklichkeit" hat an diesem Abend vermutlich nicht einmal fünf Prozent des Publikums gesehen. Was auch nicht weiter schlimm ist, weil es sich ohnehin mehr um eine Mogelpackung mit verstaubten Videomonitoren und redundanten Computerspielansichten zu den Perversionen heutiger Kriegsführung handelt. Von den spröde die Räume verstellenden Kojen ganz zu schweigen. "Wir wissen gar nicht, ob wir die Art Week noch brauchen", erklärte Alexander Schröder von der Galerie Neu repräsentativ für die Galerieninitiative der Art Berlin Contemporary, kurz abc. Das klingt vielleicht etwas hochnäsig. Wer aber das in keinster Form abgestimmte Programm in den großen Berliner Institutionen zur Art Week sichtete, kam zu der gleichen ernüchternden Bilanz. Ausgenommen von den KunstWerken mit den verstörend in die digitale Zukunft weisenden Szenarien des kalifornischen Künstler Ryan Trecartin und das Haus am Waldsee mit Michael Sailstorfers bislang kaum gezeigten Skulpturen scheinen die Museen in puncto zeitgenössischer Kunst von einer seltsamen Lähmung befallen. Der Start in den Berliner Kunstherbst wird qualitativ nach wie vor äußerst souverän von den Galerien gestemmt. Thomas Scheibitz und die Editionen der Arte Povera bei Sprüth Magers, Marc Camille Chaimowicz bei Neu, Corinne Wasmuht bei Johann König, Thomas Zipp bei Guido Baudach sind ein "Must See". Buchmann Galerie und Mehdi Chouakri feiern zu Recht die Wiederentdeckung des Schweizer Malers Martin Dislers. BlainSouthern hat den New Yorker Stilpapst Glenn O'Brien als Kurator eingeladen und dafür eine brillante Schau zum "Wort" in der Gegenwartskunst geerntet. Und die konzertierte Verkaufsschau abc im ehemaligen Postbahnhof in der Luckenwalder Straße kommt immer mehr bei sich selbst an. Den gehässig vor zwei Jahren aus der Taufe gehobenen Spruch zur abc "anything but collectors" darf man jetzt geruhsam begraben. Die Verkäufe liefen besser denn je. Kraupa-Tuskany Zeidler konnte die Videoinstallation der chinesischen Künstlerin Guan Xiao sagenhafte dreimal verkaufen. Selbst eine exzentrische Arbeit wie die mit dem Situationisten-Leitsatz "Ne travaillez jamais" überblendete Budenkonstruktion von Kerim Seiler (Grieder Contemporary) fand ihren Abnehmer. Für die wunderbaren Raumeinlassungen von Charlotte Posenenske gibt es von Ankaufskommissionen mehrerer Museen Interesse. Sprüth Magers, gleich mit fünf Positionen auf der abc vertreten, veräußerte Arbeiten von Nina Pohl und der jungen vielversprechenden Künstlerin Analia Saban. "Die abc war für uns in diesem Jahr in jeder Hinsicht ein Erfolg", sagen die beiden Galeristinnen. Vielleicht wäre es aber geschickt, nicht mit dem gleichen Platzhirsch-Attitüden wie auf der Art Basel aufzuwarten. Neugerriemschneider scheint sich an fixer Stelle auf ein nahe dem Lichthof platzierten Billboard-Format versteifen zu wollen. Und damit verkam Tobias Rehbergers an sich hervorragende Arbeit aus auf einer Tapetenwand applizierten Gouachen traurigerweise zum Déjà-vu. Letztes Jahr hatte sich hier an der Stelle nämlich schon Pae White an einer gigantischen Wand ausgetobt. Wie auch immer, das Konzept von abc-Direktorin Maike Cruse ging im zweiten Jahr dank der massiven skulpturalen Setzungen und teils performativen Einschüben in der Station Berlin auf. Berlin tickt bekanntlich etwas anders als andere Kunststädte und diese alternative und sehr junge Messe ist genau das richtige Format für die Gegenwart. In fünf Jahren kann man dann unter Umständen die Karten neu mischen.