Art Basel - Eklat

Aufruhr im Club

Eklat bei der Art Basel: Der Erfolgsgalerie Eigen+Art wird Messeteilnahme verwehrt. Galerist Gerd Harry Lybke kocht – und kritisiert das Auswahlkomitee als unprofessionell

Diese Nachricht muss ein echter Schock gewesen sein: "Aufgrund des begrenzten Platzes, der für die Show verfügbar ist, wurde Ihre Galerie leider nicht ausgewählt", las Galerist Gerd Harry Lybke in dem Ablehnungsschreiben der Art Basel. Solche Niederlagen müssen sonst nur unbekanntere, glücklosere Kunsthändler von der Baseler Kunstmesse wegstecken. Lybke jedoch führt eine der erfolgreichsten, international renommiertesten Galerien Deutschlands mit Dependancen in Berlin und Leipzig. Er vertritt Künstlerstars wie Neo Rauch, Matthias Weischer, Olaf und Carsten Nicolai und platziert sie in den besten öffentlichen und privaten Kunstsammlungen der Welt. Erst im letzten Jahr feierte er einen neuen Triumph mit der großen Neo Rauch-Doppelretrospektive in Museen in München und Leipzig. An der Art Basel nimmt er seit 1991 kontinuierlich teil, auf der Messe macht er regelmäßig Verkäufe in Millionenhöhe. Um so verärgerter ist er jetzt über die überraschende Absage. "Mit der Ablehnung wird nicht nur der Galerie der Zugang zum wichtigsten internationalen Messeplatz der Kunst versperrt, sondern noch im extremeren Maße den Künstlern", sagt er.

Tatsächlich ist ein Stand auf der Art Basel der ultimative Ritterschlag für jede Galerie – die Zulassung zum angesehensten und lukrativsten Kunstclub der Welt. Die Baseler Messe gilt als wichtigste und umsatzstärkste Kunstmesse für Gegenwartskunst und klassische Moderne. Dementsprechend heiß begehrt sind die rund 300 Kojen. Über die Zulassung entscheidet eine sechsköpfige Jury aus Galeristen. Die Gründe für die Ablehnung macht die Jury nicht öffentlich. Lybke vermutet dahinter allerdings eine Abstraf-Aktion missgünstiger Kollegen. "In Amerika würde man so was als Diskriminierung oder Rassismus bezeichnen", sagt er in Anspielung auf seine ostdeutsche Herkunft. Lybke hat seine Galerie 1983, also noch zu DDR-Zeiten, in Leipzig gegründet und bekennt sich trotz seines kometenhaften Aufstiegs immer noch stolz zu seiner Ostvergangenheit.

Von Art-Basel-Seite gibt man sich angesichts der Vorwürfe gelassen. "Wir kommentieren die Auswahl der Jury grundsätzlich nicht", sagt Pressesprecherin Maike Cruse. Angesichts der Flut von Bewerbungen sei man nun mal gezwungen, auch Ablehnungen zu verteilen. Das Auswahlkomitee sei jedenfalls "absolut integer". Dennoch scheint es zumindest für Außenstehende verwunderlich, dass es sich bei den Art-Basel-Juroren gleichzeitig auch um Messeteilnehmer handelt, die in dieser Doppelfunktion auch unliebsame Konkurrenten ablehnen könnten – ein Interessenskonflikt, der etwa bei internationalen Architekturwettbewerben oder beim Filmfestival in Cannes undenkbar wäre. So gilt es unter langjährigen Art-Basel-Teilnehmern denn auch als offenes Geheimnis, dass für die Teilnahme oder Ablehnung nicht immer nur objektive Qualitätskriterien entscheidend sind. Judy Lybke jedenfalls vermutet hinter der Absage auch persönliche Motive: "Die Berliner können mich nicht leiden".

Denn auffällig bei dem diesjährigen Auswahlkomitee der Messe in Basel ist in der Tat eine deutliche Berlin-Lastigkeit. Zur sechsköpfigen Jury gehören neben der Zürcher Galeristin Eva Presenhuber, David Juda aus London und Xavier Hufkens aus Brüssel drei Galeristen aus der Hauptstadt: Tim Neuger (neugeriemenschneider), der Stockholmer Galerist Claes Nordenhake, der in Berlin das Galeriehaus in der Lindenstraße betreibt, und Jochen Meyer von der Karlsruher Galerie Meyer Riegger, der ebenfalls in Berlin eine Dependance hat. Bekannt ist auch, dass unter den unzähligen, in Berlin ansässigen Galerien längst heftige Grabenkämpfe toben. Erst vor wenigen Tagen hat Giti Nourbakhsch in einem offenen Brief ("Betreff: David gegen Goliath") den "Lieben Kollegen in Berlin" ihr Leid geklagt. Die Junggaleristin wurde nach fünf Teilnahmen ebenfalls aus der Art Basel "rausgekickt". Als Grund vermutet sie den schwelenden Streit um das Berliner Gallery Weekend, eine Gemeinschaftsveranstaltung Berliner Galerien, aus deren Organisationskomitee sich Nourbakhsch letztes Jahr verärgert zurückgezogen hatte. Danach sei sie plötzlich auch in Basel nicht mehr angenommen worden. Sie macht dafür die Art-Basel-Juroren Neuger, Nordenhake und Meyer verantwortlich, die gleichzeitig auch Gesellschafter des Gallery Weekend sind. "Mir war bei meinem Austritt bewußt, dass ich meine Präsenz in Basel gefährden könnte. Es ist allgemein verbreitet, dass man sich den Juroren der Art Basel nicht widersetzt, auch wenn der Schauplatz Berlin ist."

Ein weiteres Opfer der strengen Art-Basel-Jury wurde Mehdi Chouakri, dem man nach mehreren Messeteilnahmen diesmal eine Absage erteilte. Eine unverständliche Entscheidung, findet der Berliner Galerist, zumal ihm das Auswahlkomitee noch im letzten Jahr zu seinem gelungen Stand auf der Art Basel gratulierte. "Die Jury hat diesmal die Stärke und Geschichte der Berliner Galerien nicht richtig berücksichtigt", klagt Chouakri. Gerd Harry Lybke gibt sich inzwischen diplomatisch. "Ich bin kein Politiker und kümmere mich nicht um den Klüngel in Berlin", sagt er. Am Gallery Weekend im Mai werde er wie immer teilnehmen. Von der Art-Basel-Direktion wurde ihm derweil zugesichert, dass er immer noch auf einer "Nachrückerliste" steht.