Art Basel 2008 - Basler Leckerli

Basler Leckerli

Der abschließende Pressebericht der "Art Basel" spart nicht an Superlativen: "die unbestrittene Position als führende Kunstmesse wurde eindrucksvoll bestätigt", "noch nie kamen so viele Kunstsammler" und "noch nie so viele berühmte Künstler" – und natürlich waren auch die Verkäufe "fantastisch". Wir haben noch einige Impressionen und zufällig aufgeschnappte Wortwechsel für Sie gesammelt.
Brad Pitt, Patti Smith, Scheichs und Oligarchen:Impressionen aus Basel

Ja, wo ist sie denn, die gute Kunst? Skulptur des chinesischen Künstlerduos Sun Yuan und Peng Yu ("I am here", 2006) am Eingang der Nebenmesse Scope

Angst vor Bargeld

Ein Russe, im auffälligen dunkelblauen Sportdress, schaut sich die Lampen von Franz West bei der Galerie Bärbel Grässlin an. Die schlichten Leuchten gefallen ihm – sind ihm aber "not big enough". Der sichtlich irritierte Galerievertreter zeigt ihm wiederwillig Abbildungen von größeren West-Lampen. Da braucht der Mann dann nur wenige Sekunden, um sich für ein Modell zu entscheiden.

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Er ruft laut "Olga!" – und eine korpulente Frau erhebt sich von einer Bank am Rand der Koje, wirft einen Blick auf die Bilder, nickt und zückt, als der Preis "Ten Thousand" fällt, umgehend ihre Brieftasche. Der Galerieassistent gerät in Panik, wimmelt ab und will lieber eine Visitenkarte. Er verspricht eine E-Mail, mitsamt der Abbildung der Lampe, die er reservieren wird, zu schicken. Das Paar lässt sich nach langen Debatten darauf ein – und zieht weiter. Der schweißgebadete Assistent bleibt zurück und greift sofort zum Handy.

Zufällig mitgehörter Wortwechsel

"And recently we opened a gallery in Qatar". "Oh really, and how is it going?" – "Phantastic, Qartar is so amazing".

Der rote Punkt

Rote Punkte sind aus der Mode, man sieht sie fast nirgends mehr. An manchen Ständen sind auch Namens- und Titelangaben verschwunden. Die Ware Kunst wird in einem so hohen Tempo verkauft, dass sich das Auszeichnen nicht mehr lohnt – die Wände müssen schnell freigemacht werden für das nächste Bild. Für den Besucher hat das Vorteile: Wer an einem Tag zwei Rundgänge macht, sieht zwei verschiedene Messen.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Dass Spiegel als Vanitas-Symbole in der Kunst eine Rolle spielen, ist eigentlich ein alter Hut. Auf der diesjährigen Art Basel fällt jedoch auf, wie viele Galerien das Thema wörtlich nahmen. Es wimmelt nur so vor verführerischen Spiegelarbeiten: Bei neugeriemenschneider liegen Isa Genzkens Astropuppen auf verspiegeltem Boden, bei Hauser & Wirth ziert ihr Spiegelkabinett die Kojenwand, Jim Lambies Taschenobjekte aus Spiegelscherben glitzern am Stand von Sadie Coles, Anselm Reyles reflektierende Folienbilder hängen gleich bei mehreren Galerien, ebenso wie Daniel Burens gestreifte Spiegelkacheln und Michelangelos Pistolettos goldgerahmte Spiegelbilder. Wohin man auch schaut, unvermittelt starrt einem das eigene Spiegelbild entgegen. Das ist praktisch, wenn man schnell den Lippenstift nachziehen oder überprüfen will, ob das Vernissage-Outfit noch richtig sitzt. Und es sagt auch einiges über die unverhohlene Eitelkeit der neuen Sammlerszene, die sich mit Kunst zu allererst selbst bespiegeln will aus. In der "Art Unlimited"-Halle kann man seine zersplitterten Reflektionen entweder in Bank Violettes gewaltsam zerbrochener „Mirror Wall“ bewundern oder sich schemenhaft in einer fast sechs Meter hohen, metallisch glänzenden Skulptur von Takashi Murakami spiegeln. Den "Oval Buddha" aus platinüberzogenem Aluminium hat angeblich der russische Multimillionär, Fußballclub-Besitzer und Neusammler Roman Abramowitsch gekauft.

Kaffeepause

Die Schweiz gilt nicht unbedingt als arm, und die Basler Messe kann sicher auch nicht klagen. Umso bestürzender die Tatsache, dass sich eines der zentralen Cafés der Messe offenbar keine Kassen leisten kann. Bei extremem Andrang rechnen die Kellnerinnen nach Bestellungen wie "3 Esspresso, 1 Cappuccino, 1 Cola, 1 Cola Light, 2 Stücke Erdbeertorte, 1 Mandelplätzchen" die Summe mühsam auf einem Notizblock aus, im Kopf. Das Wechselgeld wird aus einer Schublade gekramt. Nennen wir es Understatement.

Think global, buy local

In Basel bestätigt sich eindrucksvoll die Ahnung, dass der einstmals westliche Kunstbetrieb mittlerweile ein globaler geworden ist. Ganz selbstverständlich bewegen sich zwischen den Sammlern und Kuratoren aus Europa und den USA auch Messebesucher aus den neuen boomenden Kunstreichen: etwa Marianna Sardarova, die in Moskau eine Stiftung gegründet hat, die mit Kenntnis und Engagement junge russische Kunst fördert, oder der chinesische Kurator, Künstler und Galerist Leng Lin, der im Pekinger Künstlerviertel "798" eine Schlüsselrolle spielt. Zwar gibt es in Moskau und Shanghai mittlerweile Kunstmessen, die sich ganz gut entwickeln, doch Basel ist nach wie vor das Maß aller Dinge. Galerien aus den beiden Ländern etablieren sich sehr zaghaft: Aus China sind vier Galerien vertreten, aus Russland nur eine.

Zufällig mitgehörter Wortwechsel

Ein älteres Paar bei der Galerie Deitch Projects. Sie: "Ach ne, Schatz, komm! Das ist mir zu schrill!"

Gottesdienst für Kunstlegenden

Es war eines der heiß begehrten Tickets der Art Basel, eindringlichstes Flehen und hektisches Wedeln diverser VIP-Karten zwecklos: Das Patti-Smith-Konzert, zu dem die Fondation Cartier anlässlich ihrer Pariser Ausstellung am Donnerstag abend in die Basler Elisabethenkirche eingeladen hatte, war schon Wochen vorher restlos ausgebucht. Die Happy Few, die es auf der Gästeliste geschafft hatten, lassen sich ehrfürchtig auf den Kirchenbänken nieder. Im Publikum prominente Gesichter wie Konstantin Grcic, Katharina Sieverding, Don und Mera Rubell. Der Gottesdienst kann beginnen. Patti Smith zeichnet und fotografiert seit 30 Jahren, aber an diesem Abend ist eher die Rockmusikerin gefragt. Unter den imposanten gotischen Bögen hätten wir auch noch stundenlang auf unsere Hohepriesterin gewartet. Aber Patti Smith erscheint mit ihrer Band pünktlich und ganz ohne Allüren auf der Bühne. Mit 62 wirkt sie immer noch teenagerhaft burschikos, ihr mädchenhaftes Lächeln lässt das herbe Gesicht leuchten. Ganz ungezwungen und gut gelaunt trägt sie Gedichte vor. Sie singt ihre großen Hits: "Jesus died for somebody’s sins – but not mine" und auch "Frederic", ihre Liebeserklärung an ihren verstorbenen Mann Fred Smith von der Kultband MC5. Dazu Coverversionen von Kurt Corbains Nirvana-Songs. Sie widmet Robert Rauschenberg ein Lied und der kürzlich verstorbenen Rock-'n'-Roll-Legende Bo Diddley. Dazwischen macht sie noch ein bisschen Wahlkampf für Obama und gibt den Kunstmessebesuchern einen Weisheit mit auf den Weg: Auch wenn der Erfolg von Künstlern heute oft daran gemessen werde, wieviel Geld ihre Bilder bringen, dürfe man nicht vergessen, dass viele große Künstler zu ihren Lebzeiten kaum etwas verkauft hätten: "Aber deshalb waren sie keine armen Künstler!" Nach anderhalb Stunden ist Schluss. Sie verbeugt sich höflich, macht mit ihrer großen, altmodischen Polaroidkamera noch ein Erinnerungsfoto von der jubelnden Menge. Ein Frau aus dem Publikum steckt ihr zum Dank eine Schachtel Konfekt zu: Basler Leckerlis – die hat sie sich wirklich verdient.

"War das nicht Brad?"

Brad Pitt ist auch da. Zusammen mit einem Berater läuft er mit schnellen Schritten die Kojen ab. Er hinterlässt eine Spur von staunenden und tuschelnden Besuchern: "War das nicht?" und "Hast du gesehen?" Aber dann geht alles schnell wieder seinen geregelten Lauf. Immerhin ist man hier nicht in Cannes, sondern in Basel. "Deshalb lieben die Stars die Schweiz", erklärt ein Landsmann. "Nirgends sind die Menschen so diskret und behandelt Stars wie normale Menschen." Komisch, bisher dachte man ja immer, die Stars würden nur aus Gründen der Steuerflucht hier leben.

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Der Scheich in Weil am Rhein

Einen solchen Menschenauflauf hat das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein noch nicht gesehen: Wo sich sonst vereinzelte Designgourmets mit der Evolution des Stuhls im 20. Jahrhundert beschäftigen, ergießen sich nun Hunderte von Besuchern in die Zelte und an die Buffetstände. Es gibt Weißwein und Minifrikadellen, im Hintergrund läuft Plätschersoulmusik – alles ist also wie immer, wären da nicht diese Gruppen von ganz in Schwarz gekleideten arabischen Frauen, die sich sichtlich gut amüsieren. Und wäre da nicht ein echter Ölprinz gesehen worden, gerade eben ging er mit seinem Troß vorbei – der Sohn des Scheichs von Dubai! Anlass für die derart prominent besetzte arabisch-deutsche Party war die Eröffnung einer Ausstellung zum Thema Dubai. Der große Architekt und Stadttheoretiker Rem Koolhaas hat sie mitkuratiert, er hat der mehr als dürftigen Schau ein paar warme Worte voran gestellt, die Dubai als Labor urbaner Vielfalt preisen. Der Besucher wird abgespeist mit ein paar banalen Fotos, die lästigerweise an Stoffahnen hängen, er darf Modelle von Kulturpalästen bewundern, die Stararchitekten für Dubai geplant haben – was hat das sonst so seriöse Museum bei dieser Aktion nur geritten?

The Gate of Woodoo

Der Eingang der Nebenmesse Volta ist von dem Basler Duo Yummy Industries gestaltet worden. "The Gate of Woodoo" besteht aus Spanplatten, Europaletten und anderen Holzresten – und jeder Besucher kann dort einen Zauberspruch anbringen. Einer fällt besonders auf: "Better art".

Bling-Bling

Der Künstler Wilfredo Prieto hat sich für seine "Art Statements"-Präsentation bei der Galería Nogueras Blanchard einen besonderern Gag ausgedacht: In einem fein säuberlich kreisrund aufgeschütteten Haufen aus 30 Millionen glitzernden Glassteinchen ist ein einziger echter Diamant versteckt. Ein Messebesucher kann der Verlockung offenbar nicht widerstehen. Mit seinem Rollstuhl fährt der Mann mitten in das Glitzerkunstwerk rein und dreht sich mit seinem fahrbahren Untersatz darin wie ein Derwisch. Den Sicherheitskräften, die ihn schließlich überwältigen können, sagt er zur Erklärung, er habe nirgends ein "Bitte nicht berühren"-Schild gesehen. Das Kunstwerk hat jedoch keinen bleibenden Schaden erlitten, ließ die Galerie verlauten. Der Künstler glättete die Verwüstungsspuren. Es kann zum Preis von 45 000 Euro erworben werden. Nur einige winzige Strasssteinchen liegen immer noch außerhalb der Koje auf dem Hallenboden verstreut – vielleicht auch der Brilli?

Gute Laune in der Fondation Beyeler

Höhepunkt am Messefreitag ist natürlich wieder der abendliche Empfang in der Fondation Beyeler. Leider diesmal bei ungewohnt garstigem Wetter. Es ist so kühl und nass, dass sich die Gäste lieber auf der überdachten Terrasse drängeln oder im Ausstellungsraum von Sarah Morris aufwärmen, anstatt wie sonst üblich in den wunderbaren Skulpturenpark auszuschwärmen. Entschädigt wird man aber mit einer grandiosen Fernand-Léger-Ausstellung und einer ungewöhnlich üppigen Bewirtung zu Ehren des neuen Direktors Sam Keller, der die Gäste – wie immer bestens gelaunt – begrüßt.

Stars und Sternchen

Der erste offizielle Messetag ist deutlich schlechter besucht, als die exklusive VIP-Preview. Die Vermutung liegt nahe: Es gibt einfach viel mehr VIPs als normale Menschen.

Super: Super8

An fast jeder Ecke rattert, surrt und schnurrt es. Zelluloid is back. Super-8-Projektionen und 16 Millimeter Loops findet man dieses Jahr in fast jedem Gang. Allerdings rechtfertigen nicht alle Arbeiten den Einsatz des Materials. Interessante Schmalfilminstallationen fand man bei der Art Unlimited: Imposant vor allem Damien Ortegas Arbeit "Nine Types of Terrain" – ein Raum in dem gleich neun Projektoren ächzen. Gleichfalls faszinierend: die Installation "Torqued Chandelier Release" (2004) von Rodney Graham, dem selbst 16 Millimeter noch zu mickrig ist und der deshalb auf einem ausgewachsenen Kinoprojektor einen 35-Millimeter-Loop zeigt.

Falckenbergs Geheimtipp

Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg erzählt viel über Galeristen, Sammler und die Kunst – möchte aber am Ende doch nicht zitiert werden. Dann überlegt er und sagt: "Ich kehre am liebsten in das Basler Restaurant 'Zum Alten Warteck' ein, da gibt es den besten Weißwein. Das dürfen Sie schreiben."

Asbach mit bisschen Cola

Im Gespräch mit dem Berliner Galeristen Bruno Brunnet (Contemporary Fine Arts): "Natürlich bin ich beim 'Art Forum' dabei – und auch bei der ABC". Und er hat auch gleich einen Verbesserungsvorschlag: "Asbach mit bisschen Cola" klingt doch viel besser als 'Art Berlin Contemporary'."

Wucherwürstchen im Innenhof

Es wird viel darüber geredet, was die Basler Messe der Art Cologne voraus hat. An einem sonnigen Basler Nachmittag ist die Antwort plötzlich ganz einfach: einen Innenhof. Im großen Patio der Baseler Messe kann man überteuerten Kaffee trinken und Wucherwürstchen verzehren – gut, das kann man in Köln auch. Aber dort herrscht stickige Messeluft, draußen ist grauer April, während in Basel mediterrane Stimmung aufkommt, und der Stoffwechsel durch bessere Luft angeregt wird. Noch ein Eis? Warum nicht. So einfach ist das.