Art Basel 2009 - Kunstmesse

Bling-Bling in Basel

Die Art Basel bleibt eine Messe der Extreme: Nirgends sind die blondierten Mätressen der graumelierten Sammlersenioren jünger, nirgends die Dekolletés der Kunstluder tiefer und die Röcke der Galerie-Assistentinnen kürzer. Und nur in Basel prallt Deutschlands bekannteste Antifrisur (Günther Netzer) auf Hollywoods Ex-"Sexiest Man Alive" (Brad Pitt) und HipHop-Pimp (Pharrell Williams) auf Haute-Couture-Pomp (Karl Lagerfeld). Ein Fazit von art-Redakteur Alain Bieber und ein Video-Kommentar von art-Textchefin Ute Thon und Video-Korrespondent Heinrich Schmidt.
Von wegen Krise:Das Fazit zur Kunstmesse Art Basel 2009

Trotz Kreuz keine Trauerstimmung auf der diesjährigen Art Basel: "Fosbury Flop" (2009) von Valentin Carron im Hintergrund und AIDS sculpture" (1989) von General Idea

In den USA werden die Überreste von General Motors zerfleddert, und in Deutschland hat gerade der Handels- und Touristikkonzern Arcandor die Insolvenz beantragt – in Basel dagegen bekommt man vom Kollaps des Kapitalismus nichts mit. In den Gängen ein Gedränge as usual, Staus in den Kojen und vor den Ständen mit den Lachs-Häppchen. Die Art Basel bleibt einfach die ideale Ablenkung für all die geschundenen Managerherzen, hier kann man abschalten und seine eventuellen Zukunftsängste mit Champagner betäuben. Und auch die Kunst gibt ihr Bestes, um vom Schrecken der Finanzmärkte abzulenken.

In der Sonderaustellung "Art Unlimited", die monumentale Skulpturen und Installationen ausgewählter Galeristen zeigt, die in keine Koje gepasst hätten, glänzt, glitzert, flackert und witzelt es. Extrem dominant sind in diesem Jahr glatte Spiegel- und Metallarbeiten: Matthew Day Jackson zeigt eine gespiegelte Skelett-Familie aus Holzskulpturen, Fabrice Gygi glänzende Metall-Minen, Sarah Oppenheimer eine optische Täuschung mit gleich zwei Spiegeln, und Mai-Thu Perret gruppiert spiegelnde Objekte vor eine Op-Art-Tapete. Außerdem gibt es viele Kunst-Kalauer: Annetta Mona Chisa und Lucia Tkacova übersetzen Blondinenwitze mit Google und setzten die Sprachfetzen in Neonröhren ein, und der italienische Künstler Gabriele di Matteo kopiert bekannte chinesische Kunstwerke ("China – Made in Italy", 2009). Und dazu kommt die übliche Effekthascherei – wie eine neue Nebel-Lichtstrahl-Projektion von Anthony McCall und ein 18 Meter langes Iglu von Hans op de Beeck, in dem man in Dreiergruppen eine Schneelanschaft bestaunen darf.

Ansonsten setzen die Galeristen auf Biennale-Teilnehmer wie Nathalie Djurberg und Fiona Tan, denn das in Venedig investierte Geld muss ja schließlich auch wieder reinkommen, oder auf Künstler, die gerade in großen Museumsausstellungen oder Festivals präsent sind (Sigmar Polke, Marcel van Eeden, Kunsthalle Hamburg; Nan Goldin, Festival Rencontres d`Arles; Roni Horn, Tate Modern).

Auch die Preise sind monumental: Ein Papierschnipsel-Mammut ("Le Verso Versa du Vice Recto", 2000-2007) von Pascale Marthine Tayou kostet 200 000 Euro; das rund 8 Meter hohe Holz-Häuschen von Yoshitomo Nara ("Torre de Málaga", 2007) gibt es für 430 000 Euro; eine Holzskulpturen-Raumtrenner-Installation von Stephan Balkenhol ("Universe", 2008) wird für 1,2 Millionen Euro angeboten, und die wahrscheinlich teuerste Arbeit der "Art Unlimited" sind vier "Cloud Paintings" von Sigmar Polke für rund 8,5 Millionen Euro.

"Und Balkenhol wurde bereits doppelt reserviert", erzählt Victor Gisler von der Zürcher Galerie Mai 36 stolz. Seit zwölf Jahren ist er Mitglied im Galerienbeirat, quasi das Jüngste Gericht der Art Basel. Der Beirat entscheidet, welche Galerien jedes Jahr im hart umkämpften Wettbewerb zugelassen werden. Auch bei der 40. Art Basel haben sich mit 1100 Galerien wieder mehr Aussteller als je zuvor beworben. Rund 300 wurden auserwählt, um in den nächsten Tagen mehr als 2500 Künstler vorzustellen. Das Wort Krise kennt auch Gisler nicht. "Ich bin wie ein handgenähter Schuh", philosophiert er. "So eine Qualität bekommt man nicht überall und Kunst auf diesem Niveau hat auch keine Probleme mit der Krise." Es seien zwar schon weniger amerikanische Sammler gekommen, aber trotzdem noch genug finanzkräftige Käufer. Trotzdem schleicht sich ein Hauch Skepsis ein. "Noch können sich fast alle Galerien halten. Aber 2010 könnte das große Sterben beginnen." Auch sein John Baldessari ("Prima Facie (Fifth State): Organic Order", 2005/7) für 350 000 Euro sei ebenso wie Thomas Ruffs "Zycles 6021" (2009) für 85 000 Euro bereits reserviert.

"Endlich ist das Spektakel kollabiert"

"In diesem Jahr ist das Stresslevel der Galeristen deutlich geringer, weil die Händler erstaunt sind, dass sie überhaupt etwas verkaufen", erzählt schmunzelnd AA Bronson, ein Drittel der Künstlergruppe General Idea und Mitgründer von Printed Matter, der New Yorker Kulteinrichtung für Künstlerpublikationen. In diesem Jahr ist er mit seiner "AIDS sculpture" (1989) sogar Teil des "Public Art Projects", des Sonderprogramms für Kunst im öffentlichen Raum. Bronson ist überzeugt: "Man kann kritische Kunst machen und trotzdem Teil des Kunstmarks sein." Und die Krise? "Ist eine Chance für die Kunst, weil das Spektakel endlich kollabiert ist und der Kunst so wieder neue Möglichkeiten bringt."

Auch der Berliner Galerist Johan König strahlt. In diesem Jahr ist er das erste Mal offiziell dabei – und konnte sofort die Achterbahn-Parkbank "Loop Bench" (2006) des dänischen Künstlers Jeppe Hein, ein "Public Art Project", das publikumswirksam direkt am Haupteingang der Messe plaziert wurde, für über 100 000 Euro verkaufen und dazu noch eine Arbeit von Tatiana Trouvé für rund 60 000 Euro. "Junge Positionen, die nicht so viel Geld kosten, laufen sehr gut", erzählt König. "Aber die Hemmschwelle mehr als 100 000 Euro auszugeben, ist definitiv höher geworden." Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer ist seit seit ersten Art Basel dabei. Und sein Rat an junge Galeristen lautet lapidar: "Durchhalten". Auch er ist überzeugt, dass sich auf so gute Kunst, wie man sie auf der Art Basel sieht, die Krise nicht auswirkt und konstatiert, dass sich die Preise endlich wieder realistisch werden. "Es war ja auch einfach unnatürlich, wenn junge Künstler so schnell ein Preisniveau erreichten, für das man früher zehn Jahre Aufbauarbeit benötigte."

Bling-Bling-Trio: Murakami, Pharrell und Jacob The Jeweler

Natürlich fragen manche Sammler trotzdem konkret nach einem "20-Prozent-Krisen-Rabatt", aber trotzdem scheinen die Sparstrümpfe noch prall genug gefüllt zu sein. Auch die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts hat prompt ein Kaviarbild von Georg Herold für 110 000 Euro an einen Schweizer Sammler verkauft.

Deutlich mehr Kleingeld muss man dagegen für das "Big Retrospective Painting" (1979) von Andy Warhol mitbringen. Der Zürcher Galerist Bruno Bischofberger, der 1969 zusammen mit Andy Warhol das "Interview"-Magazin gründete, hat die wohl teuerste Arbeit der diesjährigen Messe mitgebracht. Kostenpunkt der 22 Quadratmeter großen Warhol-Leinwand: 74 Millionen Euro.

Aber die wohl spektakulärste Kooperation zeigt der französische Galerist Emanuel Perrotin: Marketing-Künstler Takashi Murakami und HipHop-Produzent – und seit neustem auch Möbeldesigner – Pharrell Williams präsentieren zusammen mit dem New Yorker Promijuwelier Jacob The Jeweler die Arbeit "The Simple Things" (2009). Murakami steuerte dafür einen seiner typischen Manga-"Mr. Dob"-Köpfe bei, Pharrell suchte die richtigen Produkte aus (Muffin, Mini-Sneaker, Fläschchen Babylotion, kleine Dose Pepsi), und Jacob durfte diese Objekte dann aus Platin und Gold nachbilden und mit Diamanten, Smaragden und Saphiren bestücken. Direkt neben dem Kunst-Bling-Bling wacht ein eigener Sicherheitsmann (nicht im Preis inbegriffen), und zur Präsentation stand Pharrell brav, wie ein Kunststudent, neben seinem Werk und erklärte den begeisterten Besuchern seine Intention ("Das ist für mich einfach eine neue Form des künstlerischen Ausdrucks") – und gab nebenbei noch ein paar Autogramme. Und es dauerte auch nur eine halbe Stunde, dann war "The Simple Things" für zwei Millionen Dollar bereits an einen anonymen Sammler (P. Diddy?) verkauft.

"Art 40 Basel"

Termin: 10 bis 14. Juni, Messeplatz, Basel
http://www.artbasel.com/

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