Art Basel Miami - Messe

Nicht zu stoppen

Bei der Art Basel Miami zeigt sich: Kunst als Luxusgut ist zwar kein neuer Trend, aber einer, der sich immer stärker etabliert.

Aus dem "Impuls-Kauf", so der enttäuschte Star, wurde nichts: P. Diddy wollte ein vergoldetes Fahrrad-Geflecht von Ai Weiwei für 270 000 Dollar bei der in Luzern und Peking ansässigen Galerie Urs Meile kaufen – doch ein anderer Sammler war schneller.

Das Angebot, sich die Arbeit für 50 Prozent der Kosten die Hälfte der Zeit zu teilen schlug Rapper Diddy aus. Immerhin posierte er mit dem Sammler für ein Foto vor der Wandinstallation. Dann zog der Star mit seiner Entourage, zu der eine Kunstberaterin auf durchsichtigen Plastik-Stilettos und im raschelnden Blumenrock zählte, weiter.

Zuvor hatte P. Diddy bei Lehmann Maupin für 95 000 Dollar Tracey Emins Neon-Arbeit "I Listen To The Ocean And All I Hear Is You" gekauft. Emin, die im Museum of Contemporary Art (MoCA) ihre Ausstellung "Angel Without You" mit mehr als 60 ihrer populären Neon-Schriften aus fast 20 Jahren eröffnete, war der Star der Miami-Woche. Es sieht so aus, als ob es einer der letzten großen MoCA-Auftritte sein wird. Das Museum muss das Gebäude in North Miami, in dem es seit 1996 residiert, verlassen. Sogar ein Zusammenschluss mit dem Bass Museum in Miami Beach wird in Erwägung gezogen. Warum es so lange gedauert hat, dass der Britin Emin eine große Ausstellung in den USA gewidmet wurde, beantwortete ihr Galerist David Maupin so: "Tracey Emin wurde über lange Zeit missverstanden und ihre Arbeiten als ironisch abgetan." Die Messe war für Maupins Galerie, deren chinesischer Künstler Liu Wei in der neuen Ausstellung des Sammler-Paares Mera und Don Rubell "28 Chinese" vertreten ist, ein voller Erfolg. "Die Zeiten haben sich geändert, die Ära der weißen männlichen Maler ist vorbei", meint Maupin. "Starke Frauenpositionen sind gefragt und die Kunstwelt denkt global."

Auch sonst spiegelt die zwölfte Ausgabe der Art Basel Miami Beach die neue Ära des Kunsthandels wieder: Markennamen mit Strahlkraft sind gefragt, die Kunst hat ihren Platz in der Welt der Luxusgüter gefunden. Die großen Galerien mit ihren PR-Teams und ihrer Markenpower dominieren das Geschäft. "Die romantische Vorstellung des Galeristen und seinem Stab von loyalen Künstlern gehört der Vergangenheit an. Es hat sich ein neues System und Geschäftsmodell entwickelt, dem man sich anpassen muss", kommentierte ein europäischer Galerist. Dass man in Miami oft gar nicht mehr recht weiß, bei welcher Großgalerie man sich auf dem Stand befindet, weil vieles so austauschbar wirkt, stört anscheinend weiter keinen. Jeff Koons war nicht nur persönlich anwesend und saß als Gast der Talkrunde von Sammler Eli Broad, der sein neues Museum in Los Angeles vorstellte und mit vielen Koons-Arbeiten füllen wird, in der ersten Reihe, sondern ist gleich auf mehreren Messeständen mit Arbeiten vertreten.

Bei Gagosian dominierte eines von Koons Ostereiern den Stand. Larry Gagosian selbst empfing seine Sammler Cola Light trinkend und entspannt im Sessel sitzend. Bei David Zwirner wartete ein polierter Spielzeugelefant von Koons für 20 Millionen Dollar auf Käufer. Zu 90 Prozent ausverkauft vermeldete White Cube wie gewohnt. Zu den Verkäufen zählte Damian Hirsts neue Glasvitrine nach altbewährtem Muster ("Devil’s Gate"), die mit Schmetterlingen und Käfern gefüllt war und drei Millionen Dollar kostete. Emins Neon-Arbeit "The Last Great Adventure is You" für 106 000 Dollar ging gleich dreimal weg.

Es ein einfaches Rezept meinte die New Yorker Kunsthändlerin Barbara Gladstone. "Gute Auktionsergebnisse geben den Leuten Vertrauen." Sie verkaufte bereits in den ersten Stunden einen Print von Sammler-Liebling Barbara Kruger mit den Worten "Value" für 275 000 Dollar. Zur gefragten jüngeren Generation zählen Namen wie Sterling Ruby, dessen Spray-Painting "SP256" sich für 550  000 Dollar bei Sprüth Magers verkaufte, die mit recycelten Motiven bedruckten Matratzen von Wade Guyton and Kelley Walker, die für 65 000 Dollar bei Greene Naftali weggingen und der New Yorker Tätowier-Künstler Scott Campbell, dessen Dollarnoten-Aquarelle oder Aquarellzeichnungen von Tätowiergeräten aus mexikanischen Gefängnissen mit Preisen von 38 000 bis 40  000 Dollar sich bei der Galerie Gmurzynska gleich mehrfach verkauften. Werke von Robert Indiana, der in seinen späten Jahren als große Wiederentdeckung und mit einer Ausstellung im Whitney Museum gefeiert wird, taten sich allerdings ebenso schwer wie ein Ölgemälde von Action-Star Sylvester Stallone (zum Preis von 60  000 Dollar).

"Es sind die Sammler aus Lateinamerika und die vielen Leute aus aller Welt, die in Miami ihre Winterresidenzen haben, die diese Messe so interessant für uns machen", meint Karin Seiz, Co-Direktorin von Urs Meile. Auch Burkhard Riemschneider von der Berliner Galerie neugerriemschneider sieht den Vorteil der Miami-Show in den Sammlern aus Lateinamerika, die zu Besuch kommen. Um "in einer unwirtlichen Messesituation eine Umgebung zu schaffen, in der man sich die Zeit nimmt, über Kunst zu reden", ließ er den in Kuba geborenen Künstler Jorge Pardo den Stand samt Couchen, Lampen, Vorhängen, Tischen und Tresen, in dem sich eine voll ausgestattete Tequila-Bar befindet, gestalten. Natürlich wird auch bei neugerriemschneider nicht nur über Kunst diskutiert, sondern auch verkauft. Am besten liefen Pardos Lampendesigns. Leider machten es sich einige Messegäste zu bequem oder missverstanden die ganze Aktion und legten die Füße auf den Kunstcouchen hoch.

Ólafur Elíasson, der seine Solar-Sonnen (für 30 Dollar) am Stand der Fondation Beyeler verkaufte, schaute in Pardos bunter Kunst-Lounge vorbei. Die zweite gastfreundliche Messeattraktion stammt von den beiden Künstlern Naomi Fisher und Jim Drain, die in einer mit Palmen und Tarnnetzen dekorierten Lounge in der NOVA-Sektion Kokosnuss-Saft ausschenkten. Ein Mann im Bob-Marley-T-Shirt öffnete die frischen Kokosnüsse mit einem gewaltigen Messer und servierte die Palmenfrüchte mit Strohhalm.

Gerüchte, dass die Schweizer Erfolgsmesse das Sonnenparadies von Miami verlassen würde, um nach San Francisco zu ziehen, womit all die großangelegten Zukunftspläne für die Stadt geplatzt wären, wurden am Eröffnungstag von Messechef Marc Spiegler aus dem Weg geräumt. "Die Messe bleibt in Miami", versicherte Spiegler. Das alte, alles andere als glamouröse Messezentrum soll in den nächsten Jahren unter der Leitung des Architekturbüros OMA und Rem Koolhaas in mehreren Phasen neu gebaut werden. Doch es wird sichergestellt, dass die Messe auch während der Bauarbeiten weiterlaufen kann.

So ging alles friedlich geschäftlich seinen Gang. Obwohl die New York Times aus weiter Ferne vorab prophezeit hatte, dass die vielen Partys, Cocktailempfänge und PR-Veranstaltungen, die sich an die Messe hängen, von der Kunst ablenken und die Geschäfte verderben werden. Prominente Gäste wie Ex-Supermodel Elle MacPherson, die auf diversen Veranstaltungen auftauchte, ohne jemals die Sonnenbrille von der Nase zu nehmen, gaben sich wieder die Ehre. Hip-Hopper Pharrell Williams besuchte den Pariser Galeristen Emmanuel Perrotin. Hollywood-Produzent Brian Grazer wunderte sich über die horrenden Preise, Leonardo DiCaprio schlenderte durch die Kojen. Der deutsche Fußballer Michael Ballack plauderte mit Ex-Auktionator Simon de Pury. 15 Satellitenmessen, darunter Untitled und Scope am Strand von Miami Beach, und die beliebte NADA-Messe im Deauville Beach Resort finden in diesen Tagen in Miami statt. "More, More, More, More" ("Mehr") verkündete Doug Aitken in kantigen Spiegel-Lettern am Stand der New Yorker Galerie 303. Es soll das am meisten auf Instagram gepostete Bild der Messe sein.

Art Basel Miami Beach

bis 8. Dezember
https://www.artbasel.com/en/miami-beach