Art Forum 2010 - Berlin

Jenseits von Eden

Das Berliner Art Forum präsentiert sich aufgeräumter denn je: weniger Galerien, mehr Platz, mehr Einzelpräsentationen. Was immer noch fehlt, sind das internationale Publikum, potente Sammler und überhaupt ein bisschen mehr Glamour.

Am Hammarskjöldplatz flattern die Fahnen der Weltnationen im Wind, die Sonne lässt die Messehallen erstrahlen, im Garten glitzern die Springbrunnen – ein idealer Tag für die Eröffnung des Art Forum. Es ist das zweite Mal, dass sich die Berliner Kunstmesse unter den neuen Leitern aus Basel, Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch, präsentiert, und fast scheint es, als hätten sie auch das Wetter aus der Schweiz importiert. Nachdem sie bei ihrem Einstieg im letzten Jahr noch vieles beim Alten gelassen hatten, haben sie das Konzept diesmal deutlich umgekrempelt. Die Teilnehmerzahl wurde noch einmal reduziert auf nun rund 100 Galerien und die Ausstellungsfläche auf die beiden Licht durchfluteten historischen Messehallen 18 und 20 beschränkt.

Die jungen Galerien, die zu reduzierten Kojenpreisen teilnehmen und früher in einer unattraktiveren dritten Halle abgeschottet wurden, sind nun direkt zwischen "großen" Galerien eingestreut. So kommt es, dass nun schräg gegenüber einem Big Player wie Eigen+Art die absolute Newcomerin Tanja Wagner ihre Koje aufgebaut hat, oder Martin Klosterfelde und Esther Schipper die junge schwedische Galerie Belenius zum Nachbarn haben.

Der neue Hallenplan sorgt für ein luftiges, kunstfreundliches Ambiente. Zudem haben sich auffallend viele Galerien für Einzelpräsentationen entschieden, ein fürs Auge wohltuendes, aber vom Verkaufsaspekt eher risikoreiches Konzept. So zeigt Neugeriemenschneider kühle Edelstahl-Möbel und einen Peugeot im Glaskasten – Arbeiten von Rikrit Tiravanija, der mit eben diesem Kleinwagen einst durch Berlin kurvte (Preis auf Anfrage). Die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann hat Popart und Trickfilme aus Japan mitgebracht: Die quietschbunten Grafiken mit Flowerpower-Motiven, Twiggy- und Beatles-Referenzen stammen von Keiichi Tanaami, einem inzwischen über 70-jährigen Künstler aus Tokio, der in seiner Heimat Kultstatus besitzt und jüngere Künstler wie Takashi Murakami maßgeblich beeinflusst hat – eine Entdeckung und bei Preisen zwischen 2000 und 4000 Euro ein echtes Schnäppchen.

Matthias Arndt präsentiert postkartengroße Zeichnungen von Ralf Ziervogel (3000 Euro). Dazu hat er die Koje in zwei V-förmige Kabinette verwandelt, in denen die Zeichnungen wie Ikonen auf kleinen Holzregalen stehen. Die Pariser Galerie Lambert zeigt eine elegante Einzelschau mit Arbeiten des Künstlers Douglas Gordon. Thomas Schulte hat Hermann Pitz, einen Berliner Künstler der achtziger Jahre, wiederentdeckt. Die Berliner Kunstagenten haben in ihrer Koje einen Turm gebaut, an dem die amerikanische Roadtrip-Fotoserie des Künstlerteams Taiyo Onorato & Nico Krebs besonders gut zur Geltung kommt. Und Contemporary Fine Arts hat drei riesige Glasvitrinen mit Materialcollagen des jungen Hamburger Künstlers Max Frisinger aufgestellt (35 000 Euro).

Was die Preise angeht, haben die Aussteller ihre Erwartungen offenbar von vornherein heruntergeschraubt und eher Kunst im vier- bis fünfstelligen Bereich mitgebracht. Zwar gibt es bei der dänischen Galerie Bo Bjerggaard auch Polke-Gouachen für 220 000 Euro oder ein Baselitz-Gemälde für 375 000 Euro und Clemens Fahnemann bietet einen Imi-Knoebel-Raum für 240 000 Euro an. Aber das Gros der Galeristen setzt auf preiswertere Angebote. Und bei den jungen Galerien sind die Preise ohnehin moderat. So bietet Jette Rudolph schöne Papiercollagen des Wiener Künstlers Konstantin Luser für 2500 Euro an und für die Freunde praktischer Skulpuren ein Feldbett mit multiblen Bierflaschenhaltern für 5400 Euro. Selbst Judy Lybke hat etwas für den kleinen Geldbeutel dabei: An der Außenwand des Leipziger Erfolgsgaleristen hängen übermalte Fotos des Künstlers Jörg Herold für 800 Euro das Stück. Ansonsten setzt Eigen+Art auf die verdienten Zugpferde der Galerie: Martin Eders großformatige Kreidezeichungen sind für 16 000 Euro das Stück schon verkauft, ebenso kleinformatige, romantische Bilder von Matthias Weischer (16 000 bis 30 000 Euro). Und auch das große Bild von Neo Rauch ist für 430 000 Euro schon reserviert.

Es muss ja nicht gleich Brad Pitt oder Claudia Schiffer sein

Global Player wie Lybke könnten wahrscheinlich auch bei einer Messe in Sibieren noch prima Geschäfte machen. Doch für viele kleinere Galerien, so hört man zumindest hinter vorgehaltener Hand, ist das Art Forum immer noch ein zähes Geschäft. Trotz neuer Aufgeräumtheit, trotz Schweizer Know How, ist Berlin eben doch nicht Basel – oder London oder Miami. Am Eröffnungstag sieht man zwar die üblichen Sammler, Christian Boros, Axel Haubrok, Harald Falckenberg... Aber es fehlt immer noch die internationale Klientel. Und mit der fatalen Termindichte in diesem Jahr, wo die Londoner Frieze und die FIAC in Paris im Wochenturnus folgen, haben viele in diesem Herbst auf den Zwischenstopp in Berlin verzichtet. Auch einige der wichtigen Berliner Galerien, Hetzler und Sprüth/Magers, meinten, sich diesmal den Berliner Termin schenken zu können. Das darf einer Messe, die in der Topliga spielen will, eigentlich nicht passieren. Und auch, dass verdiente Berliner Galeristen wie Friedrich Loock von der Jury ausmustert werden, ist kein ermutigendes Zeichen.

So vermisst man beim Schlendern durch die lichten Hallen das Premierenkribbeln, die Must-See-Atmosphäre – und ein bisschen auch den Hype, den VIP-Auftritte so einer Veranstaltung verleihen. Es muss ja nicht gleich Brad Pitt oder Claudia Schiffer sein. Aber dass am Vernissagetag mit dem Erscheinen von Rolf Eden, dem reichlich in die Jahre gekommenen Berliner Playboy und Nachtclubbesitzer schon die Spitze des Promifaktors erreicht sein soll, ist schon ein wenig enttäuschend. Und man fragt sich mal wieder kopfschüttelnd, warum es Berlin trotz super Kunstszene, super Messelocation und supercoolem Image nicht schafft, auch eine ebenso supercoole Kunstmesse auf die Beine zu stellen.

Art Forum Berlin

Termin: bis 10.Oktober 2010 in der Messe Berlin
http://www.art-forum-berlin.de