Marc Spiegler - Art Basel

Die Messlatte liegt sehr hoch

Die "Art Basel" findet in diesem Jahr unter neuer Leitung statt. Als Sam Kellers Nachfolger wurde eine Dreierspitze gewählt. Doch bereits vor Messestart kündigte die künstlerische Leiterin Cay Sophie Rabinowitz. art-Redakteurin Ute Thon sprach mit Marc Spiegler, einem der verbleibenden Messechefs. Der gebürtige US-Amerikaner, zuvor freier Journalist, leitet die Messe nun gemeinsam mit der Schweizerin Annette Schönholzer.
"Die Messlatte liegt sehr hoch":Interview mit "Art Basel"-Leiter Marc Spiegler

Seitenwechsel ohne Herzverpflanzung: "Art Basel"-Chef Marc Spiegler

Herr Spiegler, was ist plötzlich los bei der guten alten, krisenresitenten "Art Basel"? Nach nur vier Monaten hat sich die künstlerische Leiterin aus der neuen Dreierspitze verabschiedet.

Marc Spiegler: Für die 39. "Art Basel" gibt es keinen Grund zur Sorge. Cay Sophie Rabinowitz hat aus persönlichen Gründen gekündigt und wird uns weiter unterstützen, soweit das nötig ist.

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Welche Auswirkungen hat die Kündigung auf die aktuelle Messe?

Angesichts des späten Zeitpunkts hat ihr Weggang nur einen minimalen Effekt auf die Schau. Denn den größten Einfluss hat man als Direktor in der frühen Phase, in der die Messe konzipiert wird. Jetzt liegt alles in den Händen unseres Teams und bei den Galerien, die wir ausgewählt haben.

Wird die Position neu besetzt?

Die Messe Schweiz hat beschlossen, dass Annette Schönholzer und ich die beiden Messen auch ohne einen künstlerischen Direktor leiten können. Cay Sophies Aufgaben wurden zwischen uns beiden aufgeteilt. Und wir werden für spezielle Sektionen mit Kuratoren von außen zusammenarbeiten – so wie wir das auch schon früher getan haben.

Sie sind eigentlich Journalist und haben lange kritisch über den Kunstmarkt berichtet. Was hat Sie veranlasst, die Seite zu wechseln?

Ich musste mir kein neues Herz für den Job einpflanzen lassen. In meinen Artikeln habe ich immer eine eindeutige Meinung vertreten, sehr stark gegen Spekulation und für seriöse Galeriearbeit als Plattform, auf der Künstlerkarrieren aufgebaut und weiterentwickelt werden. In diesem Sinne sehe ich meinen Job bei der "Art Basel" als Fortführung dieser Haltung. Wir befinden uns an einem Punkt, wo die Galeristen in Wettbewerb mit anderen Kräften des Marktes treten und erkennen, dass die Art Basel die stärkste Plattform ist, um mit anderen Galerien zusammenzuarbeiten.

"Unsere Stärke war immer die Balance zwischen historischen und zeitgenössischen Positionen"



Es fällt auf, dass Sie gern das Wort 'Plattform' benutzen, wenn Sie von der Messe sprechen, obwohl es doch eigentlich ums Verkaufen geht. Ist Ihnen der Marktaspekt nicht geheuer?

Wir machen zwei Messen, und die dauern sieben Tage, doch unsere Beziehungen zu den Galerien bestehen das ganze Jahr über. Wenn wir von Plattform reden, meinen wir damit, dass wir den Galerien nicht einfach nur ein paar Quadratmeter Ausstellungsfläche vermieten, wir verkaufen ihnen eine Plattform, auf der sie ihre Künstler präsentieren und neue Leute kennen lernen können.

Wird es sichtbare Veränderungen auf der diesjährigen Messe geben?

Die größte Veränderung wird sein, dass wir die Gesprächsrunden und Präsentationen der Schau, "Art Basel Conversation" und "Art Lobby", in den Ausstellungsbereich der "Art Unlimited" in Halle 1 integrieren. Daneben wird es eine Videothek geben, eine Ausstellung über Magazine, die von Künstlern gestaltet worden sind, kuratiert von Lionel Bovier, und einen Buchladen. Das Konzept dahinter ist, dass wir die Diskussionen über Kunst und die Kunstwelt nicht von den Kunstwerken separieren wollen.

Wie viele Zusatzveranstaltungen braucht eine Kunstmesse eigentlich?

Es geht hier nicht um Quantität, sondern um Qualität. Neben den Hauptsektionen der "Art Basel" bieten wir ein üppiges Programm, zu dem auch die Performance "Drama Queens" von Elmgreen & Dragset gehört, ein Kunstfilmprogramm und Events im Kunstmuseum, der Kunsthalle, dem Tinguely-Museum und dem Schaulager. Aber all diese Sachen finden statt, nachdem die Messe geschlossen hat und konkurrieren nicht mit der Arbeit unserer Galeristen, sondern machen die Woche attraktiver für Kunstliebhaber.

Reizthema Galerienauswahl: Eine Messe braucht neue Galerien, um spannend zu bleiben. Andererseits will kaum ein Galerist freiwillig seine Koje aufgeben, wenn er erst einmal auf der "Art Basel" gelandet ist. Wie lösen Sie das Problem?

Natürlich gibt es viele gute junge Galerien. Doch die Stärke der "Art Basel" war immer ihre Balance zwischen den historischen und den zeitgenössischen Positionen. Diese Balance wollen wir erhalten. Deshalb liegt die Messlatte für neue Galeriebewerber sehr hoch. Nicht jede gute junge Galerie hat das Zeug, eine wirklich gute Koje zu gestalten. Unser Auswahlkomitee geht deshalb auch auf andere Messen, um zu sehen, wer reif dafür ist, auf unserem Spielfeld mitzuspielen. Aber natürlich sehen wir auch gute Galerien, die wir gern bei uns gehabt hätten, für die es aber keinen Platz mehr gibt. Generell ist es für eine Galerie sogar gefährlicher, zu früh bei uns zu landen, dann das Level nicht halten zu können und nicht wieder zugelassen zu werden.

Seit einigen Jahren ist es unter Messebetreibern üblich geworden, von den Galerien schon für die Bewerbung bis zu 1000 Euro zu kassieren. Auch die "Art Basel" verlangt 500 Franken. Ist das nicht eine Form von Abzockerei?

Unser Bewerbungsverfahren ist mit Sicherheit keine Geldmaschine für die "Art Basel". Es ist ein sehr arbeitsintensiver Prozess, bei dem wir nichts verdienen. Das Auswahlkomitee ist 25 Tage damit beschäftigt, das Material durchzugehen und eine Entscheidung zu treffen. Wir bekommen rund 1000 Bewerbungen mit Katalogen und Videos. Kurz vor den Jury-Sitzungen sieht es in unseren Büros aus, als hätte jemand einen ganzen Buchladen abgeladen. Und was sind letztlich 500 Schweizer Franken? Eine Rechnung für einen Restaurantbesuch mit Kunden vielleicht. Dafür bekommen die Bewerber einen rigoroses, professionelles Verfahren. Das ist die Sache wert.

Stehen Sie unter dem Druck, wirtschaftlich erfolgreich sein zu müssen?

Die Messe Schweiz ist kein Wohltätigkeitsverein. Aber das Unternehmen versteht auch, dass es nicht um Gewinnmaximierung von Jahr zu Jahr geht, sondern etwas aufzubauen, dass langfristig Zukunft hat. Wir wollen wirtschaftlich erfolgreich sein, aber nicht um jeden Preis.

Ständig entstehen neue Messen – letztes Jahr in Miami gab es neben der "Art Basel" 22 Nebenmessen. Das empfinden viele Besucher schon als Zumutung. Stört Sie die inflationäre Entwicklung?

Unsere Strategie ist gleich geblieben. Wir wollen eine Messe auf höchster Qualität produzieren. In Miami hatte das Überangebot den Effekt, dass sich die Leute wieder mehr aufs Wesentliche konzentrieren. Anstatt alle Messen zu sehen, was schlicht unmöglich war, kamen sie zu uns, schauten sich vielleicht noch ein paar Privatsammlungen und Museumsausstellungen an und genossen ansonsten Miami im Winter.

In Berlin hat eine Gruppe von Galeristen mit dem "Gallery Weekend" eine erfolgreiche Alternative zum Messerummel organisiert. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Im Gegenteil. Solche Initiativen unterstützen wir aus vollem Herzen. In einer idealen Kunstwelt kaufen Sammler und Kuratoren nicht nur auf Messen, sondern die Messen dienen als Ausgangspunkt für das Abenteuer, das einen Sammler zum Künstler und dessen Galerie führt. Events wie das "Gallery Weekend" verlocken Sammler dazu, Galerien, die sie auf der "Art Basel" entdeckt haben, in Berlin in ihren eigenen Räumen zu besuchen.

"Jeder, der in Deutschland ein halbwegs gutes Einkommen hat, braucht eine gute Ausrede, keine Kunst zu sammeln."



Sie sehen Galerien, Ausstellungen und Messen auf der ganzen Welt. Haben Sie neue Trends entdeckt?

Es gibt eine interessante Rückkehr zu historischen Bewegungen. Das Pendel schwingt wieder zurück. Nachdem die Kunstwelt sich die letzten fünf, sechs Jahre nur auf das heißeste, allerneuste Ding konzentriert hat, gibt es jetzt wieder einen stärkeren Fokus auf Künstler, die schon auf eine längere künstlerische Praxis zurückblicken können.

Ist der Hype um junge deutsche Kunst immer noch genauso stark wie vor ein paar Jahren?

Jeder, der in Deutschland ein halbwegs gutes Einkommen hat, braucht eine gute Ausrede, keine Kunst zu sammeln. Es gibt hier wirklich ein Publikum und ein solides Fundament für Galerien und Museen. Ich kann mich an keine Phase der letzten 40 Jahre erinnern, wo Deutschland nicht starke Kunst hervorgebracht hat.

Obwohl Deutschland hohes kulturelles Ansehen genießt und seine Künstler eine starke Marktposition haben, gibt es hier keine wirklich international bedeutende Kunstmesse. Woran liegt das?

Vielleicht, weil die Art Basel zu stark ist. Nein, Spass beiseite, diese Frage müssen Sie den deutschen Messeveranstaltern stellen. Wir geben grundsätzlich keine Kommentare zu anderen Messen ab. Aber vielleicht liegt die Antwort in der Geschichte der Bundesrepublik. Es gibt nicht diese zentralistischen Strukturen wie in England oder Frankreich. Satt dessen wird die Kulturpolitik in Deutschland von konkurrierenden Interessen der verschiedenen Bundesländer bestimmt.

Die "Art Cologne", Deutschlands älteste Kunstmesse, versucht gerade ein Comeback. Als neuer Direktor wurde Daniel Hug benannt, ein Galerist aus Los Angeles. Kennen Sie ihn?

Er war letztes Jahr als Aussteller in Miami, und ich habe ihn vor Jahren mal in Chicago getroffen. Aber wir sind weder Freunde noch Feinde. Für Köln wünschen wir ihm alles Gute.

Wie oft holen Sie sich noch Rat bei Ihrem Vorgänger Sam Keller?

Wir schätzen seine Meinung, aber mit der täglichen Organisation hat er nichts mehr zu tun. Sam hat jetzt ein Museum zu leiten.

"Art Basel"

Auf der "Art Basel" (4. bis 8. Juni) präsentieren 300 internationale Galerien die Werke von über 2000 Künstlern. Zudem bietet die Messe ein umfangreiches Rahmenprogramm, darunter auch ein Konzert mit Patti Smith und ein Kunstprojekt von Malcolm McLaren. Es gibt fünf Satellitenmessen: Volta4, Lista 08, Bâlelatina, Scope und Design Miami/Basel sowie die Swiss Art Awards. Außerdem laden die örtlichen Museen zu Special Events.
http://www.artbasel.com/