Florian Illies - Interview

Nun bin ich bei meiner großen Leidenschaft angekommen

Es war eine kleine Sensation im deutschen Kulturjournalismus: Florian Illies, Bestseller-Autor und Leiter des Feuilletons der Zeit, wechselte zum Berliner Auktionshaus Villa Grisebach. Warum er den Journalismus aufgab, erklärt er nun art-Korrespondent Kito Nedo.
Die Renaissance des 19. Jahrhunderts:Florian Illies im Gespräch

Florian Illies: "In dem Moment, als ich von Bernd Schultz gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, als Partner zur Villa Grisebach zu kommen, war mir sehr schnell klar, dass ich das möchte"

Herr Illies, diesen Mittwoch starten die Grisebach-Herbstauktionen mit der Kunst des 19. Jahrhunderts – Landschaften, Ruinenromantik, Bürgerfamilienporträts und Skizzenbuchblätter. Was bedeuten diese Bilder in unserer Gegenwart?

Es gibt viele Möglichkeiten, sich diesem aufregenden 19. Jahrhundert zu nähern. Wir haben uns bemüht, Werke auszuwählen, die uns ansprechen und begeistern, die uns sogar atemlos machen aufgrund der handwerklichen Qualität, aber auch der Modernität, die man da plötzlich sieht.

Wir haben uns umgekehrt entschieden, das, was den schlechten Ruf des 19. Jahrhunderts lange begründet hat, auszublenden: das Genrehafte, Anekdotische, Ausgemalte der Bilder, was oft in eine gewisse Steifheit mündet. Dies ist eine ganz bewusste Konzentration: Die Auswahl von 85 Bildern und Zeichnungen erzählt eine kleine Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert, vor allem in Deutschland und Frankreich. Das Augenmerk liegt auf Kunst, die uns heute noch zu berühren vermag.

Verbirgt sich hinter Ihrer Auswahl ein kuratorischer Anspruch?

Es wäre vermessen, das zu sagen. Das ist ein großes Modewort, heute kuratiert auch jeder Jeansladenbesitzer gerne seinen Laden. Man kann ja auch nur mit den Werken arbeiten, die man in genau diesem Moment und in diesen Monaten findet; dieses Material entsteht jedes Mal neu durch Zufälle, Hartnäckigkeit und andere Faktoren. Ich hoffe aber, dass es eine geheime Verbindung gibt. Es ist ein ganz bewusster Blick darauf, wo die Qualitäten dieses Jahrhunderts liegen.

Welche Qualitäten meinen Sie?

Sie liegen zunehmend – so wird es heute von uns wahrgenommen – im Studienhaften, im Skizzenhaften und natürlich in der handwerklichen Perfektion, die damals herrschte. Sie liegen in der Fähigkeit, Stimmungsmalerei zu betreiben, so viel in ein Bild hineinzulegen, dass es auch heute noch zu einem spricht, in seiner Melancholie, Freude oder ähnlichem. Es ist eine große Aufgabe, zu sagen: Okay das 19. Jahrhundert ist auch anders, anders als unser Zerrbild, unser Negativbild davon. Doch ich bemerke bei vielen Leuten, die sich hier die Bilder ansehen oder einen ersten Blick in den Katalog werfen, dass da etwas zurückkommt.

Welche Funktion hat die Kunst des 19. Jahrhunderts innerhalb des Kunstmarktes?

Der Kunsthandel spielt eine ganz zentrale Rolle für die Kunst des 19. Jahrhunderts. Neben den Auktionshäusern sind es vor allem eine Handvoll Galerien in München, Hamburg und Frankfurt, die hochwertige Spitzenqualität anbieten. Dennoch, die große Aufmerksamkeit eines breiten Publikums findet dieses Jahrhundert noch nicht. Gerade mehren sich aber die Anzeichen, dass sich das ändert.

Woran erkennt man den Wandel?

Man sieht es einerseits an den steigenden Preisen. Ölstudien haben in kleineren Auktionshäusern plötzlich fünf, sechs, sieben Telefonbieter und die Preise klettern von 800 auf 8000 Euro. Verglichen mit den Preisen für eine Leinwandarbeit eines guten Akademieschülers der Gegenwart erscheint dieses Preisgefüge dennoch sehr moderat. Auffällig ist auch das große Interesse amerikanischer Museen: Sie sind im letzten Jahrzehnt massiv als Käufer deutscher Romantik, des deutschen 19. Jahrhunderts aufgetreten. Anders als bei den dortigen Museumsleuten wurde in Deutschland selbst noch nicht erkannt, was hierzulande für bedeutende Kunst entstanden ist. Ein weiteres wichtiges Anzeichen sind die Pläne der Londoner Frieze-Kunstmesse, sich im nächsten Jahr um die "Frieze masters" zu erweitern. Parallel zur Zeitgenossenmesse soll eine Messe für Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert stattfinden. Dass es gerade die seismografisch so perfekte Frieze ist, das finde ich sehr interessant.

Wo sehen Sie die Schnittstellen des jungen deutschen Geschmacksbürgertums mit der Romantik, des Biedermeiers und den Deutschrömern? Ist es nicht vielmehr so, dass die Schnörkellosigkeit der Moderne das ästhetische Ideal vorgibt?

Irgendwann gibt es eine gewisse Müdigkeit gegenüber der 50. Wohnung mit Eames-Möbeln und der Thomas Ruff-Fotografie obendrüber. Das war das dominierende Stilideal der letzten Jahre, dass sich wie eine ästhetische Weltformel herausgebildet hat. Dazu gibt es eine antizyklische Bewegung, die entsteht, wenn das vermeintlich Individuelle plötzlich sehr konform wirkt. Die Menschen mit denen ich spreche und die sich interessieren, sind einfach neugierig und versuchen sich auf etwas anderes einzulassen. Es handelt sich hier um ein im besten Sinne "unbekanntes Land".

Woran liegt das?

Durch die Liebe, die gewissen Künstlern, wie etwa Spitzweg im Dritten Reich zuteil wurde, ist das ganze Jahrhundert in Misskredit geraten. Die ganze Nachkriegszeit hindurch hat es quasi keine Beschäftigung mit dieser Kunst gegeben, auch kunsthistorisch nicht. Die Generation, die im Nachkriegsdeutschland angefangen hat zu studieren oder zu sammeln, hat sich verständlicherweise anderen Zeiten und vor allem ihrer Gegenwart zugewandt. In den Museen hat man sich darum bemüht, die als entartet gebrandmarkten Künstler wieder zu sammeln und zu rehabilitieren. Für das 19. Jahrhundert war einfach kein Platz.

Inwieweit hat sich die Wiedervereinigung auf den Markt ausgewirkt? Einige Provenienzen verweisen auf Sammlungen in Thüringen oder Sachsen, besonders Dresden. Setzt sich in den neuen Bundesländern gerade eine historische Reserve frei?

Privater Kunstbesitz in der DDR war schwierig bis unmöglich. Zugleich gibt es in Dresden manch wunderbar renitentes Bürgertum, dem es gelungen ist, die Kunst über die verschiedensten Reiche hinweg zu bewahren. Wichtiger aber ist es, dass wir diesen Raum erst wieder für uns erobern können: die Dresdener Malerei oder die norddeutsche Romantik, die letztlich in Greifswald und in Pommern geboren wurde. Wir alle sind Sinnesmenschen, und erst durch die Erfahrung des Himmels in Dresden kann man auch die malerische Umsetzung eines solchen Himmels würdigen. 200 Jahre später steht man vor diesen Bildern und kann sagen: Es sind immer noch dieselben Wolken, die sich in dieser spezifischen Elbtal-Situation abbilden. Es hat schon viel damit zu tun, dass dieses Land, in dem diese Kunst entstand, wieder offen und frei ist.

Wann entzündete sich eigentlich Ihre Begeisterung für das 19. Jahrhundert?

Schon während des Studiums der Kunstgeschichte habe ich mich vor allem mit dieser Kunst beschäftigt. Meine Magisterarbeit habe ich damals über Geschmackswandel im 19. Jahrhundert geschrieben. Im schönen Fach "History of Taste" hat mich immer ungeheuerlich fasziniert, welche geheimen Mechanismen Geschmacksveränderungen zugrunde liegen, welchen Einfluss sie auf Bevorzugung von Künstlern und Zuschreibungen, Abschreibungen et cetera haben. Seit 20 Jahren gehört meine persönliche Liebe dem 19. Jahrhundert und der Ölstudie. Die habe ich über all die Zeiten und journalistischen Stationen und auch über die Zeit bei "Monopol" gepflegt. Nun bin ich sozusagen ganz bei meinen Ursprüngen, meiner großen Leidenschaft angekommen. Der Wechsel zu Grisebach war also für die Öffentlichkeit weit überraschender als für mich selbst.

In den letzten Wochen war der Kunsthandel vor allem durch Berichte über den Beltracchi-Prozess und die "Sammlung Jägers" in den Medien präsent – wie gehen die Auktionshäuser eigentlich mit der Verunsicherung und dem Misstrauen um?

Das Haus Villa Grisebach musste seine Prinzipien bei der Prüfung von Werken nicht verändern. Für alle 1466 Werke, die wir in der Herbstauktion präsentieren, wurde eine sehr umfassende Prüfung vorgenommen. Hier herrscht allerhöchste Sorgfalt bei der Beurteilung und Einschätzung der eingelieferten Werke. Wenn irgendwelche Formen von Zweifel bestehen, werden diese mit Hilfe der maßgeblichen Experten verfolgt – das war immer zentral für dieses Haus, darauf gründet sein Ruf.

Aber stellt der Fall Beltracchi nicht gerade das Experten-Prinzip sehr in Frage?

Kunst und Kennerschaft sind immer eng verbunden. Wir müssen auch künftig den Experten trauen, das ist ein Fundament dieses Systems. Dass aber überall die Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Skepsis durch diesen Prozess noch größer geworden sind, ist im Sinne der Kunst nur gut.

Sie sind als Partner und Teil der Geschäftsführung zu Grisebach gestoßen – was waren die Gründe, die sie bewogen haben, sich so schnell und fest an das Haus zu binden?

Wenn man so einen grundsätzlichen Wechsel im Berufsleben vollzieht, dann muss das sehr gut überlegt sein. Es geht nicht darum, etwas probeweise zu tun, sondern ganz oder gar nicht. So habe ich immer beruflich gearbeitet. In dem Moment, als ich von Bernd Schultz gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, als Partner zur Villa Grisebach zu kommen, war mir sehr schnell klar, dass ich das möchte. Diese Kombination aus Unternehmertum und sehr vertiefender kunsthistorischer Arbeit – die hat mich sehr gereizt.

Sie sind ein gefeierter Bestseller-Autor und erfolgreicher Medienunternehmer – sie haben das kulturelle Selbstverständnis der Generation Berlin geprägt – nun verkaufen Sie Bilder. Haben Sie keine Angst, sich bald zu langweilen?

Nein. So aufregend wie die ersten Monate waren – diese Angst habe ich wirklich überhaupt nicht.

Zuletzt haben Sie als Feuilleton-Chef der Wochenzeitung "Die Zeit" gearbeitet. Ist es um das deutsche Feuilleton so schlimm bestellt, dass sie nun das Weite suchen?

Überhaupt gar nicht, ich glaube wir dürfen uns wirklich sehr freuen: Der deutsche Kulturjournalismus ist in seiner Fülle und in seinem Anspruch weltweit einzigartig. Ich habe bei der FAZ, der Monopol und der Zeit mit sehr vielen wunderbaren Kollegen zusammengearbeitet. Mit dem Zustand der Branche hat meine persönliche Entscheidung nichts zu tun. Das ist keine diplomatische Antwort, sondern eine sehr ehrliche.

Im letzten Jahr hat der Schauspieler und Kunstliebhaber Steve Martin mit "An Object of Beauty" einen schönen Roman über den New Yorker Kunsthandel geschrieben. Können Sie ausschließen, dass Sie die Erfahrungen, die Sie nun sammeln irgendwann in Romanform verarbeiten?

Diskretion ist neben der Kennerschaft das höchste Gut des Kunsthändlers. Deswegen müssen und werden meine Autorenambitionen ganz sicher in andere Gebiete fließen.