Basler Leckerli - Messe

Höhlenschau und Sammlerglück

Sie ist immer noch die wichtigste Messe der Welt. Auch wenn dieses Jahr kaum Hollywood-Prominente auf der Art Basel gesichtet wurden. Die art-Redaktion berichtet von den Messehallen, in denen sich die Welt trifft.
Exklusiv für alle:Ein Rundgang über die Art Basel

Zwei Besucher vor dem Stand der Stephen Friedman Gallery, London

Es ist exklusiv, aber für alle

Es ist voll. Überall. Voll in den Kojen der Galerien. Voll vor den Imbissständen im Innenhof, wo eine Bratwurst 8 Franken (6,60 Euro) kostet. Am Eingang stauen sich die Besuchermassen, am Ausgang stauen sich die, die das Gebäude verlassen wollen. Selbst auf der Herrentoilette wird gewartet. "First Choice" heißt die Parole am Dienstag, sie suggeriert den frühen Zugriff, den exklusiven Rundgang. Aber der Andrang ist derartig groß, dass sich das Treiben auf der Messe kaum von einem Publikumstag unterscheiden lässt.

Es heißt, einige Sammler hätten sich schon bei ihren Galeristen beschwert. Kunst lebt von Einzigartigkeit, und wo bleibt die, wenn tausende Herren in Slippern und Blazern durch die Gänge strömen. Exklusivität ist der neue Massensport, objektiv vergrößert sich die Zahl der Reichen auf diesem Planeten. Es ist schon lange nicht mehr nur europäischer und US-amerikanischer Geldadel, der in Basel shoppen geht. In diesem Jahr hörten wir viel Spanisch.

Gerhard Richter und die Wende in seinem Werk

Georg Kargl freut sich diebisch, wenn Besucher vor diesem Bild stehen: Das soll ein Gerhard Richter sein? Eine abstrakte Komposition im Hochformat, aber kein Rakelbild, keine Farbtafeln – nichts, woran man einen "typischen" abstrakten Richter erkennt. Der Galerist erklärt, es handele sich um ein "Turn-over-Bild" von 1979: Richter habe damals begonnen, mit abstrakter Malerei zu experimentieren, indem er Formen aus einer gemalten Vorlage vergrößert auf die Leinwand übertrug. Es ist ein relativ konventionelles abstraktes Gemälde, aber doch bedeutend in Richters Werk. Ein Fundstück auf dieser Messe. Es heißt, der Preis sei noch "recht moderat": 1,5 Millionen Euro.

All-inclusive-Kitsch: Der Künstler und sein Sofa

Es ist ein ewig wiederkehrender Witz in der Kunstszene: das Bild überm Sofa. Will man einen Künstler erledigen, sagt man, er mache Wohnzimmerkunst. Ein Todesurteil, immer noch, obwohl sich ein Bild im Anything-goes-Zeitalter ganz schön sträuben muss, um nicht wohnzimmertauglich zu sein. Anselm Reyle ist der moderne Kitschmaler schlechthin, bei ihm fehlt sogar das schmutzige Element, das die Bilder von Martin Eder noch irgendwie reizvoll macht. Reyles Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) hat viel Freude an seinen aufwendig produzierten Malen-nach-Zahlen-Bildern, von denen eines aus gegebenem Anlass auch das neue art-Titelbild ziert. Zu diesen Prachtstücken hat Reyle gleich die Sofas mitproduziert: schrille Möbel, die aussehen, als sei das Memphis-Design russischen Innenarchitekten in die Hände gefallen. Wer also zu seinem Reyle gleich das passende Sofa kaufen möchte, kann es hier tun – "und einer hat tatsächlich schon ein Set gekauft", erzählt die Galeristin Nicole Hackert fast ungläubig am ersten Abend. Etwas mehr als 200 000 Euro muss man hinblättern, wenn man sich aus den Höhen der Hyper-Ironie in das weiche Sofa des Banalen plumpsen lassen möchte.

Bacon, oder: Die goldberahmte Sinnfrage

Francis Bacon bei Marlborough: Kaum eine Kunst ist so sehr wertvoll und goldberahmt, so sehr Trophäe – und zugleich so wenig glatt, seicht und eingängig. Selbst den flüchtigen Betrachter, der hier auf der Messe im Sekundentakt Bilder mit seinem Hirncomputer abscannt, trifft die Wucht der Baconschen Kunst: Die einsamen Käfige, in denen seine zerlegten Figuren rotieren, lassen einen niemals kalt. Bacon in Basel: Es ist, als träfe man einen Priester auf einer Cocktailparty. (Zugegeben: Es ist ein sehr schicker Priester).

Immer ein Notfall: Die Biennale

Tobias Rehberger spricht in einem der Artist-Talks mit Kuratorin Susanne Gaensheimer über Lust und Leid, an der Venedig-Biennale teilzunehmen. Es gebe zwar einen Pavillon, sagt Gaensheimer, aber alles andere müsse man organisieren - Strom, Wasser, es sei nichts da. Was nicht immer gut geht, ezählt Rehberger: „Die Biennale ist immer ein Notfall.“ In einem Jahr habe er ein Projekt zusammen mit Olafur Eliasson und Rirkrit Tiravanija geplant, für das sie eine meterhohe und sehr breite durchsichtige Trennwand bestellt hatten und vieles mehr. Als sie ankamen, gab es ein kleines Stück Plastik, sonst nichts, auch kein Budget, aber ein Namensschild für die nicht existierende Arbeit. Sie organisierten zwar noch ein Budget, aber am Ende passierte nichts. Während der ganzen Biennale wurde weder das Budget genutzt, noch die fertige Wand geliefert. Nur das Namensschild blieb, bis zum Schluss.

Frühstück mit Serra und Brancusi

Am Morgen nach der Eröffnung: Man trifft sich in der Fondation Beyeler. Viele zum Frühstück im Museumscafé, noch mehr Sammler aller Länder in der Ausstellung, so dass sich eine lange Schlange gebildet hat. Drinnen schreitet man ehrfürchtig zwischen Richard Serras mächtigen Stahlskulpturen und Brancusis zarten Köpfen aus Bronze und Marmor durch die Räume. Die Fondation unterstreicht mit der Ausstellung den Anspruch, auch nach dem Tod von Ernst Beyeler weiter das heimliche Herz der europäischen Kunstwelt zu bleiben. Mission erfüllt.

Da wohnen wir

"Awesome!“ begeistert sich ein Besucher lauthals vor dem zweieinhalb Meter langen "Little Manhattan"-Modell. Yutaka Sone hat es akribisch aus einem zweieinhalb Tonnen schweren, weißen Marmorblock geschnitten. Der 3-D-Stadtplan ist so detailliert, dass ein New Yorker Sammlerpaar auf Anhieb die Lage seines Apartments darauf findet und lachend zur Koje von David Zwirner zwinkert. Zwirner ist auch auf der Arts Unlimited mit zwei alten Bekannten vertreten: Fred Sandback, von dem er eine aus schwarzen Fäden gespannte, geometrische Raumstudie für rund 500 000 Dollar zeigt. Und ein buntes, hängendes Wortgewimmel aus Neonröhren von Jason Rhoades, das allerdings knapp das Doppelte kosten soll.

Sehnsucht nach Blumen

Es findet sich viel Nettes und Dekoratives auf dieser Art Basel. Ihr Grundmotiv sind die vielen Blumenbilder, die einen durch die Hallen begleiten: mehrere große Blumenornamente von Beatriz Milhazes, konzeptuelle Blumenarrangements von Bill Beckley, eine "Blue Rose" von Donald Baechler bei Cheim & Reid. "Pink Recent" von Gary Hume bei White Cube, "Magnolia #2" von Annette Kelm bei Johann König, "Still Life 1" von Elizabeth Peyton und eine zwei mal zwei Meter große poppige Plastikblume von Yayoi Kusama – viele sind Arbeiten, die erst in den letzten Jahren entstanden sind. Ganz schön "awesome", wie sich hier ein Bedürfnis nach Schönheit und unbeschwerter Dekoration offenbart, auf das Künstler und Galeristen reagieren.

Das abgenagte 20. Jahrhundert

Das ästhetisch Gewohnte, vertraute Namen, gesicherte Werte scheinen den Reiz dieser art Basel auszumachen: Anish Kapoor, dessen „Leviathan“ zur Zeit im Grand Palais für Furore sorgt, ist mit einer großen roten Skulptur aus Kunstharz und Wachs auch auf der „Art Unlimited“ vertreten. Daniel Buren ist gleich im Eingangsbereich mit einer riesigen Holzkiste präsent, die mit rotem Teppich und Streifen an den Wänden ausgekleidet ist. Von James Turrell, der auch auf der Biennale für „Erleuchtung“ sorgt, gibt es eine blau illuminierte Raumecke für Zuhause. Im Hauptgang wird den Iglus von Mario Merz ein großes Forum gegeben. Doch das alles wirkt auf die Besucher doch seltsam ästhetisch müde. In den Kojen sind entsprechend die Heroen der sechziger bis achtziger Jahre zu finden, von Francis Bacon bis Robert Rauschenberg. Vor dem Hintergrund des Skandals um die gefälschten Max-Ernst-Bilder scheint die gesicherte Provenienz in diesen Tagen die größte Rolle zu spielen. Assistentinnen mit weißen Handschuhen heben permanent die Brillo-Boxes von Andy Warhol hoch, um Interessierten die Signatur zu zeigen. Zwar sollen die silbernen Wände der Koje von Thomas Ammann an Warhols Factory erinnern, doch scheint die Zeit der großen Inszenierung vorbei. Was zählt, ist Seriosität. Zeigt die Art Basel also nur das schon reichlich abgenagte 20. Jahrhundert? Auffallend ist, dass sich selbst zahlreiche jüngere Künstler an Gestaltung, Ideen und Ästhetik der Moderne abarbeiten. Zum Beispiel die amerikanische Künstlerin Sarah Morris. Ihr Video „Points of a Line“ ist eine elegische Hommage an die rationale Ästhetik der Architekten Mies van der Rohe und Philip Johnson und feiert die Freischwinger-Moderne im Stil der nostalgischen TV-Serie "Mad Men".

Sind Sie ein Künstler, der Geld braucht

Auf einer Messe, wo schon ein Glas Wasser locker fünf Franken kosten kann, wird das Geld schnell knapp, besonders für finanzschwache Künstler, die das Schweizer Kunstschlaraffenland mit eigenen Augen anschauen wollen. Für die bietet e-flux jetzt in Basel eine originelle Lösung: „Are you an artist in need for cash? Forget gallery hassels, come on down today! High! Fast!“ So lockt das New Yorker Kunstnetzwerk potenzielle Kunden in seinen „Pawnshop“. Das Leihhaus liegt stilecht im zweiten Stock eines heruntergekommenen Bürogebäudes direkt gegenüber der Messe. Dort können Kunstwerke in Zahlung gegeben werden, als Leihsumme gibt es 99 Franken, geliehen für die Dauer der Messe. Wird das Werk danach nicht wieder ausgelöst, bleibt es im Besitz der Pfandleiher und wird weiterverkauft. Der Erlös geht an "Ärzte ohne Grenzen". So kann man beim Kunstkauf auch noch sein politisches Gewissen beruhigen. Tatsächlich gibt es in dem unglamourösen Hinterzimmer-Laden tolle Schnäppchen zu entdecken: Fotoarbeiten von Annika Larsson, T-Shirts von Superflex, ein beschrifteter Schwimmreifen von Lawrence Weiner, eine Zeichnung von Nedko Solakov. Gestartet wurde das kunstmarktkritische Pawnshop-Projekt 2007 von den e-flux-Gründern Julieta Aranda und Anton Vidokle in New York. Seitdem macht das Leihhaus immer dort seine Türen auf, wo sich die Kunstszene in Scharen trifft, zuletzt auch in China, wo ein Sammler aus Hongkong gleich das ganze Inventar als Gesamtkunstwerk erwarb.

Schönster Spruch auf der Art Basel:

Die Galerie m aus Bochum hat eine große Skulptur von Richard Serra mitgebracht. „Siamese“ von 1988 besteht aus zwei mächtigen Stahldreiecken, die den Durchgang durch die Koje versperren. Ein älteres Ehepaar zögert einen Moment, dann steigen sie beherzt über die Stahlbarrieren. Dabei sagt der Mann zu seiner Frau: „Mia, wir haben die Plastik belebt!“

Ich-Identität
Der Wunsch nach Identifikation und die Suche nach Identität glimmt bei anderen aktuellen Arbeiten auf. Die poetisch-schöne Arbeit "water / colour" ist aus der Zusammenarbeit des schottischen Malers Callum Innes mit dem irischen Dichter Colm Tóibín (Sean Kelly und Frith Street Gallery) entstanden. 101 abstrakte Aquarelle in ebenso viel verschiedenen Farben erzählen in atemberaubender Schönheit die Geschichte der Hausfrau Nora, die den Tod ihres Mannes betrauert. Petrit Halilaj (Chert), der als Kind aus Prishtina floh, erinnert an seine Heimat, indem er ein großes Rasenstück aus dem Kosovo nach Basel transferiert, dessen pure Masse die Stellwände zu sprengen droht. Auch der in Berlin lebende peruanische Künstler David Zink Yi, der in seinen Arbeiten immer wieder die Frage der Identität stellt, hat in einer Art alchemistischem Prozess einen riesigen „Architeuthis“ mit Tentakeln aus Keramik gebrannt (Hauser & Wirth und Johann König). Er liegt wie gestrandet in einer spiegelnden Lache aus Zuckersirup auf dem Hallenboden, ein rätselhaftes Urtier der Meere, das auch ein Opfer der Ölkatastrophe der Deepwater Horizon sein könnte.

Der Wert der Imagination

Nicht nur Kapital und Arbeit treiben die Wirtschaft an, sondern elementares Produktionsmittel ist auch die Imagination – so lautet die These von Hans-Christoph Binswanger, Professor für Ökonomie an der Hochschule St. Gallen. Er teilt sich das Podium mit zwei anderen studierten Ökonomen: Super-Kurator Hans-Ulrich Obrist und Performance-Künstler Tino Sehgal. Während Sehgal und Obrist aus dem Wirtschaftsstudium in die Kunstwelt wechselten, ging Binswanger den umgekehrten Weg. Er stammt aus einer Familie von Künstlern, er selbst beschloss nach Streitgesprächen mit Bildhauer Hans Josephsohn, einem Freund der Familie, Ökonomie zu studieren. Das Gespräch kreist um die Geburt des Papiergelds als imaginativem Akt, der die Suche der Alchemisten nach dem Stein der Weisen ersetzte, um das Streben nach mehr im "Faust". Sehgal kennt sich gut aus im Werk von Binswanger und hakt immer wieder nach, bis der Professor seine Aussagen präzisiert. Denn eigentlich ist er inmitten all der Künstler der wahre Revolutionär: Seine Berechnungen, die Welt vertrage nur ein globales Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent im Schnitt, würden wohl auch aus der Spekulation im Kunstmarkt die Luft rauslassen.

Höhlenforschung

Zu den üblichen Ritualen auf einer Kunstmesse gehört es mittlerweile, dass man sich durch düstere Gänge tastet und in dunklen Räumen niederlässt, um dort auf eine Leinwand mit mehr oder weniger bewegenden Bilder zu starren. Auch die Art Unlimited, jene Sektion der Art Basel, die früher eher mit dramatischen Großskulpturen punktete, hat sich in ein Labyrinth für Höhlenforscher verwandelt. Hinter jeder zweiten Wand verbirgt sich eine Video- oder Lichtinstallation. Erik van Lieshout zeigt uns einen Film über lustige holländische Handwerker, die eine Rolltreppe lahmlegen, Bei James Turrell findet man am Ende des dunklen Tunnels – Überraschung! – eine blau leuchtende Lichtecke. Und in der Koje von Katarzyna Kozyra zappeln sich nackte alte Leute durch Stravinskys Ballet „Le Sacre du Printemps“. Richtig überwältigende Kunst zeigt uns dagegen Werner Herzog mit seinem neuesten Film „The Cave of Forgotton Dreams“, der im Rahmenprogramm Art Film im Kino Rex lief. Herzog hat mit 3-D-Kameras die 30 000 Jahre alten Höhlenmalereien in der Chauvet-Grotte in Frankreich dokumentiert, richtig alte Gemälde also: Nashörner im Kampf, Löwen beim Liebesspiel, Pferdeporträts und sogar eine Venus beim Bison-Sex. Jedenfalls legen das das die interviewten Wissenschaftler nahe. Außerdem kommt auch noch ein Parfumeur zu Wort, der mit seiner feinen Nase das Bouquet der Steinzeithöhle erschnüffeln will. Das ist kreative Höhlenforschung und richtig großes Kino, für das sich der Gang ins Dunkle wirklich lohnt. Noch dazu, weil die Chauvet-Höhle im Ardèche-Tal nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Zutritt haben nur Wissenschaftler. Und so einer, der Tübinger Archäologe Harald Floss, liefert nach der Vorstellung auf die Frage, ob man die paläolithische Malereien mit der heutigen Kunst vergleichen könnte, eine denkwürdige Erkenntnis: „Heute wechseln die Kunststile im Jahresrhythmus. Die Eiszeitkunst dagegen zeichnete sich durch hohe technische Fertigkeit aus und blieb über rund 30 000 Jahre gleich.“