Gallery Weekend 2011 - Berlin

Berliner Buletten

Die Kunstwelt kommt nach Berlin und art führt Protokoll: Die Berliner Buletten 2011. Mit der Suche nach Ai Weiwei, ungewohnter Ruhe in der Auguststraße, einem Geisterhaus und Tweed als Klimaanlage

Freitagnachmittag, Mitte, Auguststraße

Es ist ruhig im ehemaligen Herzen der Berliner Galerienszene. Keine fünf Minuten Wartezeit für Ai Weiwei, beim Empfang der Messe "Art Moscow" um die Ecke wird noch die Bar zurechtgerückt, bei Rainer Fetting ist auch niemand zu sehen. Kein Gedränge bei Eigen + Art, Judy Lybke gibt jedem Besucher persönlich eine Karte mit dem Weg zum temporären zweiten Raum auf der Torstraße.

Dann erhält jeder auch noch eine persönliche Kurzerklärung zur Ausstellung: Olaf Nicolai hat die letzten Weber in Crimmitschau, Sachsen, gefunden, die noch Farbverläufe aus Naturseide weben können. Der entstandene Vorhang in Regenbogenfarben hängt an den Wänden.

Freitagabend, Osramhöfe im Wedding

Das ist die Wüste, aber die Karawane ist definitiv woanders: gähnende Leere im Hof, niemand in den Galerien, außer einem, der die vollen Sektkartons wegschleppt. Wer mit Laufkundschaft nicht rechnen kann, dem helfen womöglich Agenten: Hinter einer Stellwand in den weitläufigen Hallen von Max Hetzler taucht ein Schweizer Museumsdirektor mit zwei Sammlern im Schlepptau auf. Geduldig erklärt er die Unterschiede zwischen den neuen Bildern von Albert Oehlen, was schließlich gar nicht so einfach ist. In der Galerie von Guido W. Baudach wird nicht erst der Versuch gemacht, den Saal mit Kunst zu füllen. Andy Hope 1930 beschränkt sich auf die linke Hälfte, zeigt eine Handvoll bunte Malewitsch-Superman-Kreuzungen und eine Gruppe von Spanplatten-Skulpturen: schwarze Löcher hinter Flohmarktrahmen. Das ist wahre Tiefe, zu 40 000 Euro das Stück.

Freitagabend, Potsdamer Straße

London is Calling: Harry Blain ist wieder da. In Berlin kennt man den Londoner Galeristen und seinen Partner Graham Southern als die großspurigen Chefs der von Christie‘s finanzierten Galerie Haunch of Venison. Letztes Jahr stiegen die beiden nach einer pompösen Damien-Hirst-Ausstellung plötzlich aus dem Unternehmen aus. Kurz darauf machte der gigantische Space in der Heidestraße dicht. Das Galeristen-Duo eröffnete derweil in London unter eigenem Namen eine neue Galerie mit vielen der Haunch-of-Venison-Künstler. Pünktlich zum Gallery Weekend präsentierten sie nun ihre Berlin-Dependance. Und auch hier bleiben sie ihrer Devise treu: Warum kleckern, wenn man klotzen kann? Sie haben das ehemalige Druckereigebäude des "Tagesspiegel" an der Potsdamer Straße gemietet, eine monumentale Fabrikhalle mit Schwindel erregender Deckenhöhe und mitten drin in Berlins neustem Trendbezirk. Hier zeigen sie eine einzige Arbeit von Sue Webster und Tim Noble, den Brit-Art-Stars, die für ihre anzüglichen, aus Müll arrangierten Schattenskulpturen bekannt sind. Für Berlin haben sie sich mit dem Architekten David Adjaye zusammen getan – auch ein Londoner Szenestar. Er hat im zweiten Stock der Fabrik ein Labyrinth aus dunklen Tunneln entworfen, die einen auf schiefen Holzplanken und spitzen Winkeln zum "Heiligtum" führen: zwei ausgefranste Kugelstrukturen im Scheinwerferlicht, deren Schatten an der Wand – na was wohl? – die Köpfe der Künstler abbilden. Muss man noch erwähnen, dass es sich bei dem Material der Kugeln um vertrocknete, vergoldete Kleintierkadaver handelt? Oder dass sich die Künstler von ägyptischen Grabkammern inspirieren ließen und verlauten lassen, dass "Kunst eine religiöse Erfahrung" sei? Am Eröffnungsabend standen jedenfalls ähnlich wie im Tal der Könige hunderte von Leuten geduldig Schlange, um sich vom Glanz der neuen Pharaonen blenden zu lassen.

Freitagabend, am Schöneberger Ufer

Hier sind sie alle. Ein steter Strom von Kunstsuchenden läuft von der Potsdamer Straße am Ufer des Landwehrkanals entlang. Streng genommen gehört die Galerie Isabella Bortolozzi nicht zum Reigen des Gallery Weekend. Aber die Sound-Installation der Turner-Preisträgerin Susan Philipsz dort ist so sirenenhaft betörend, dass wir sie einfach nicht missen möchten. Beschallt von einem Kuckkucksklang-Kanon kann man sich etwas von dem aufgekratzten Weekend erholen. Ein Haus weiter: Die neuen Räume von Esther Schipper in der Beletage sind vergleichsweise bourgeois gestimmt. Clou der Einzelausstellung des Mexikaners Gabriel Kuri dort ist eine nihilistisch mit Teerpappe überzogene Kopiermachine. Sammler, die man bei Schipper wie auch andernorts zahlreich sichtet, stammen übrigens größtenteils aus Europa. Die Klientel jenseits des großen Teichs hat sich zu dieser Ausgabe des Gallery Weekends selten rar gemacht. Was den Abtrünnigen entgangen ist: Nicht nur ein summa summarum qualitätvolles Kunstwochenende, sondern auch die ungemein originelle Verköstigung zum VIP-Start in der italienischen Botschaft am Donnerstagabend. Rotwein aus 'mundgerechten' Marmeladengläsern und eingeschweißte italienische Coppa wie vom 1-Euro-Shop. Super Einfall, käme vermutlich auch in der Kunstprovinz von Eckernförde an.

Freitagabend, Auguststraße

Für mindestens eine Stunde ist es die bestbewachte Ausstellung des Gallery Weekends. Polizisten patroullieren vor Ai Weiweis Schau in der Galerie Neugerriemschneider – Amnesty International leistet kurioserweise Hilfestellung. Der Grund: Außenminister Guido Westerwelle hat sich angekündigt, will offenbar weiter die Versäumnisse der deutschen Aufklärungsausstellung in Peking aufzeigen. Der abrupt vor einem Monat verhaftete Dissident Ai Weiwei bleibt spurlos verschwunden. In der Galerie herrscht hingegen eine kuriose Anspannung, als sei das wandelnde Ready-Made Ai Weiwei selbst anwesend. Zwei abgestorbene Baumriesen aus den südchinesischen Bergen strecken ihre verdörrten Arme gegen die Decke. Inseln aus weißen, blau geränderten Porzellanbrocken machen sich dazu gesteinsartig am Boden breit. Eine sehr symptomatische Märchenlandschaft für den chinesischen Künstlerstar: Natur versus geschliffenes Handwerk, Kultur versus Zerstörungskräfte. Der Transport der Objekte aus Ai Weiweis Studio sei reibungslos verlaufen, verlautet es bei Neugerriemschneider. Er selbst habe die Ausstellung samt Rendering noch vor drei Monaten selbst konzipiert. Ungewollt ist Ai Weiwei dabei ein Mahnmal auf Zeit gegen die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen Chinas gelungen – gerade weil er in dem Moment so schmerzlich fehlt.

Freitagnacht, Potsdamer Straße

Tweed als Klimaanlage, darauf können nur exzentrische Herren aus England kommen. Gilbert & George jedenfalls schwören darauf, dass ihre maßgeschneiderten Anzüge ihnen auch in heißesten Situationen Kühlung verschaffen. So saßen sie ganz diszipliniert in der überhitzten Galerie Arndt und signierten freundlich lächelnd Bücher wie am Fließband.
Ihr neuestes Werk ist nämlich ein elf Kilo schwerer Doppelband mit all ihren wunderbaren Postkartenbildern, ( "The Complete Postcard Art by Gilbert and George"), hat über 1080 Seiten und kostet schlappe 49,90 Euro. Dass sich die Künstler solch schweißtreibenden Prozeduren unterziehen, hat seinen Grund. Sie wollen, dass ihre Kunst unter die Leute kommt. Deshalb produzieren sie nicht nur kostspielige Fotounikate für finanzkräftige Sammler, sondern immer wieder preiswerte Bücher. "Wir wollen am liebsten überall gesehen werden", sagen sie.

Aber auch die konsequentesten Konzeptkünstler müssen irgendwann mal essen. Nach vier harten Signierstunden lockerten die Herrn ihre Seidenkrawatten um einen halben Zentimeter und begaben sich zum Dinner in die Joseph-Roth-Diele. Dort bestellten sie erst mal zwei eiskalte Bier im Steinkrug, dazu Flammkuchen und Sauerbraten mit Spätzle und Rotkohl – nicht gerade Frühlingskost. "Wir haben den ganzen Tag kaum was gegessen", gestand Gilbert. Selbst in der britischen Botschaft, wo sie am Mittag zu Ehren der Trauung von Kate und William eingeladen waren, hätte es kein königliches Menü gegeben. "Nur ein Stück Hochzeitstorte, das haben wir auf dem Weg zur Galerie gegessen."

Samstagmorgen im Hof der Linienstraße 155

Über dem Eingang der Galerie Neugerriemschneider hängt ein riesiges Plakat: "Where is Ai Weiwei?" Ein Vater zieht seine Tochter an der Hand durch den Hof, liest pflichtschuldig vor und übersetzt ihr dann laut: "Wer ist Ai Weiwei?". Die Frage danach, wer ein Künstler ist, ist uns Bildungsbürgern in Fleisch und Blut übergegangen. Zu fragen, wo ein Künstler ist, scheint noch ziemlich fremd zu sein.

Samstagmorgen, Kreuzberg & Mitte

Dass sie einer der Shooting-Stars der im Juni zu eröffnende Gruppenschau "Based in Berlin" wird, darauf kann man schwören. Nina Canell ist jetzt bereits parallel bei Konrad Fischer und Barbara Wien Lukatsch vertreten. Die Schwedin spinnt ihre transformatorischen Kettenreaktionen nur aus Zement und Luft, Lautsprechern und Wasser, Stromkabeln und Glocken, Türstoppern und magnetischen Steinen. Mirakulös die Installation bei Konrad Fischer, in der Canell mit rosa Chewing Gum versetzten Rohgummi über Pflöcke gerinnen lässt. Kunsteis am Arte-Povera-Stiel!

Samstagmorgen, Mitte

Kann sein, dass die Nächte des Galeriemarathons doch etwas zu bewegt und lang und feucht waren. Gerwald Rockenschaub lässt sich jedenfalls am Samstag in seiner Ausstellung bei Mehdi Chouakri nur abgedunkelt mit einer Sonnenbrille blicken. Auf einer Wand präsentiert der Österreicher gebührend werbekräftig seine aus einer Wolfsburger Ausstellung ausgekoppelten Reliefs. In der dritten Dimension wirken die Icons noch viel reizvoller als gemalt. Unter dem Confiserie-Titel "Lady Linda" wurden Blume, Tropfen, Doppelherz zu Minimal-Art-Formen eingebacken.

Samstagmittag, Oranienburger Straße

Sterling Ruby lässt keine Bäume, dafür aber blutrote Stalagmiten in Richtung Galeriedecke emporwachsen. Bei Sprüth/Magers ist dem ganz zu Recht angesagten Bildhauer aus Los Angeles eine sensationelle Inszenierung gelungen. Phallisch konjugiert er in der zentralen Halle einen in den Farben der US-Flagge gehaltene skulpturaler Alptraum durch, erinnert zugleich an den Exzess und die Freiheitsliebe von Hippie-Höhlen. In den Hinterräumen wartet Ruby mit der neuesten Videoarbeit auf, die zugleich zum Skandalon des Gallery Weekends avancierte: Neun professionelle Pornodarsteller mussten beim Masturbieren vor der Kamera ihr anhaltendes Versagen zur Schau stellen. Nun ja, etwas viel Gerubbel und Nacktkörper-Projektionen um einen lächerlichen Effekt.

Samstagmittag, Torstraße

Lunch im Dudu auf der Torstraße, Stärkung für das Kunstvolk; am Nebentisch die Künstler Katharina Sieverding und Tjorg Beer. Wir essen mit den Autoren und Freunden des Kunstmagazins "Artforum". Schauspielerin Susanne Sachsse erzählt begeistert von den Dreharbeiten für den polnischen Film für die Venedig-Biennale vor zwei Wochen. Sachsse hat mitgespielt, sie schildert die erbosten Reaktionen mancher Warschauer, weil im Film ein Logo aus Davidsstern und polnischem Adler zu sehen ist. "Wie könnt ihr es wagen, den Adler zu beschmutzen?" wurde das Filmteam beschimpft. Mehr zum Film von Yael Bartana gibt es im Juni-Heft von art.

Samstag, John Bock bei Klosterfelde und im Schinkel-Pavillon

John Bock hat uns ja schon viele schöne Performance-Momente beschert: Meist hatte das mit überbordenen Räumen zu tun, halsbrecherischem Körpereinsatz, Rasierschaum, Mehl, Barockperücken... Inzwischen ist der Künstler in die Jahre gekommen und hat vielleicht auch keine Lust mehr, sich immer wieder selbst zum Affen zu machen. Bei Klosterfelde zeigte er nun eine extrem reduzierte Installation, die dennoch voll auf Kulissenzauber setzt: In der leeren, grell weiß beleuchteten Galerie öffnen sich Türen und Fenster wie durch Geisterhand, und eine Scheuerleiste klappert an der Wand. Das Ganze wird durch Bewegungsmelder und kleine Motoren gesteuert – eine Minimalversion des total verrückten Gespensterhauses. Wer den Künstler in Aktion vermisste, wurde mit einer Performance im Schinkelpavillon belohnt. In der verwunschenen, realsozialistischen Tempelanlage hinter dem Kronprinzenpalais versammelten sich bei strahlendem Sonnenschein die John-Bock-Fans. Viele hatten ihre Kinder mitgebracht. Tatsächlich gab Bock diesmal den lieben Märchenonkel. Er erzählte von kleinen dicken Maden, depressiven Bandwürmern und Aromagenusskurven – eine Textcollage aus vergangenen Vorträgen, dazu ein paar Taschenspielertricks, alles ganz lieb und zahm. Kunstbetriebskritk als Kinderbelustigung. Danach gab’s Würstchen vom Grill.

Samstagabend, Mitte

Im Kino Babylon kündigt Sarah Morris ihren neuen Film über Chicago an: "Er beantwortet keine Fragen", gibt sie sich bescheiden. In der Tat wirft der Film bei uns vor allem eine große Frage auf: Hätte ein Kamerateam eines deutschen dritten Programms schlechtere Bilder gedreht? Wohl kaum, denn Morris’ Film ist zwar ordentliches Handwerk, aber den Bildern aus den Schlachthöfen, dem Sportzentrum und dem Grundbuchamt von Chicago fehlt der geheimnisvoll-entlarvende Zauber, den Morris sonst entfaltet. Zum Beispiel in ihrem Film "Points on a line", den wir ein paar Stunden vorher im Keller der Galerie CapitainPetzel gesehen haben: Wie Morris die Fensterputzer in den Architekturikonen "Glass House" von Philip Johnson und "Farnsworth House" von Mies van der Rohe filmt, ist absolut faszinierend. Chicago leider nicht.

Samstag, kurz nach Sieben, Mitte

Eigentlich ist schon um sieben Uhr Schluss gewesen. Wir schlüpfen um Ciertel nach noch durch die Tür von „BQ“ gegenüber der Volksbühne, um einen Blick auf die Zeichnungen von David Shrigley zu werfen. Eine Gallerina setzt schon an, uns wieder hinaus zu komplimentieren, als Gott sei Dank direkt nach uns Marc Spiegler und Annette Schönholzer, Art Basel, kommen. Natürlich gibt es noch 15 Minuten Verlängerung, alles kein Problem.

Samstagabend, Gala-Dinner

Eigentlich würden wir dem Gallery-Weekend-Planern ja gern Komplimente machen: super Veranstaltung, super Gäste, super Kurzführer. Doch mit dem kleinen weiß-roten Heftchen fängt das Problem schon an. Zu unübersichtlich, zu kleine Karte, zu wenig Infos, hörten wir als Kritik, und im Restaurantteil Adressen, die es gar nicht mehr gibt. Naja, aber wozu braucht man Restaurant-Tipps, wenn ein bombastisches Gala-Dinner auf dem Programm steht? Diesmal in der kasernenartigen ehemaligen Postsortierhalle am Gleisdreieck. Da durften die geladenen Gäste an vier endlos langen Tafeln Platz nehmen und erleben, wie man über tausend Leuten eine Dreigängemenü serviert. Es funktionierte überraschend reibungslos. Doch der eine oder andere hätte vielleicht trotzdem lieber in zwangloserer Runde geplaudert, anstatt im Spalier auf Spargel und Schweinefilet zu warten. Und was die VIP-Cars angeht, sind wir auch etwas enttäuscht. Zwar stand die blitzblanke BMW-Flotte mit leuchtenden Schweinwerfern kampfbereit im Hof. Aber ins richtige Kreuzberg, das doch gerade erst zum neuen In-Bezirk ausgerufen wurde, durften die schicken Limousinen nicht fahren. Zu gefährlich, lautete die Begründung - dort wartete schließlich der revolutionäre 1. Mai.