Unpainted - München

Längst keine Nischenkunst mehr

Unpainted, eine neue Messe für Media Art in München, verspricht mit der eben erfolgten Ankündigung ihrer internationalen Teilnehmer spannend zu werden.

Eigentlich könnte man meinen, dass der Bedarf an Messen für zeitgenössische Kunst gerade in Europa bereits mehr als gesättigt ist.

Zumal der auf Gegenwartskunst kaprizierte Sammler und Galerist angesichts des an internationalen Messe-Events überfrachteten Terminkalenders im Herbst und auch im Frühjahr ohnehin schon bedenklich ächzt. Und so betrachtet man jede neu am Kunstfirmament aufpoppende Messe mit gewissem Argwohn. Mit der Mitte Januar 2014 in München unter dem Titel Unpainted aus der Taufe gehobenen Messe verhält es sich ausnahmsweise anders. Alles an dieser Messe fällt prima vista wohltuend aus dem Rahmen des Gewohnten: Die alleinige Konzentration auf Medienkunst ebenso wie der Messestandort und das mit diversen Innovationen angereicherte Format. Annette Doms, Leiterin der derzeit jüngsten Kunstmesse-Erfindung, erklärt: "Es ist nicht die erste Messe für Medienkunst in Deutschland, auch wenn sie jetzt so wahrgenommen werden mag. Unsere Messe lebt allerdings von dem enormen Synergieeffekt: Wir haben von Anfang an intensiv mit den auf dem Gebiet der Media Art relevanten Kuratoren, Galeristen, Künstlern und Sammlern zusammengearbeitet und so auch schnell den Zuspruch vom ZKM in Karlsruhe bekommen. Die Neugierde ist sehr groß. Und es gibt auch mehr Sammler aus dem Bereich, als man vielleicht zu glauben meint – sie unterstützen uns und laden sich gegenseitig ein."

Annette Doms hat sich als vormalige Assistentin des Konzeptkünstlers Joseph Kosuth bereits in den neunziger Jahren auf Neue Medien spezialisiert. Zu einer Zeit also, als der Medienhipster auf virtueller Ebene gerade in das mittlerweile nicht mehr sonderlich frequentierte Second Life eintauchte. Später konnte Doms als Galeriedirektorin professionelle Erfahrungen im klassischen Kunsthandel sammeln. Und sie erklärt, warum jetzt die Zeit für dieses sicher auch kühne Aufgebot von reiner Media Art auf einer Messe reif sein könnte: "In der Akzeptanz hat sich auf jeden Fall sehr viel geändert. Im Zuge der ganzen digitalen Kommunikation sind die Neuen Medien heute so ubiquitär, dass man sich auch das Kunstgeschehen gar nicht mehr ohne Neue Medien vorstellen kann. Es gab vor einigen Wochen beispielsweise die Aufsehen erregende erste Auktion mit Medienkunst "Paddles On!" bei Phillips in New York, die von Lindsay Howard kuratiert wurde und bei der digitale Arbeiten direkt vom Primary Market für immerhin rund 90 000 Dollar versteigert werden konnten. Howard wird auch auf unsere Messe kommen und über ihre Erfahrungen berichten."

Weder ist München selbst als Dorado der zeitgenössischen Kunst zu bezeichnen, noch gibt es hier geografisch betrachtet ein nennenswertes Einzugsgebiet von Kunstsammlern, und trotzdem haben sich schon für die erste Ausgabe von Unpainted erstaunlich viele Galerien aus der ganzen Welt angemeldet, so etwa Art Connections (Tel Aviv), Arthobler Gallery (Zürich), Bitforms Gallery (New York), Louise Alexander Gallery (Porte Cervo) und Steve Turner Contemporary (Los Angeles). Vergleichsweise zurückhaltend ist die Resonanz von deutscher Seite. Annette Doms führt das auf ein hierzulande im Kunsthandel vorherrschendes Sicherheitsdenken zurück, viele Galeristen würden erst einmal das Resultat des Messeauftakts abwarten. "Das ist schade, weil wir hier in Deutschland viele herausragende Medienkünstler haben." Mit von der Partie sind aber immerhin Rüdiger Schöttle aus München, Anita Beckers aus Frankfurt sowie die Berliner DAM Gallery, die unter der Leitung von Wolf Lieser zu den deutschen Pioniergalerien auf dem Sektor der digitalen Kunst zählt.

Medienfestivals ziehen bekanntlich Trauben von jungen Aficionados an, sind aber gerade wie das Urgestein der Ars Electronica oft doch nur eine intellektuell ausgeweitete Nische für Computernerds, deren Sinn für digitale Neuerungen nicht zwangsläufig mit dem Bewusstsein einer inhaltlich wie ästhetisch anspruchsvollen Kunst einhergeht. Wie tiefgreifend die Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Ausprägungen der Neuen Medien aber sein kann, zeigen zwei Spezialisten webbasierter Kunst der ersten Stunde, unter deren Signatur JODI (Joan Heemskerk and Dirk Paesmans) schon Mitte der Neunziger deutlich wurde, dass das Internet auch einen Datenraum hinter der Benutzeroberfläche hat, der auch eine gewisse Gefahr darstellen kann. Es soll auf der Messe also auch ausgiebig historische und aktuelle Aufklärungs- und Bildungsarbeit geleistet werden, weshalb neben diverser Panels und Workshops zu verschiedenen Themenkomplexen auch die Ausstellung "Lab 3.0" organisiert wird, für die der chinesische Multimedia-Künstler Li Zhenhua als Kurator gewonnen werden konnte – er hat unter anderen auch schon eine Triennale in Nanjing kuratorisch betreut.

So sympathisch und frisch und aufregend sich das alles anhört, letztlich bleibt Unpainted aber doch eine von möglichst guten Verkäufen abhängige Messe. Insofern gilt es natürlich nicht nur den ausgesprochenen Liebhaber der Medienkunst anzusprechen, sondern auch Institutionen und eine in ihrem Sammelspektrum weiter aufgefächerten Klientel. Doms ist sich ziemlich sicher, dass man auch den klassischer orientierten, neuen Medienausdrucksformen aufgeschlossenen Sammler erreicht. Zu Recht wendet sie ein, dass es die ausgesprochene Spezialisierung auf ein Sammelgebiet wie in früheren Zeiten ohnehin nicht mehr gibt. Man kommt den noch wenig saturierten Käufer- und Händlerkreisen im Mediensektor entgegen, wenn unter dem Label "Youngish" erst fünf Jahre am Markt befindliche Galeristen kleinere und damit günstigere Stände beziehen können. Hierfür zugesagt haben bereits Cinematics (Brüssel), DH Artworks, (Düsseldorf), Galerie Charlot (Paris) Galerie Merhart (Istanbul), Merkur Gallery (Istanbul), Transfer gallery (New York), Xpo Gallery (Paris). Und mit noch einer Neuerung wird Unpainted aufwarten: In der kuratierten Ausstellung "Lab 3.0" können Künstler autonom ohne Vermittlung eines Galeristen eine kostenlos zur Verfügung gestellte Förderkoje erhalten, müssen aber bei etwaigen Verkäufen 50 Prozent an die Messe abführen. Ein Verkaufsmodell, von dem Doms glaubt, dass es sich zumindest punktuell auch auf anderen Messen durchsetzen könnte, weil die Messegesellschaft dadurch unweigerlich selbst noch mehr bestrebt sei, Verkäufe zu optimieren.

Wer glaubt, dass er bei der rund 50 Galerien versammelnden neuen Messe mit digitaler Kunst nur bewegte Bilder und rauschende Technology vorgeführt bekommt, irrt. Die Offerten umfassen ein historisch wie medial weites Feld, angefangen von den frühen Plotterzeichnungen und Computeranimationen seit den Siebzigern, über Netzkunstarbeiten, im Computer generierte Fotografie, interaktive Skulpturen, virtuelle Realitäten, Visual Music, bis hin zur App Art oder Tablet Art. Plotterzeichnungen, die vor fünf Jahren vielleicht 1200 Euro gekostet haben, sind heute bereits bei 5000 Euro veranschlagt. Und man kann sich auf der Unpainted über Konservierungsfragen und die etwas anderen Erwerbsbedingungen ebenso kundig machen wie über die heutigen Präsentationsformen. "Viele Medienkunstsammler haben heute Screens oder auch Leuchtkästen zu Hause, aber auch Computer, Lichtinstallationen, kinetische Skulpturen spielen eine Rolle", erzählt Doms. "Was ich oft im Privatraum gesehen habe, sind auch kleine Projektoren, die auf dem Boden stehen und Bilder an die Wand werfen. Je größer die Institutionen desto mehr Präsentationspotential gibt es natürlich." Auch mit der Messearchitektur innerhalb des historischen Postpalasts von 1926 versucht man Neuland zu gewinnen, es soll weder das klassische Korridorsystem eingehalten, noch Unmengen von kerkerhaften Black Boxes installiert werden. Doms erläutert: "Wir wollen eher ein offenes, überschaubares System mit Einzelpräsentationen, so dass man als Besucher nicht so überfrachtet wird von diesen neuen Themen, die wir ja auch herbeileiten wollen." Für die Ausstellungsarchitektur zeichnet die Interior-Designerin Irmin Beck verantwortlich.

Es ist vermutlich nicht nur die richtige Zeit für eine Medienkunstmesse, sondern München gibt für dieses Scenario auch ein ziemlich gutes Pflaster ab – man denke nur an die unglaubliche Mediendichte in der bayerischen Landeshauptstadt und die Präsenz von Firmen wie IBM, Microsoft, Samsung, Siemens. Nicht zu vergessen die Sammlung Goetz mit ihrem Schwergewicht auf Medienkunst. Dass die Messe parallel zu der von Hubert Burda Media seit Jahren organisierten Konferenz Digital Life Design (DLD), stattfindet, dürfte die Anziehungskraft noch steigern. Endlich einmal eine Messeerfindung, bei der sich aller Voraussicht nach ein ganz neuer ästhetisch wie intellektuell flirrender Medienhorizont auftut.

Unpainted

17. bis 20. Januar, München, Postpalast
http://www.unpainted.net

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