Viennafair und Curated By - Wien

Ein Spiegel der österreichischen Kunstszene

Die 6. Viennafair überzeugt mit ihrem Schwerpunkt auf Galerien aus Österreich, Ost- und Südosteuropa und Künstler kuratieren Ausstellungen im Rahmen von "Curated By".
Ein Spiegel der österreichischen Kunstszene:Die sechste Viennafair

Mathias Kloser: "Peripheral Vision", 2008, Metall 64 x 88 cm in der Galerie Frey, Wien

Raschen Schritts zieht der Priester und seine Ministranten von Koje zu Koje, sprengt ein wenig Wasser auf die Kunst, murmelt ein Gebet. Ein Gläubiger aus der kleinen Prozession lädt die paar ungläubigen Stauner zur demnächst beginnenden Messe in Koje XY ein.

Zumindest von experimentellen Theatergruppen wie "God’s Entertainment" wird Kunstmesse in Österreich noch mit Messe assoziiert. Junge Avantgarde-Galeristen rümpfen über derlei platte Performances nur noch die Nase. Wovon wiederum völlig ungestört, zweimal ums Eck, Österreichs Hohepriester des Aktionismus, Hermann Nitsch, seine Jünger empfängt, Bücher signiert, die neue Symphonie erschallen lässt.
Die sechste "Viennafair" ist ein fantastischer Spiegel der Parallelwelten der österreichischen Kunstszene. Es ist keine qualitativ homogene Messe, sie legt ungemeine Sprünge hin: Zwischen dem geschäftstüchtigen Altwiener Kunsthandel, ehrgeizigen jungen Liste-Basel-Teilnehmern, der international perfekt vernetzten Wiener Galerie-Granden von Krinzinger bis Kargl und den kleinen Ständen der aufstrebenden Galerien aus Ost- und Südosteuropa. Genau diese Sprünge aber machen die in der Wiener Szene wie auch beim Veranstalter Reed, der in Paris auch die FIAC beheimatet, immer ein wenig umrangelte Messe so spannend. Ein Jahr lang streiken diese, das nächste Jahr jene Wiener Galerien. Die Fluktuation auch der internationalen Teilnehmer ist in Wien enorm, von 114 Galerien waren rund 50 voriges Jahr nicht dabei, 31 sind überhaupt Erstaussteller. Das meint Reed-Geschäftsführer Matthias Limbeck wohl mit "später Pubertätsphase" der Messe. Für den Besucher ist diese nur positiv – so bleibt es spannend, schleicht sich keine Sehroutine ein.

Auffällige Gestaltungen der Messestände

Weil es in diesem Jahr überhaupt schwer ist, haben sich einige Galerien besonders ins Zeug gelegt – die Standgestaltungen sind auffällig schön bis originell. Herausragend dabei ist der große Gemeinschaftsstand der Wiener Galerien Charim, Christine König, Gabriele Senn (die zwei letzteren konnten dieses Jahr wieder für die Messe gewonnen werden): Die Fotografin Elfie Semotan hat ihr privates Fotoarchiv geplündert und zu einer Wandtapete collagiert. Hier findet man Fotos ihrer beiden verstorbenen Künstler-Ehemänner, Martin Kippenberger und Kurt Kocherscheidt, ebenso wie Helmut-Lang-Modell Cordula Reyer. Ein Panoptikum der international durchwachsenen Wiener Kunstszene. Vor und auf diesem Hintergrund präsentieren die Galeristinnen einige ausgewählte Stücke ihrer Programme - etwa das Modell von Christoph Schlingensiefs "Church of Fear", die er bei der Biennale Venedig 2003 aufgebaut hat. Samt praktischer Sockel-Transportkiste kostet dieses Relikt nur 15 000 Euro (Edition von 5).
Den offiziellen Preis für die beste Koje aber bekam Rosemarie Schwarzwälder und ihre Galerie Nächst St. Stephan: An eine den Eingang versperrende Außenwand hängte sie ein drei mal fünf Meter großes, abstraktes braunes Waldbild von Herbert Brandl, das aus seiner großen Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen stammt (88 000 Euro). Dahinter, in einer Kammer, die manchen etwas zu sakral anmutete, präsentiert Schwarzwälder abstrakte Raumzeichnungen von Helmut Federle. Trotz guter Qualität ein wenig befremdlich mutete die Vergabe des Nachwuchs-Kojen-Preises gerade an Schwarzwälders Sohn Nikolaus Oberhuber an: Mit seiner 2009 eröffneten Berliner Galerie KOW (Koch Oberhuber Wolff) ist er gleich zum Wiener Debüt geeilt. Im Gepäck ein sehr konzeptioneller Stand rund um das Videoprojekt der beiden Franzosen Frederic Moser und Philippe Schwinger, die Godards TV-Sendung "France/tour/detour/deux/enfants", in der zwei Jugendliche existenzielle Fragen diskutieren, in die Gegenwart holen, indem sie in einer Immigrantenhochburg in Toulouse Jugendliche besuchten. Schwere Kost, die von Fach-Jurys vor allem auf Kunstmessen gerne belohnt wird.

Galerien aus Ost- und Südosteuropa

Das große Plus der Wiener Messe aber ist der Schwerpunkt auf Galerien aus Ost- und Südosteuropa. Seit Bestehen werden die Messekosten der meisten dieser Galerien von der österreichischen Erste Bank beglichen, sonst wäre eine Teilnahme für sie schlicht nicht möglich oder würde sich nicht auszahlen. Das Problem: Sind Galerien wie Raster aus Warschau erst erfolgreich, kommen sie nicht mehr nach Wien zurück. Ein Dilemma, an dem die Messeleitung wohl noch arbeiten muss. Immerhin gelöst wurde dieses Jahr das Ghetto-Problem: Anders als vorher sind die "Ost-Galerien" zwischen den anderen verstreut, nicht in einem eigenen Bereich geballt. Die Istanbuler Galerie Galerist zeigt eine Einzelpräsentation von Ayse Erkmen, einen großen Ball aus orangefarbenen Namensbändern der Künstlerin, zwei Videos, in denen sie sich die Haare trocken föhnt. Die mutigste Entscheidung aber hat der rumänische Galerist Ivan getroffen: Seine jungen Maler aus Cluj verkauft er nur "im Kammerl". Dafür widmet er den ganzen Stand Seidenpapier-Collagen (Kleider für ephemere Feiern) der Grande Dame der rumänischen Konzeptkunst, Geta Bratescu, Jahrgang 1926. Eine weitere Entdeckung sind die minimalistischen Konzept-Arbeiten von Liudvikas Buklys in der litauischen Galerie Tulips and Roses, die sich mit Andreas Huber einen Stand teilen, sie werden sich bei der Liste Basel wiedersehen. Auf der anderen Wandseite findet man schon die zweiten diesjährigen Wiener Liste-Teilnehmer: Layr: Wuestenhagen, die einen Querschnitt durch ihr junges Programm zeigen, von Fabian Seiz bis Mahony. Nebenan, bei Georg Kargl, ist man enttäuscht, dass man nicht auf Mark Dions Hochstand (inklusive Jagd-Bibliothek) hinaufklettern darf. Der Blick des Sammlers und Jägers über die Messe-Kojen ist zu verlockend … Vielleicht hätte man am anderen Ende der Halle Christian Eisenbergers ironische Jadgtrophäen erspäht: Die Kölner Galerie Teapot zeigt einen Tischfußballtisch des jungen wilden Wieners, an dem man statt Figuren mit Reh-Füßen spielt. Eisenberger bekommt Konkurrenz in der Galerie Konzett, wo ein anderes Enfant terrible der Wiener Kunstszene seinen ersten großen öffentlichen Auftritt hat: Lestardes (Philipp) Goldscheider. Er hat eine rotzig-punkige Trau-dich-doch-rein-Höhle gestaltet, mit allerlei dunklen Accessoires. "Lernt doch die beschissenen Grenzen zu überschreiten …" hat er auf den papierenen Zebrastreifen geschrieben, der unter einem Absperrband durchführt. Auch diese Trotzhaltung ist käuflich, ab 400 Euro.

Ein internationales Kuratoren Programm parallel zur Viennafair

Was aber prinzipiell auffällt auf der Messe: Es gibt ziemlich viel Objekt-, dafür fast gar keine Videokunst. Diese scheinen sich zumindest die Wiener Galerien für die Ausstellungen in ihren angestammten Räumlichkeiten aufgehoben zu haben: Denn auch in diesem Jahr und somit zum zweiten Mal, fördert die Wiener Kreativagentur "departure" parallel zur Viennafair ein internationales Kuratoren-Programm. Diesmal dürfen sich bei "curated_by" nicht internationale Kuratoren-Stars austoben, indem sie den Galeristen völlig neue Künstler unterjubelten. Diesmal wurde ganz dem internationalen Trend folgend Künstler selbst gefragt, Ausstellungen zu kuratieren – Tony Oursler in der Galerie Steinek, Valie Export bei Charim, Albert Oehlen bei Mezzanin, Erik Schmidt bei Krinzinger etc. Insgesamt 20 Galerien wurden ausgewählt, jeder bekam 6000 Euro. Kein Wunder, dass gerade die Besitzer der kleineren Galerien am Freitag recht blass um die Nase waren. So werden auch Heimspiele zu Kraftakten – musste das Sonderprojekt doch meist parallel zum Messeauftritt organisiert werden. Und dann noch die Partys, erst die der Messe in einer theatralischen Installation Heimo Zobernigs mit tiefroten Vorhängen in den ehemaligen Rinderschlachthallen St. Marx. Am Abend darauf die "curated_by"-Party im ehemals jüdischen Theater Nestroyhof. Pro Galerie gab es nur 20 Eintrittskarten, was zusätzliche Nerven kostete. Vor allem Dana Charkasi, die immerhin die ganze Klasse von Pawel Althamer an der Wiener Akademie zu versorgen hatte. Die erst 2007 eröffnete kleine Galerie am Fleischmarkt hat sich am meisten ins Zeug legen müssen – und wurde belohnt: Althamer ließ nicht nur seine Studierenden lustige Filme drehen (Requisitenraum und Screening-Raum sind die ganze Ausstellungsdauer in Betrieb). Er überlegte sich eine ganz neue Arbeit für die mittelalterlichen Gemäuer der Galerie: In eine Puppenzimmer-Installation wird eine Art Gute-Nacht-Film für Althamers Sohn projiziert, in dem sich der Vater in der Wiener Virgilkapelle unter dem Stephansplatz zum goldenen Ritter schlagen lässt, um sich dann Obdachlosen und sonstigen anderen Randgruppen zu widmen.

Filmhistorische Aufklärungsarbeit

Filmtheoretischer geht es in den meisten anderen Galerien zu: Künstler und Experimentalfilmer Josef Dabernig etwa leistet in der Galerie Andreas Huber filmhistorische Aufklärungsarbeit. Er zeigt den hierzulande praktisch unbekannten siebenstündigen Film "Satantango" des Ungarn Bela Tarr. Von etwaigen Übernachtungen in der Black Box ist allerdings noch nichts bekannt. Vom Hardcore-Experimentalfilmer Martin Arnold hat man sich keine narrativen Exzesse erwartet – und überrascht daher mit der Wahl von Runa Islams zwischen Traum und Realität oszillierendem Film "Rapid Eye Movement". In der Galerie Martin Janda denkt er bildlich über das Blinzeln des Filmbetrachters nach. Eine eigene Arbeit Arnolds zeigt das Happy End eines Micky-und-Goofy-Streifens im irritierenden Rückwärtslauf. Owen Land macht mit den "China Girls" bekannt, anonymen asiatischen Schönheiten, die am Anfang von Filmrollen zum Zweck der Farbabstimmung in die Kamera starren mussten. Etwas ratlos steht man bei Meyer Kainer vor dem wandfüllenden, abgefilmten Foto eines Models. Die Aufnahme ändert sich pro Tag nur einmal und das nur unwesentlich. Welchen Zusammenhang das mit dem roten Ad-Reinhardt-Gemälde im Raum davor zu tun hat, warum das Ganze 1991 heißt – und warum Galeriekünstler Mathias Poledna als Kurator geführt wird, nur weil er eine Gemeinschaftsarbeit mit Karthik Pandian zeigt, bleibt rätselhaft. Aber durchaus wunderschön im Ergebnis.

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