Frieze Art Fair - London

Dicke Autos, heiße Mädchen und andere Gags

Auf der Londoner "Frieze" herrscht Kaufrausch-Stimmung. Galerien und Künstler setzen auf witzige Kunst, Sammler schlagen hemmungslos zu – bei Preisen in Millionenhöhe
Kaufrausch im Regent's Park:Reißender Absatz auf Londons hipper Kunstmesse

Kunstmesse als Autosalon: Richard Prince stellte für die "Frieze" einen 69er Dodge Charger samt vollbusigen Model auf eine Drehscheibe

Viele hatten befürchtet, dass sich die kürzliche Unruhe im internationalen Finanzmarkt negativ bemerkbar machen würde. Nichts dergleichen. Alle kamen am Eröffnungstag, von Londons Supersammler Charles Saatchi über den New Yorker Hedge Fund Manager Tannenbaum bis zu Modeschöpfer Tom Ford und Model Claudia Schiffer. Sie waren nicht zum Sehen, sondern zum Kaufen gekommen. Die Stimmung war gut, es wurde wie wild gekauft. Der New Yorker Galerist David Zwirner brauchte nur wenige Minuten, um seinen gesamten Stand an den Mann zu bringen. Stefan Ratibor, einer der Direktoren von Larry Gagosians Londoner Dependance, nannte die ersten Stunden "fantastisch". Arbeiten von Tracey Emin, Richard Serra, Franz West und Georg Baselitz gingen weg wie warme Semmeln, und das bei Preisen bis zu 800 000 Dollar.

Die Galerie Jablonka aus Köln und Berlin verkaufte am ersten Tag drei von fünf Abzügen des riesigen Foto-Tableaus "The Deluge" des exzentrischen Modefotografen David LaChapelle, voller nackter Körper, die sich vor der Sintflut zu retten versuchen. Preis: 175 000 Dollar pro Stück. Auch die Tate Modern durfte einkaufen gehen: Mit der Spende einer Sammlergruppe in Höhe von 150 000 Pfund kaufte das Institut vier Arbeiten, darunter "Moulin Rouge" von Andreas Slominski auf dem Stand der Berliner Galerie Neu - eine weiß getünchte hölzerne Windmühle. Tate-Direktor Sir Nicholas Serota bedankte sich bei der Messe, kritisierte aber die großen Galerien für ihre eher konservative Haltung. Sie gingen zu sehr auf Nummer sicher, meinte er, und zeigten zu wenige Arbeiten von Museumsqualität.

Einige Galerien setzten auf Gags, um Kunden anzulocken. So beschäftigte Londons White Cube erneut die bösen Brüder Jake und Dinos Chapman. Im letzten Jahr malten sie für 4000 Pfund komische Porträts von Besuchern, in diesem Jahr beschmierten sie am Eröffnungstag unentgeltlich ihnen von Besuchern gereichte englische Banknoten. Dass das strikt verboten und mit einer Geldstrafe geahndet wird, schien sie nicht zu stören. Und der New Yorker Gavin Brown baute einen Flohmarkt auf und ließ Künstler ihre Ware verscherbeln: von Tony Oursler signierte ausrangierte TV-Fernbedienungen für 50 Pfund, eine Dame, die sich Lippenstift-Königin nannte, verkaufte Lippenstifte und Jonathan Horowitz kleine Figuren mit Aufschriften wie "Auch Sammler sind Menschen".

Humor war auch bei den von der Messe eigens in Auftrag gegebenen Arbeiten. Der Italiener Gianni Motti setzte einen lebendigen englischen Bobby in Uniform in Yogahaltung auf den Boden, um auf die Notwendigkeit für inneren Frieden hinzuweisen. Lara Favaretto lud die Queen zum Eröffnungstag ein, vergeblich. Stattdessen pinnte sie ihren Einladungsbrief und die abschlägige Antwort an einen Baum. Kris Martin fordert jeden Nachmittag um vier Uhr über Lautsprecher zu einer Schweigeminute auf, die am Eröffnungstag nur durch den Ausruf des New Yorker Galeristen Tony Shafrazi unterbrochen wurde, was denn der Krampf solle. Und der große Richard Prince stellte einen echten Dodge auf eine Drehscheibe, zusammen mit einer vollbusigen Schönen, die ab und an das gelbe Gefährt polierte. Kunstmesse als Autosalon?

Die Messe dauert bis Sonntag, den 14. Oktober. Die Organisatoren erwarten noch mehr Besucher als die 63 000 des vergangenen Jahres. Und obwohl sie keine Verkaufszahlen bekanntgeben, hoffen sie und die Galeristen auf noch höheren Umsatz.

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