Marc Spiegler im Interview

Art Basel hat nur drei Messen

Im art-Interview spricht Marc Spiegler über die Situation in Hongkong und erklärt, warum die Galerien im kommenden Jahr auf ihren Durchbruch in Asien hoffen können
Basel, Miami, Hong Kong:art-Interview mit dem Messechef

Zeigt sich zufrieden: Marc Spiegler, Director der Art Basel

Herr Spiegler, welche Bilanz ziehen Sie von der Messe in Hongkong und was ist der größte Fortschritt gegenüber dem Start 2013?

Ich bin sehr zufrieden. Sie hätte kaum besser sein können. Magnus Renfrew, der Asien-Direktor der Art Basel, hat beobachtet, dass die westlichen Galerien bessere Werke mitbrachten, ich habe den Eindruck, die asiatischen Galerien haben dieses Jahr bessere Stände gemacht. Wir hatten einen starken Start letztes Jahr, diesmal ist die Messe aber vielleicht noch ein Stück klarer. Die Galeristen öffnen ihre Kojen, es gibt weniger Krustelecken, alles ist grosszügiger, luftiger. Das kommt offenbar sehr gut an.

Wie reagiert die Stadt auf die Messe?

Die South China Morning Post hat der Messe den Aufmacher und einen Sonderteil gewidmet. Die Art Basel in Hong Kong wird nicht als fremder Eindringling wahrgenommen, sondern als wichtiger Teil der Stadt. Das ist nicht selbstverständlich und belohnt die großen Anstrengungen, die wir unternommen haben. Nächstes Jahr wird sich das noch einmal verbessern.

Warum?

Wir haben die Messe von Mai auf Mitte März vorverlegt. Das erlaubt es westlichen Galeristen, Sammlern, Museumsdirektoren und Kuratoren zu kommen, die bisher durch die Überschneidung des Termins mit den Auktionen in New York, mit der Biennale in Venedig, mit der Frieze New York oder durch die Nähe zur Art Basel verhindert waren. Da wird uns viel Interesse entgegengebracht. Beim Gallery Weekend und der Frieze New York sagten mir viele, dass sie 2015 nach Hongkong kommen wollen. Dieses Jahr gab es viele kleine Verbesserungen, nächstes Jahr können wir einen großen Durchbruch im asiatischen Markt für Galerien erleben.

Das heisst, dass mehr wichtige Galerien aus Europa und den USA kommen?

Es hört sich so an. Die Galeristen haben von ihren Kollegen gehört, dass es in der Region einen starken Markt für westliche Kunst gibt, wenn man bereit ist, gute Werke mitzubringen und sich auf die Sammler einzulassen. Man muss ihnen Zeit geben und Vertrauen aufbauen. Das gilt für jeden Bereich des Marktes, auch für die großen Namen. Wer sich nur auf seine Reputation verlässt, hat es dagegen schwer.

Welche Rolle sehen Sie dabei für die Art Basel?

Eine Messe muss Galerien helfen, neue Sammler zu gewinnen. Natürlich ist es besser, wenn Sammler, die man kennt, kommen und Werke kaufen, als am Ende der Messe alles wieder einpacken zu müssen. Aber eigentlich wollen die Galeristen doch mit einem Adressbuch voller neuer Kontakte nachhause fahren.

Wie erfolgreich war die Messe dabei? Woher kamen die Sammler?

Wir haben sehr viel in Asien unternommen, von Pressekonferenzen bis zu Dinners mit Dutzenden von Sammlern. In China gingen wir nicht nur nach Peking und Schanghai, sondern auch nach Chengdou, Hangzhou, Guangzhou... Wir erklärten, wer wir sind, was eine Messe ist, wie Galerien funktionieren. Viele dieser Sammler kamen jetzt zur Messe. Wir hatten auch deutlich mehr Sammler aus Japan, Korea und Australien. Zur selben Zeit konnten wir viele junge Sammler aus Europa, dem Mittleren Osten und den beiden Amerikas begrüßen. Auch wichtige Museumsgruppen aus den USA wie das Smithsonian waren da. All das trägt zur Stärke der Messe bei. Natürlich gab es Sammler, die wegen der Terminüberschneidungen nicht kommen konnten.

Wie schwierig war die Überschneidung mit Frieze New York?

Es gab sicherlich ein paar Galerien, die wir gerne hier gehabt hätten und die nicht kommen konnten. Es gab auch ungefähr 40, die an beiden Messen teilnahmen. Auch gibt es eine Gruppe von Top-Sammlern und Beratern, für die die New Yorker Frühjahrs- und Herbstauktionen unverzichtbar sind. Viele von ihnen werden nächsten März aber in Hongkong sein.

Manche Galeristen stöhnten hier über die vielen Messen. Sie seien kaum noch zu meistern.

Art Basel hat nur drei Messen.

Erwarten Sie, dass die Galerien an diesen teilnehmen statt an denen anderer Veranstalter?

Jede Galerie muss das für sich entscheiden. Ich weiß, dass sich einige wichtige internationale Galerien überlegen, nur zu den Messen der Art Basel zu gehen. Wir bieten zu drei unterschiedlichen Terminen im Jahr Messen in Asien, Europa und in Amerika an. Wenn jemand das Gefühl hat, es genügt, einmal pro Jahr in jeder Region präsent zu sein, könnte er das tun. Aber es ist nicht unser Ziel, dass an allen drei Messen möglichst dieselben Galerien anzutreffen sind. Das wäre langweilig. Wir haben verschiedene Auswahlkomitees. Wer für Basel angenommen wird, wird vielleicht für Miami Beach abgelehnt und für Hongkong akzeptiert. Uns interessiert auch nicht, welche Messen eine Galerie sonst noch besucht. Wir erwarten, dass sie bei unseren Messen einen sehr guten Stand zeigt. Das ist schwieriger, wenn man zu viele Messen bespielt.

Es ist nicht leichter, nach Basel zu kommen, wenn man an der Art Basel in Hong Kong teilnimmt?

Das denken manche Galeristen zwar, aber es stimmt nicht. Selbst wer an der Art Basel teilnehmen kann, hat keine Garantie für Miami Beach oder Hongkong. Da wird eine Systematik unterstellt, die es nicht gibt. Es ist auch nicht so, dass jemand in den Galleries Sektor der Art Basel kommt, nur weil er dreimal in den Statements war. Da gibt es keine Algorithmen. Was natürlich hilft, ist, dass die Galerie bekannter ist. Das Komitee und die Messe wissen besser, wie sie funktioniert, wie sie ihre Stände gestaltet. Aber abgesehen davon entscheidet, wie man sich unter den Mitbewerbern positioniert. Die Art Basel hat davon ja auch keinen Vorteil. Uns ist es wichtig, für jede Region eine möglichst gute Messe zu bekommen. Das Auswahlkomitee für Miami Beach hat bei seinen Entscheidungen die Situation in Amerika vor Augen, in Europa geht es um den Kontext dort, genauso in Asien. Wir sind natürlich in der Luxusposition, zwischen vielen grossartigen Galerien diejenigen auswählen zu können, die am besten in eine bestimmte Messe passen.

Wie gut kümmern Sie sich um die Zusammensetzung des Auswahlkomitees?

Ich wähle die Mitglieder aus. Einen Teil habe ich übernommen. Wo es Neubesetzungen zu treffen galt, habe ich darauf geachtet, dass nicht nur europäische Galerien vertreten sind. Für die Messe in Basel haben wir jemanden aus Asien und aus Amerika. Die Komitees aller drei Messen sind viel internationaler geworden. Und die Mitglieder sind nur für eine begrenzte Zeit ausgewählt. Für Basel haben wir allerdings das Problem, dass es vier Termine für die Auswahlarbeit gibt, das schaffen viele Galeristen von außerhalb Europas nicht, weil sie ohnehin das ganze Jahr unterwegs sind.

Wenn man sich die Art Basel in Hong Kong dieses Jahr anschaut, fällt auf, dass die klassische Moderne noch immer zurückhaltend vertreten ist. Trauen die Händler dem Markt noch nicht ganz?

Wenn man sich die Auktionen anschaut, sieht man, dass viele asiatische Sammler kaufen. Es gibt in dieser Region also einen Markt dafür. Andererseits gibt es einfach nicht mehr so viele Arbeiten aus diesem Zeitraum. Der Großteil der Werke befindet sich in Museen oder in Sammlungen, die nicht verkaufen müssen. Da macht es nicht viel Sinn, einen neuen Markt aufzubauen. Womit sollte man ihn versorgen? Das kann man übrigens bei allen Kunstmessen beobachten, vielleicht am wenigsten bei der Art Basel und der TEFAF. Aber der klassische Sektor ist bei uns in Hongkong nicht so viel kleiner als in Miami Beach, vielleicht macht er zwei Drittel aus. Man muss auch sehen, als die Art Basel 1970 begann, setzte sie 1900 als ihren Anfang. Seither sind 44 Jahre vergangen. Wenn wir da sieben Jahrzehnte zurückgehen, sind die Klassiker die Künstler von 1945, also nach dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich wissen wir, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Aufbruch in viele Richtungen gab, der die Kunst heute noch mit prägt. Und wir wollen diesen Bezug behalten, so gut es den Händlern noch möglich ist.

Erwarten Sie, dass die Art Basel Hong Kong in drei, vier Jahren mehr bedeutende Werke der großen Künstler der Nachkriegsjahrzehnte zeigen wird?

Durchaus. Daneben darf man aber nicht vergessen, dass es aus demselben Zeitraum großartige Künstler aus dem asiatischen Raum gibt. Gutai wurde in den letzten Jahren wiederentdeckt, aber die Abstraktion aus diesen Ländern wird von uns gerade erst wahrgenommen. Da hat es noch unglaublich viel Potenzial, etwa aus Korea. Wir hoffen natürlich, dass die Galerien diese Künstler hierher bringen.

Wie ist es mit Gerhard Richter und westlichen Künstlern seiner Generation?

Da wollten die Händler vielleicht nicht riskieren, dass sie ihn hier noch nicht verkaufen. Dann können sie ihn ja nicht drei Wochen später an der Art Basel gleich wieder anbieten. Das wird sich deutlich ändern, wenn die Messe nächstes Jahr im März stattfindet. Wenn dieses Jahr ein Sammler im April einem Galeristen ein ausserordentliches Werk von Gerhard Richter angeboten hätte, würde der sich wahrscheinlich für Basel und nicht für Hongkong entschieden haben. Nächstes Jahr ist Hongkong für Einlieferungen vom Anfang des Jahres vielleicht die bessere Alternative, als bis im Juni auf Basel zu warten.

Sie haben die asiatische Klassik angesprochen. An einem Stand war eine junge Künstlerin zu sehen, die mit der traditionellen Tuschetechnik arbeitet. Ihre Bilder waren bei westlichen wie östlichen Sammlern heiß begehrt. Haben Sie Pläne, diesen Bereich an der Art Basel Hong Kong zu stärken?

Tuschemalerei gehört zur asiatischen Kunstgeschichte. Das wollen wir berücksichtigen, aber nicht im Sinne eines eigenen Sektors. Wir richten in Basel auch keinen Sektor für Impressionismus ein. Aber wir sind sehr aufmerksam auf Künstler, die mit dieser Tradition arbeiten. Einer von ihnen war beispielsweise auch im Rahmenprogramm, den "Conversations" zu hören.

Eine letzte, eher strategische Frage: Frieze ist in New York, FIAC geht nach Los Angeles. Müssen Kunstmessen große globale Unternehmen werden? Stehen sie in einem Kampf, den sie nur als Supertanker überleben?

Ich kann da nur für die Art Basel sprechen. Sie wurde von Galerien gegründet und hat deren Unterstützung zu ihrem Ziel. Und wir wurden von Galeristen gebeten, eine Messe in Asien zu etablieren. Sie wollten in diesen Raum kommen, aber mit jemandem, den sie kannten und dem sie vertrauten. Unser Vorgehen unterscheidet sich auch stark von demjenigen der anderen Messen. Wir gehen in Städte, die kulturell noch nicht so stark entwickelt sind. Wenn wir nach Hongkong oder Miami kommen, sind wir die Hauptattraktion in dem Sinn, dass wir den Galerien volle Aufmerksamkeit verschaffen können. Wir geben der Stadt einen Input für die Entwicklung ihrer Kunstlandschaft und behalten dabei eine wichtige Position. In Paris, London und New York ist eine Kunstmesse dagegen Teil eines sehr breiten Angebots, das bereits vorhanden ist und gegen das die Messe und ihre Galerien sich durchsetzen müssen.

Dann sind die anderen Messen keine Herausforderung für die Art Basel?

Die größte Herausforderung sind nicht die anderen Messen, sondern die grossen Auktionshäuser. Die Kunstmessen befinden sich da alle in einer ähnlichen Situation. Die Auktionshäuser übernehmen seit ein paar Jahren Aufgaben, die traditionell zum Kerngeschäft der Galerien zählten. Das betrifft von der Versteigerung zeitgenössischer Kunst bis zu private sales sehr viele Felder. Wenn wir heute globaler auftreten, dann auch deshalb, weil wir unseren Galerien einen globaleren Markt erschliessen wollen. Wenn wir das nicht machen, verlieren die Galerien an Bedeutung. Unsere strategische Sorge ist nicht der Wettbewerb mit anderen Kunstmessen, sondern wie wir für die nächsten zehn, 15 Jahre ein Umfeld schaffen können, in dem Galerien erfolgreich arbeiten und die Entwicklung ihrer Künstler fördern können.

Art Basel Hong Hong

Termin: 15. bis 18 Mai 2014 im Hong Kong Convention and Exhibition Center
https://www.artbasel.com/en/hong-kong