Berlin Art Week - Highlights

Thema: freie Wahl

Kunstherbst in Berlin: Rebellion, Schwindelgefühle, Zündstoff, Digitalisierung und Vergessenes

Die Hundstage sind unwiderruflich vorüber, und mit den ersten in der Hauptstadt aufgezogenen Herbstwolken ist man aufgefordert, sich unverzüglich in die Art Week zu stürzen.

Kein übergreifendes Thema, wie im letzten Jahr der etwas verunglückte Reigen zur Malerei verbindet diesmal die Institutionen im Berliner Kunstherbst. Um so mehr ist strategische Planung gefragt.

Starten wir also bei einer ambitionierten Gruppenschau, die aufgrund ihrer Taumelgefahr unbedingte Konzentration erfordert. "Schwindel der Wirklichkeit" in der akademie der künste im Tiergarten erforscht das doppelbödige Realitätsverständnis im Koordinatenkreuz von ästhetischer Produktion und gesellschaftlicher Realität, Digitalisierung und Selbstbestimmung des Betrachters. Mit dabei sind unter anderen Bruce Nauman, Thomas Demand, Tino Sehgal, das metabolische büro zur reparatur von wirklichkeit und der auf Geheimdienste abonnierte Enthüllungsmeister Trevor Paglen. Ähnlich rebellisch geht es in der der Deutsche Bank Kunsthalle zu: Meschac Gaba aus Benin hat dort als Kuckucksei ein imaginäres Museum of Contemporary African Art eingerichtet. In den Kunst-Werken hypnotisieren der zurecht gehypte kalifornische Künstler Ryan Trecartin und sein Kollektiv mit Tag- und Nachtaufnahmen aus einem Tempel der Freimaurer in Los Angeles.

Dreh- und Angelpunkt bleibt die Verkaufsschau abc in der Station Berlin. "Das zeitbasierte Beiprogramm aus Performance, Künstlerbands, Theaterstücken und Talks ist diesmal ganz auf die 110 Positionen der beteiligten Galerien abgestimmt", sagt Leiterin Maike Cruse. Die eigentliche Eröffnung lässt noch bis nächstes Jahr auf sich warten, zur art week aber wird das imposante ehemalige Gebäude der Kindl-Brauerei in Neukölln schon einmal mit angemessenem künstlerischen Zündstoff eingeweiht. "Schon früh war mir klar, dass ich das Kesselhaus mit einer ortsspezifischen Intervention von Roman Signer eröffnen will", sagt Andreas Fiedler, Kurator des privat finanzierten Kunstzentrums im denkmalgeschützten Brauerei-Areal. Michael Sailstorfer widmet sich im Haus am Waldsee ganz uneitel der "B-Seite" seines bisherigen Werks: selten gezeigte oder bereits vergessene Arbeiten aus den letzten 15 Jahren.

Die Vergabe des Preises der Nationalgalerie 2013 an Mariana Castillo Deball war umstritten: In ihrer Soloschau im Hamburger Bahnhof kann man überprüfen, ob und wie viel Frida-Kahlo-Folklore tatsächlich in den ethnografischen Opernszenarien der Mexikanerin steckt. Eine verspätete Entdeckung dürfte das Oeuvre von Moshe Gershuni sein: Im Glaspavillon der Neuen Nationalgalerie wird erstmals außerhalb Israels sein von Überlebenschiffren durchsetzter Malereikosmos umfangreicher vorgestellt.

Art Week 2014

Berlin, verschiedene Orte,
16.09.—21.09.2014

http://www.berlinartweek.de/