Sabrina van der Ley - Art Forum

Machtspielchen im Hintergrund sind unprofessionell

Das große art-Interview mit Sabrina van der Ley, künstlerische Leiterin der Kunstmesse "Art Forum Berlin", über Konkurrenz durch Michael Neffs Projekt "Art Berlin Contemporary", den Messestandort Berlin und internen Veränderungsbedarf.

Frau van der Ley, rund 50 Berliner Galerien planen Anfang September eine messeähnliche Verkaufsausstellung mit dem Titel "Art Berlin Contemporary" (ABC). Was halten Sie von dieser Initiative?

I am not amused – um es diplomatisch zu formulieren. Vor allem die Terminierung scheint mir ausgesprochen problematisch. Selbstverständlich kann ich die Verärgerung in der Galerieszene über die Verschiebung des "Art Forum" auf einen Termin Ende Oktober, also nach "Frieze" und "FIAC", gut verstehen. Aber das zum Anlass zu nehmen und eine "messeähnliche Verkaufsausstellung" zwei Monate vor dem "Art Forum" zu veranstalten, schwächt den Standort anstatt ihn zu bereichern und zu stärken. Sammler, Kuratoren und Museumdirektoren werden kaum zweimal im Herbst nach Berlin reisen, müssen sich also entscheiden, welchen Termin sie wahrnehmen wollen. Das hilft weder der "Art Berlin Contemporary" noch dem "Art Forum".

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Strecken Teaser

Handelt es sich denn um eine Konkurrenzveranstaltung zum "Art Forum"?

Die "ABC" müsste durchaus nicht als Konkurrenz zum "Art Forum" aufgezogen werden. Aber mit ihrer Terminwahl Anfang September bauen die Organisatoren, unbeschadet gegenteiliger Äußerungen, ganz bewusst eine Konkurrenzsituation auf, anstatt Synergien mit dem "Art Forum Berlin" (AFB) herzustellen und den Kunstmarktstandort Berlin gemeinsam attraktiver zu machen. Das ist ausgesprochen bedauerlich, und die Machtspielchen im Hintergrund sind schlicht unprofessionell. Bei allem internationalen Erfolg kann man für einige der tonangebenden Berliner Galeristen nur konstatieren, das sie standortpolitisches Denken vermissen lassen und Berlin mit der Schwächung des "AFB" einen Bärendienst erweisen. Was den direkten Vergleich von "AFB" und "ABC" betrifft, so muss man natürlich die erste "ABC" abwarten, um wirklich urteilen zu können. Allerdings hat Michael Neff das "ABC"-Konzept bereits in Frankfurt erprobt und damit Schiffbruch erlitten. Die Idee, die Messe im Stil einer Ausstellung zu inszenieren, ist darüber hinaus alles andere als neu. Die Basler "Art Unlimited" funktioniert nach diesem Prinzip, und auch die "Art Forum" Sonderausstellungen, die jeweils von international renommierten Kuratoren konzipiert werden, verbinden Ausstellungscharakter und Verkaufsfunktion. Allerdings sind die Ausstellungen in Basel und beim "Art Forum" Zusatzangebote, die Galerien haben daneben ihre klassischen Stände. Das macht meines Erachtens viel Sinn: Eine Messe muss immer auch ein Marktplatz sein und damit notwendigerweise ein paar "Kramecken" haben. Die Galerien müssen zum Beispiel die Möglichkeiten haben, Kabinette einzurichten, in denen Sammler und Kuratoren auf Entdeckungsreise gehen können. Wem das nicht schick genug ist, der muss halt ins kuratorische Fach wechseln.

Gab es Gespräche mit dem Initiator Michael Neff, der auch das diesjährige "Weekend" organisiert?

Gesprächsbereitschaft in Richtung der "Gallery Weekend"-Organisatoren gab und gibt es von unserer Seite jedes Jahr aufs Neue. Bereits im letzten Herbst haben wir Kontakt mit Michael Neff gesucht, um potentielle Synergien auszuloten, leider ohne Rückmeldung. Auch in diesem Jahr haben Beiratsmitglieder des "AFB" versucht, eine Kooperation mit dem "Gallery Weekend" herbeizuführen, leider ebenfalls ohne Erfolg.

Sehen Sie Probleme, diese "ABC"-Galerien nun ins "Art Forum"-Boot zu holen? Wieviel Galerien nehmen an beiden Veranstaltungen teil?

Der Kern der Initiatoren von "ABC" und "Gallery Weekend" nehmen ja schon länger nicht mehr am "Art Forum" teil. Wir haben immer wieder versucht, sie ins Boot zu holen und werden darin sicher auch nicht nachlassen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, das sich schlussendlich so etwas wie eine standortpolitische Vernunft durchsetzen wird und die "ABC" parallel zum Gallery Weekend im Frühjahr stattfindet, die Weekend Galerien im Herbst aber wieder am "Art Forum" teilnehmen. Wir gehen derzeit von rund 20 Galerien aus, die sowohl an der "ABC" als auch dem "Art Forum" teilnehmen, aber die "ABC"-Teilnehmerliste ist ja noch nicht bekannt.

Wie viele Galerien haben nach der Verschiebung des "Art Forums" auf Ende Oktober/Anfang November ihre Anmeldung zurückgezogen?

Das neue Datum stand vor Versand der Bewerbungsunterlagen fest. Die Galerien wurden also nicht von der Verschiebung überrascht. Umso erfreulicher ist es, dass wir wieder über 400 Bewerber haben, darunter viele international renommierte Galerien. Wir werden, trotz der misslichen Terminverschiebung, auch dieses Jahr eine qualitätsvolle und spannende Kunstmesse auf die Beine stellen, die mit einer Reihe Überraschungen aufwarten kann.

Immer wieder wird von einigen Galerien in Berlin das "Art Forum" bemängelt – was antworten sie solchen Kritikern?

Kritisiert wird zum einem, dass das Art Forum nicht international genug wäre, dabei haben wir immer rund 60 Prozent ausländische Galerien. Zudem fehle der Glamour und es nähmen nicht genug erstklassige Galerien teil. Erstaunlicherweise kommt diese Kritik hauptsächlich von einigen zweifelsohne erstklassigen Berliner Galerien, die selbst nicht am "Art Forum" teilnehmen und sich gegenüber ihren internationalen Kollegen gern wegwerfend über die heimische Messe äußern. Stellen Sie sich nur mal für einen Moment vor, wenn wichtige Berliner Galerien nicht ab 2003 auf die Londoner "Frieze", sondern auf das "Art Forum" gesetzt und ihren Kollegen und Sammlern klargemacht hätten, dass Berlin nicht nur Produktionsstandort von Kunst, sondern auch der designierte europäische Marktplatz ist: Dann spielte das "Art Forum" längst in der Champions League. Was den Glamour anbetrifft, so hatte Berlin immer einen etwas anderen Stil; eine gewisse Nonchalance gehört einfach zu dieser Stadt.

Wo besteht aus Ihrer Sicht Veränderungsbedarf an der Messe?

Fraglos kann das Teilnehmerfeld des "Art Forum" optimiert werden. Neben den spannenden jüngeren Galerien braucht die Berliner Messe noch mehr internationale Spitzenklasse, und in diesem Bereich haben wir Nachholbedarf. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass es nicht zu einem dauerhaften Schisma der Berliner Szene kommt, dass das "Art Forum" im kommenden Jahr wieder unangefochten die zentrale Berliner Herbstveranstaltung und damit auch für mehr internationale Spitzengalerien ein Muss ist. Trotzdem muss das "Art Forum" sein eigenes Profil wahren und eine Entdeckermesse bleiben. Darüber hinaus muss sich eine Kunstmesse grundsätzlich immer wieder neu erfinden. Das ist mitunter nicht einfach, denn wie schon gesagt, bleibt eine Messe letztlich immer Marktplatz. Aber der Markt möchte geködert und umworben werden, will neue Formen und Experimente sehen, und vor allem immer wieder aufs Neue die Stars und Newcomer der Szene – und vor allem gute Kunst.

Letztlich aber zählen auf einer Messe vor allem die Verkäufe. Nun haben sich die Verkaufszahlen auf dem "Art Forum" stetig positiv entwickelt, dennoch gibt es Verbesserungsbedarf. Wir haben die Zusage der Messe, dass das Programm für Sammler und Museumskuratoren substanziell erweitert werden kann. Auch für internationale Journalisten werden wir ein eigenes Programm auflegen. Wir sind im Gespräch mit Messeleitung und Wirtschaftssenat über zusätzliche Investitionen im PR- und Marketing-Bereich. Sie dürfen bitte nicht vergessen, dass das "Art Forum" im Vergleich zur nationalen und internationalen Konkurrenz deutlich unteralimentiert ist. Das soll sich in Zukunft ändern.

Gibt es im nächsten Jahr eine Rückkehr auf den alten Termin Ende September?

Die Geschäftsführung der Messe hat bei einem Gespräch mit Staatsekretärin Kisseler, der Chefin der Senatskanzlei, Wirtschaftssenator Wolf und mir zugesagt, dass unser ursprünglicher Termin Ende September/Anfang Oktober in den kommenden Jahren garantiert wird. Ich gehe davon aus, dass diese Aussage Bestand hat.

Haben Sie das Gefühl, die Messegesellschaft tut genügend, um dem "Art Forum" den Rücken zu stärken?

Gelegentlich hat es hier sicher einige Verständigungs- und Verständnisprobleme gegeben. Wir hatten in den letzten Wochen aber mehrere intensive Gespräche, und es ist davon auszugehen, dass die Messe Berlin das "Art Forum" in einem härter werdenden Markt auch mit den nötigen Mitteln ausstattet, um gegenüber der internationalen Konkurrenz bestehen zu können.

Was ist dran an den Gerüchten um die Übernahmeofferte durch die Veranstalter der amerikanischen Armory-Show?

Mir ist nicht ganz klar, wer dieses Märchen in die Welt gesetzt hat. Es gab im Winter Verhandlungen zwischen der Messe Berlin und Gruner & Jahr über eine mögliche Beteiligung am "Art Forum" in Kooperation mit der "Düsseldorf Contemporary Art Fair". Das Land Berlin möchte sein "Art Forum" behalten.

"Art Forum Berlin"

Termin: 31. Oktober bis 3. November 2008, Berlin.
http://www.art-forum-berlin.com