Art Cologne - Kunstmesse Köln

Bienenzauber im offenen Raum

Die Art Cologne präsentiert sich mit neuem Programm und schlanker Teilnehmerliste. Die ganz Großen sind nicht gekommen, aber im Mittelfeld gibt es Entdeckungen zu machen. Ein Stimmungsbericht aus Köln.
Bienenzauber im offenen Raum:Stimmungsbericht von der Art Cologne

Sinnbild der Krise: 20 Japaner in dunklen Anzügen starren stundenlang ins Leere – die Liveperformance "Business" von Anca Munteanu Rimnic

Alle Jahre die gleiche Frage: Was wird denn nun aus der Art Cologne? Die traditionsreiche Kölner Veranstaltung – "die Mutter aller Kunstmessen" – kämpft seit Jahren um ihre Position auf dem internationalen Kunstmarkt. Zuerst war die Verschiebung des Kunstorbits in Richtung Berlin das Problem, dann schwerfälliges Management und Kölner Klüngel, jetzt droht die Finanzkrise den dynamischen Relaunch zu torpedieren.

Der neue Direktor Daniel Hug hatte versprochen, die festgefahrenen Strukturen aufzubrechen, strahlende Galerienamen in die Kojen zurück zu holen, die Messe zu verschlanken und zu entrümpeln. Zumindest was die letzten Punkte angeht, hat der lässige Galerist aus Los Angeles Wort gehalten. Zur Eröffnung der 43. Ausgabe präsentierte sich die Art Cologne an Dienstag so kompakt wie nie auf lediglich zwei Ebenen der Halle 11 des Deutzer Messegeländes.

Mit 184 Galerien ist die Zahl der Teilnehmer auf ein überschaubares Maß geschrumpft. Aus Köln und Düsseldorf sind wieder alle wichtigen Adressen dabei – auch Michael Werner und Art-Cologne-Mitbegründer Hans Mayer, der letztes Jahr aus Frust der Messe ferngeblieben war. Überhaupt sind Galerien aus dem Rheinland und dem süddeutschen Raum überproportional gut vertreten. Aus Berlin sind dagegen "nur" 25 Galerien angereist, darunter viele kuriose Newcomer wie Nice and fit, COMA oder Galerie im Regierungsviertel, dafür fehlen wie schon seit Jahren bekannte Namen wie Eigen+Art, Galerie Neu oder Contemporary Fine Arts.

Das weite Spektrum Klassische Moderne ist mit Händlern wie Thomas, Berinson und Salis & Verte solide vertreten. Diesem Bereich wird in Köln traditionell viel Bedeutung beigemessen. Früher waren diese Galerien in den oberen Messeebenen angesiedelt. Jetzt hat sie Hug in der unteren Etage, in Höhe des Eingangsbereichs, platziert. So schreitet der Messebesucher zunächst vorbei an den Zeugnissen jüngerer Kunstgeschichte. Bei Henze & Ketterer etwa gibt es wunderbare Holzschnitt-Drucke von Karl Schmidt-Rottluff zu bewundern (9500 bis 19 000 Euro). Hier hängt auch Ernst Ludwig Kirchners kapitales Aktgemälde "Mädchen auf Diwan" – mit einem Preisschild von 2,4 Millionen Euro das teuerste Werk der Messe. Am Eröffnungstag gab es noch keine Interessenten, aber Wolfgang Henze strahlte dennoch vor Zuversicht. "Wir haben schon ein paar gute Verkäufe abgeschlossen. Von Krise ist bei uns nichts zu spüren." Auch für Kirchners "Akt mit schwarzem Hut", einem bedeutenden Holzschnitt des Künstlers, gebe es schon mehrere ernsthafte Anfragen. Sein Kölner Kollege Hubertus Melsheimer hat eine museumsreife Suite von Radierungen von Giorgio Morandi im Angebot, an denen auch schon einige rote Punkte klebten.

Große, teure Werke sind die Ausnahme

Auch die Düsseldorfer Galerie Luddorff hat Klassiker wie Max Ernst, Emil Nolde und Karl Hofer im Gepäck, bietet zudem aber auch eine kleine Sonderschau mit Werken von Gerhard Richter (bis 400 000 Euro). Bei Michael Werner wiederum sieht man Werke der deutschen Malerheroen Georg Baselitz, Sigmar Polke und Jörg Immendorf, aber auch magische Bilder des jüngeren Malerkollegen Peter Doig (bis 360 000 Euro), Hans Mayer bietet u.a. eine dekorative Metallschrottplastik von John Chamberlain (625 000) und Nam June Paiks Video-Skulptur "Venus" (415 000 Euro). Große, teure Werke sind jedoch die Ausnahme auf dieser Messe. Die meisten Galerien brachten ein wohl selektiertes Angebot im unterem und mittleren Preissegment mit, eher kleinformatig und häufig auch Editionen. Die Hamburger Galerie Levy etwa bietet schöne kleine Collagen des britischen Popkünstlers Peter Blake (12 000 bis 30 000 Euro). Drei Zeichnungen von Mel Ramos für je 15 000 Euro sind bereits verkauft. Und auch C.O. Päffgens symbolträchtiges Bild "Mond über Krise" an der Außenwand seiner Koje ist für 16 000 Euro weggegangen. "Die Krise ist vorbei", strahlt Thomas Levy.

Wer der gediegenen Berechenbarkeit des unteren Hallenteils entkommen will, gelangt über die Rolltreppe hinauf zum "Open Space". Vor fünf Jahren hatten unter diesem Namen zum ersten Mal junge Galerien kaum bekannte Künstler präsentiert, gedacht war die Schau als wilde Talentshow und kleine Gegenmesse innerhalb der Messe. Daniel Hug hat das Konzept des "Open Space" übernommen, und die Organisatoren Kathrin Luz, Adelheid Teuber und Meyer Voggenreiter haben es im Vergleich zum letzten Jahr noch ein Stück weiter getrieben: Die einzelnen Stände sind im Winkel von 45 Grad zum Rest der Messe verdreht, so wollte man anscheinend sicher gehen, dass es auf jeden Fall eine "schräge" Veranstaltung wird. Zudem ließ man den weißen Teppichboden der letzten Jahre einfach weg, die Besucher schlurfen auf nacktem Messeboden, was den Eindruck einer ehemaligen Fabrikhalle oder eines Ateliers verstärkt. Es soll auf keinen Fall zu gemütlich werden: Statt des ohnehin schon kargen Gestühls, mit dem auf Messen Galeristenrücken gemartert werden, sind nur niedrige Kisten als Sitzgelegenheit zugelassen; manche Galeristen kauern unglücklich mit ungesund gebogenem Rücken vor ihren Laptops, andere entscheiden sich gleich für die Stehposition. Unter Besuchern hörte man Klagen über die Durchmischung der Werke und Galerien: Die Stände stehen oft sehr nahe zueinander, und es fällt manchmal nicht ganz leicht, herauszufinden, wer hier überhaupt wen vertritt.

Bienenzauber auf dem "Open Space"

Allerdings ist es ja nahezu Konsens, dass Kunst unbequem sein soll; wer sich auf das Gewusel zwischen schrägen Wänden einlässt, kann Entdeckungen machen. Sebastian Brandle zeigt eine schöne Plattenspielerskulptur von Julia Bünnagel, Schirin Kretschmann lässt bei den Karlsruher Junggaleristen Ferenbalm Gurbrü Station in einer sympathisch irren Installation Speiseeis aus einer braunen Ledertasche auf den Boden tropfen, bei der Hamburger Galerie Art Agents schwebt Eric Eleys elegante Konstruktion aus Schnüren und Holzlatten. Der heimliche Hit des "Open Space" aber ist ein Oldie: Das 30-minütige Video "Immersion" (1974-76) des Amerikaners Mark Thompson, das in der Open Space-Box der Galerie Thomas Zander läuft, kündigt sich von draußen durch unheimliches Summen an. Auf der Leinwand sieht man zunächst nichts weiter als verwischte schwarze Punkte, die durch den blauen Raum sausen. Es sind Bienen vor strahlendem kalifornischem Himmel. Dann taucht ein Männerkopf im Bild auf. Im Nu schwirren die Bienen um den Künstler herum und lassen sich auf ihm nieder, Tausende und Abertausende, bis sein ganzes Gesicht und die Schultern mit einer dicken Schicht aus Insekten bedeckt ist. Der Trick dabei sei, so erklärt der 58-jährige Künstler, dass man sich eine Bienenkönigin auf den Kopf setzt. Dann käme das Bienenvolk von allein. Ganz still stehen und sehr vorsichtig einatmen, müsse man allerdings. Auch als Betrachter hält man unwillkürlich die Luft an. Und freut sich über ein Werk, dass mit elementaren Mitteln faszinierende Bilder und Assoziationen erzeugt.

Auch die Leipziger Galerie Laden für Nichts hat in Köln für einen Hingucker gesorgt. Mitten in der Koje prangt ein riesiger Kunststoffkopf mit blonden Haarfetzen – eine groteske Karikatur des Skandalschauspielers und Bad-Boy-Vorbilds Klaus Kinski. Mit dem aus Stoff genähten Schlauchkörper erinnert die Skulptur an chinesische Drachenfiguren und Karnevalsumzüge. Das ist vielleicht nicht ganz so feinfühlig wie der Bienenzauber nebenan, aber es erfüllt seinen Zweck und macht auf den Künstler Paule Hammer aufmerksam. Sein Kinski-Kopf gehört zu den mit Abstand am meisten fotografierten Werken der Messe.

"Kunst verkaufen ist Arbeit"

Eingerahmt ist der "Open Space" von etablierten Galerien mit zeitgenössischem Programm. Darunter die Gebrüder Lehmann aus Dresden/Berlin. Sie waren jahrelang nicht in Köln vertreten gewesen, Daniel Hug hat um sie geworben, und so feiern sie ihre Comeback in diesen Hallen, u.a. mit neuen kleinformatigen Arbeiten von Frank Nitsche und Eberhard Havekost. Alexander Ochs zeigt als Pionier und letzte Mohikaner fast als einziger Teilnehmer noch chinesische Kunst – kaum noch vorstellbar die Chinesenwelle, die vor drei Jahren über alle Messen kam. Bei der Stuttgarter Galerie Hammelehle und Ahrens herrscht Gleichmut angesichts der Finanzkrise – "wir haben den Kunstmarkthype sowieso nicht mitgemacht". Ein Satz, den man übrigens häufiger hört – keiner will plötzlich beim großen Goldrausch dabei gewesen sein.

Am Stand von Clemens Fahnemann herrscht am ersten Tag Hochbetrieb: 20 Japaner in dunklen Anzügen starren stundenlang ins Leere, umarmen sich schweigend und lassen sich zwischendurch ermattet auf dem Fußboden nieder. Die asiatischen "Businessmen" sind Teil einer Arbeit der rumänischen Künstlerin Anca Munteanu Rimnic – Leiharbeiter für ein Tableau Vivante passend zur Krise. Nebenan zeigt Clemens Fahnemann aber auch noch Arbeiten seiner Zugpferde Imi Knoebel, Hans Hartung und Günter Förg. Der Berliner Galerist ist ein Art Cologne-Veteran und dementsprechend gelassen, wenn man ihn nach der Krisenstimmung fragt. "Bei uns läuft es gut, aber natürlich ist Kunst verkaufen auch Arbeit", sagt Fahnemann. "Die jüngeren Galeristen sind zu ungeduldig. Als ich die ersten Jahre auf der Messe war, habe ich kein einziges Stück verkauft, und den Champagner allein getrunken."

Zu wenig potente Sammler

Vorläufiges Fazit: Internationalen Glamour und die Superstars der Szene sucht man auch auf der diesjährigen Art Cologne vergebens – auch wenn der neue Direktor aus der Glamour-Metropole Los Angeles kommt. Die Verkaufsmeldungen halten sich im Rahmen. Sicher, da flitzten die Rubells, amerikanische Großsammler aus Miami von Stand zu Stand, auch Christian Boros und seine Gattin Karen Lohmann waren zur Stelle, Ingvild Goetz und Peter Raue schlenderten durch die Gänge... Aber ob die wirklich zum großen Einkauf kamen oder wie so viele andere einfach nur zum Gucken, bleibt abzuwarten. Unter der Hand klagte jedenfalls so mancher Galerist, dass zum Eröffnungsabend viel zu wenig potente Sammler angereist seien. Da werden Fragen zum Hallenwechsel, Teppichboden oder der richtigen Deckenfarbe ganz schnell unwichtig. Letztlich kann die Art Cologne nur überleben, wenn sie ein Must-See-Event auf dem internationalen Kunstkalender bleibt – also eine Bienenkönigin, um und über die die Sammler schwärmen. Und das ist manchmal reine Glückssache.

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