abc - Berlin

Kinderspielplatz für Erwachsene

Die etwas andere Berliner Kunstmesse abc – art contemporary berlin eröffnet in den alten Postsortierhallen am Gleisdreieck mit einer munteren Gruppenschau: 130 Galerien zeigen jeweils ein "Projekt". Viel Stoff zum Gucken, wenig potente Käufer.
Stoff zum Gucken:Berliner Kunstmesse abc kommt lässig daher

Die abc in Berlin gibt sich in ihrer sechsten Ausgabe mit ausgefallenen Istallationen und Performance betont lässig und jugendlich. Jens Fänges wandfüllendes Kunstwerk "Das Schauspiel" ist eine von wenigen Malerei-Arbeiten, präsentiert von der Galerie Magnus Karlsson

Biertisch und Bratwurstgrill, das ist da erste, was man sieht, wenn man die abc besucht. Die etwas andere Berliner Kunstmesse – die sich immer noch davor scheut, Messe genannt zu werden –, präsentiert sich bei ihrer sechsten Ausgabe betont lässig und berlinmäßig jugendlich.

Das heißt, es gibt Bier und Bionade statt Champagner, und wo in Basel zur Vernissage betuchte Unternehmergattinnen mit Hermès-Taschen und schwerem Goldschmuck durch die Messehallen wandeln, ist in in Berlin das typische Mitte-Publikum unterwegs: Künstler, Kreative und sehr viele junge Eltern mit Kleinkindern vorm Bauch. Dazu passt natürlich wunderbar die performative Wandarbeit "Paries Pictus" des südafrikanischen Street-Art-Künstlers Robin Rhode, der Kinder mit überdimensionierten Wachsmalstiften geometrische Formen an der Wand ausmalen lässt. Die Muster sollen an Bauklotz-Spiele der Bauhaus-Zeit erinnern und gleichzeitig "Fragen der Autorenschaft aufwerfen", erklärt eine Mitarbeiterin der südafrikanischen Galerie Stevenson, die die Arbeit auf der Messe präsentiert.

Solche ephimeren, projektbezogenen, eher schwer verkäuflichen Arbeiten bestimmen das Bild der abc. Da ist die peitschenschwingende Lady auf der Projektbühne "Upcoming Exhibitions" oder die dem Verfall preisgegebenen Pflanzenmobiles von Luca Trevisani bei der Galerie Mehdi Chouakri. Am Stand der Wiener Galeristin Gabriele Senn signieren Michael Riedel, Daniel Richter und ein britscher Musiker namens Eddie Argos Plakate – es ist das Covermotiv von Argos' neuer CD, die in Daniel Richters Musiklabel erscheint und das Riedel gestaltet hat. Bei der Galerie Alexander Levy schwingen über den Köpfen der Besucher zwei Industrielampen in gefährlicher Asynchronität, eine Arbeit von Julius von Bismarck. Und Tanya Leighton hat Schilder aus den amerikanischen Vorgärten – Wahlplakate, handgemalte Warnungen und Maßregelungen für die Nachbarn – aufgestellt. Die Arbeit von Sharon Hayes besteht insgesamt aus 148 Original-Schildern und war am Vernissage-Abend für 50 000 Euro noch zu haben.

Ja, es gibt auch "richtige" Bilder zu sehen, aber traditionelle Kunsttechniken und -formate kommen fast nur als systemkritische Zitate vor. Echte Entdeckungen sind die geometrischen Abstraktionen des jungen tschechischen Malers Vladimir Houdek (Polansky Gallery) und die virtuose Malerei-Installation des Schweden Jens Fänge (Galleri Magnus Karlsson). Und absolute Hingucker sind die neuen Bilder von Mark Flood, die Javier Peres (Peres Projects) an seinem Stand präsentiert. Flood, ein US-Künstler aus Houston, Texas, produziert seit den achtziger Jahren krude Word-Paintings und witzige Übermalungen von Starpostern. Auf der Messe zeigt er zudem attraktiv leuchtende Abstraktionen – eine augenzwinkernde Budget-Version von Richters minutiös ausgeführten Unschärfe-Bildern.

Apropos Budgets: Trotz moderater Preise liefen die Verkäufe am ersten Messetag eher schleppend. Fast hatte man den Eindruck, das Publikum begreift die abc mehr als Festival, auf dem es viel zu sehen und coole Leute zu treffen gibt, wo man zur Erinnerung aber höchstens mal ein T-Shirt oder Buch kauft. Das mag für gute Party-Stimmung ausreichen, bei vielen Galeristen stieß man bei der Frage nach Verkäufen jedoch auf etwas gequälte Gesichter.

Für die Veranstalter steht eben der Dialog mit der Kunst im Vordergrund. Und manchmal wohl auch die Konfrontation. Die Galerie Morra Arte Studio hat dazu den alten Sudel-Aktionisten Hermann Nitsch eingeladen. Da hängen nun Bilder seiner Blutorgien an der Wand, Mütter mit Kleinkindern wandeln ungerührt daran vorbei, während der Meister auf einem Stuhl friedlich vor sich hindöst. Die Athr Gallery wiederum, eine Galerie aus Saudi-Arabien und damit sicher die ungewöhnlichste Messeteilnehmerin, präsentierte islamkritische Arbeiten des saudischen Künstlers Musaed Al Hulis, darunter auch einen Gebetsteppich aus Kettengliedern und Eisenschlössern. Anstatt den Besuchern diese Arbeiten zu erklären, mussten die Galeristinnen aber ständig die Wand mit nackten Männern und Frauen, eine Fotocollage von Ryan McGinley, kommentieren. Die gehörte zwar nicht zu ihrem Stand, war aber unübersehbar direkt davor aufgebaut. Spätestens da sehnt man sich doch nach dem klassischen Kojenprinzip zurück.

abc – art berlin contemporary

19. bis 22. September,
Berlin
http://www.artberlincontemporary.com